# taz.de -- EU-Handelspolitik gegenüber China: SPD-Ministerien für härtere Gangart
> Wegen Wettbewerbsverzerrung aus China fordert die SPD Zölle. Die Union
> ist skeptisch. Die EU hofft, dass China Exporte freiwillig begrenzt.
(IMG) Bild: Die SPD fordert Zölle: Los geht es in Richtung Europa, die chinesischen Lastautos werden für den Export verladen
afp/dpa/rtr | Die SPD-geführten Bundesministerien dringen auf eine
[1][härtere Gangart der Regierung gegen China]. Das geht aus einem Papier
zur Vorbereitung des anstehenden Koalitionsausschusses hervor, über das
zuerst die Zeit berichtete. „Chinas Wirtschafts- und Handelspolitik stützt
sich auf ein Geflecht aus staatlichen Subventionen, administrativ
gesteuerten Überkapazitäten und wirtschaftlichem Zwang“, heißt es darin.
Chinesische Unternehmen hätten deshalb Wettbewerbsvorteile, die mit rein
marktwirtschaftlichen Mitteln nicht möglich wären. Diesen Verzerrungen
müsse Deutschland „robuster“ entgegentreten.
## Untersuchung wegen Plug-in-Hybriden
Die SPD-Ministerien argumentieren in ihrem Papier, China verletze
systematisch [2][die bestehenden Regeln des Welthandels]. Deshalb solle
sich Deutschland zum Beispiel bei der EU für eine
Antisubventionsuntersuchung gegen chinesische Autokonzerne einsetzen, die
Plug-in-Hybride herstellen. Dabei wird geprüft, ob ausländische Hersteller
durch staatliche Unterstützung unrechtmäßige Wettbewerbsvorteile haben.
Gegebenenfalls kann es dann Ausgleichszölle geben. Außerdem soll strikter
gegen Produktpiraterie vorgegangen und die Verletzung von Arbeits- und
Umweltstandards stärker berücksichtigt werden, durch die China niedrige
Exportpreise erreicht.
Im Koalitionsausschuss am Mittwoch wollen die Spitzen von Union und SPD den
Umgang mit China beraten. Zuletzt war man angesichts einer wachsenden
Bedrohung durch Billigimporte aus China zwar bereits auf einen etwas
restriktiveren Kurs eingeschwenkt. Der Zeit zufolge wollen das von der
Union geführte Wirtschaftsministerium und Teile des Kanzleramts
Handelsschutzmaßnahmen aber nur sehr zurückhaltend nutzen.
## Deutsch-französischer Expertenrat gegen pauschale Zölle
Die Exportflut aus China lässt sich nach Ansicht von Wirtschaftsexperten
aus Deutschland und Frankreich nicht mit pauschalen Zöllen aufhalten. „Zu
kostspielig und zu wenig zielgerichtet“, heißt es in einer am Montag
veröffentlichten Stellungnahme des Deutsch-Französischen Rates der
Wirtschaftsexperten (FGCEE). Auch allgemeine „Buy European“-Maßnahmen seien
aus denselben Gründen abzulehnen. Der EU stehe bereits ein umfangreiches
Instrumentarium zur Verfügung, das effektiver, schneller und kohärenter
eingesetzt werden sollte.
Die Experten fordern eine gezielte EU-Strategie. Diese müsse die
wirtschaftliche Sicherheit gewährleisten, die Vorteile des freien Handels
bewahren sowie die wirtschaftliche Dominanz Chinas klug kontern. Um nicht
durch wirtschaftliche Abhängigkeiten erpressbar zu werden, fordern die
Ökonomen eine Kombination aus neuen Handelsabkommen, handelspolitischen
Schutzinstrumenten sowie einer Diversifizierung der Lieferketten bei der
öffentlichen Auftragsvergabe und der staatlichen Förderung. Langfristig
sollten die Handels- und Investitionsbeziehungen zu Staaten vertieft
werden, die als alternative Bezugsquellen für kritische Rohstoffe und Güter
dienen können. Kurzfristig wird ein rascherer und passgenauerer Einsatz
bestehender handelspolitischer Schutzinstrumente empfohlen.
Ergänzend dazu sollte die EU durch eine gezielte Industrie- und
Innovationspolitik solche Aktivitäten fördern, bei denen die EU als
wichtiger globaler Lieferant auftreten kann. Die öffentliche
Auftragsvergabe soll dabei als Erstmarkt für innovative europäische
Produkte eine Schlüsselrolle einnehmen.
„Pauschalzölle sind eine kostspielige und wenig passgenaue Antwort auf die
chinesische Wirtschaftsmacht und die Sorge um die wirtschaftliche Resilienz
Europas“, sagte Gabriel Felbermayr, Mitglied im Sachverständigenrat
Wirtschaft. „Die Politik sollte gezielt bei den Produkten ansetzen, die zu
einer Abhängigkeit von einem einzelnen Handelspartner und damit zu einer
strategischen Verwundbarkeit führen können.“
Hintergrund ist die Sorge vor Chinas wachsendem Handelsüberschuss, den
umfangreichen industriellen Subventionen sowie der führenden Rolle in
strategisch wichtigen Lieferketten, etwa bei Seltenen Erden. Ziel soll
sein, gezielt Schwachstellen zu schließen, die politisch instrumentalisiert
werden können – und nicht, Importe aus China pauschal zu drosseln. Für jede
Abhängigkeit sollte die EU prüfen, wie sich Resilienz am besten erreichen
lässt: durch den privatwirtschaftlichen Ausbau inländischer Kapazitäten,
durch die Diversifizierung von Lieferketten oder durch eine Kombination aus
beidem.
„Zur Stärkung der Resilienz braucht es nicht nur die Verringerung von
Schwachstellen, sondern auch eine Offensivstrategie“, sagte Felbermayr.
„Die EU muss den eigenen Standort so ertüchtigen, dass die Unternehmen
technische und industrielle Fähigkeiten stärken und entwickeln, auf die
die Handelspartner angewiesen sind.“
Das stark [3][wachsende bilaterale Handelsbilanzdefizit der EU gegenüber
China] zeigt die Dringlichkeit einer europäischen Strategie. Es dürfte den
Angaben nach in diesem Jahr auf etwa 400 Milliarden Euro anwachsen, was
rund zwei Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts entspreche. 2019
lag es noch bei 164 Milliarden Euro.
## EU-Handelskommissar reist nach Peking
Wenn EU-Handelskommissar Maros Sefcovic in der kommenden Woche nach Peking
reist, hofft er dort auf guten Willen: Die EU will China überzeugen,
freiwillig seine Exporte nach Europa zu begrenzen. In Brüssel arbeitet die
EU-Kommission gleichzeitig an Alternativen, um die europäische Industrie
vor der Konkurrenz zu schützen – darunter Strafzölle und neue Möglichkeiten
zum Gegenschlag.
Die EU will keinen Handelskrieg, die Sorgen um die europäische Wirtschaft
haben in den vergangenen Monaten aber deutlich zugenommen. Die EU
importiert deutlich mehr Waren aus China als umgekehrt, der Unterschied
liegt inzwischen bei einem Warenwert von mehr als einer Milliarde Euro am
Tag. Chinesische Anbieter sind billiger, etwa beim Stahl für Windturbinen
und Stromtrafos, bei Halbleitern und Batterien.
Brüssel wirft Peking vor, dieses Ungleichgewicht mit staatlichen
Subventionen absichtlich zu befeuern. Die EU-Kommission hat deshalb schon
Strafzölle auf Elektroautos aus China verhängt, die Stahlzölle verschärft
und mehrfach chinesische Firmen von öffentlichen Ausschreibungen
ausgeschlossen.
China weist die Vorwürfe zurück. Grund für den Erfolgskurs seien keine
unfairen Subventionen, sondern Investitionen in die Forschung und die
Massenproduktion der chinesischen Industrie. China sei ein Exportland wie
Deutschland, argumentiert das chinesische Handelsministerium. Der
Wirtschaftswissenschaftler Zhu Tian verweist zudem auf die schwache
Nachfrage im Land: In China wird weniger gekauft, also muss mehr exportiert
werden.
Die EU will, dass China freiwillig auf einen Teil seiner Exporte nach
Europa verzichtet, zum Beispiel bei Hybridautos. Die Verhandlungen darüber
laufen seit Wochen, öffentlich hat das Handelsministerium in Peking den
Vorschlag abgelehnt. Er verstoße gegen die Regeln der
Welthandelsorganisation (WTO) und das Prinzip des fairen Wettbewerbs.
Ob sich Sefcovic und der chinesische Handelsminister Wang Wentao in Peking
auf konkrete Zahlen einigen, ist deshalb unklar. Schon eine Einigung in
„ein oder zwei Bereichen“ wäre aus EU-Sicht „das bestmögliche Ergebnis“,
urteilt der Handelsexperte der Brüsseler Denkfabrik Bruegel, Ignacio García
Bercero. Dazu gehört auch der europäische Zugang zu Rohstoffen in China.
Der chinesische Ökonom Zhu rechnet aber damit, dass auch China „in
spezifischen Fragen“ ein Interesse an Kompromissen hat. Denn die
Alternative könnten Strafzölle sein, wie es sie schon auf Elektroautos
gibt. Peking will außerdem verhindern, dass die EU wie geplant „Made in
Europe“-Quoten für öffentliche Fördergelder einführt.
In Deutschland sind die Rufe nach einem härteren Vorgehen lauter geworden.
Mit Lars Klingbeil und Carsten Schneider (beide SPD) haben sich zwei
Bundesminister für Zölle auf Plugin-Hybride ausgesprochen – anders als in
der Debatte um Elektroautos vor zwei Jahren, als die Bundesregierung China
nicht verärgern und deutsche Exporte nicht gefährden wollte.
Grund für den schärferen Ton sind die aktuellen Schwierigkeiten der
deutschen Autoindustrie. Auch der Herstellerverband VDA zeigt sich offen
für die Strafzölle. „Bei nachgewiesenem unlauterem Verhalten ist der
Einsatz von WTO-konformen Handelsschutzinstrumenten zu prüfen“, fordert
VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Die Kommission müsse nur prüfen, ob China
wirklich unfaire Subventionen zahle.
Über Zölle hinaus kann die EU chinesische Firmen vom europäischen Markt
oder öffentlichen Ausschreibungen verbannen – dafür sind aber monatelange
Fristen vorgesehen. Die Kommission sucht im Auftrag von Deutschland und
Frankreich deshalb neue Wege, wie sie im Fall eines Handelskriegs innerhalb
weniger Stunden oder Tage reagieren könnte.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen soll Mitte Oktober erste
Ergebnisse vorlegen. Peking hat unter Verweis auf die Handelspraktiken der
aktuellen US-Regierung bereits eine Warnung in Richtung Brüssel
ausgesprochen: „Die EU ist selbst schon Opfer solcher Instrumente geworden.
Tu anderen nicht an, was du selbst nicht möchtest.“
Handelsexperte Bercero geht allerdings davon aus, dass es auf die Art der
Instrumente gar nicht ankommt. „Es fehlt nach wie vor der politische Wille,
sie zu nutzen“, sagt er. Ob sich daran etwas ändert, dürfte sich eine Woche
nach Sefcovics Reise beim Gipfel der europäischen Staats- und
Regierungschefs zeigen.
5 Oct 2026
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