# taz.de -- Mietenkampf in Spanien: Spaniens Ministerpräsident kündigt Neuwahlen an
> Das spanische Parlament hatte seine Dekrete zur Bekämpfung der Krise auf
> dem Wohnungsmarkt abgelehnt. Nun tritt Pedro Sánchez die Flucht nach
> vorn an.
(IMG) Bild: Kündigt Neuwahlen an: der spanische Premier Pedro Sánchez
dpa | Drei Tage nach dem Scheitern seiner Dekrete zur [1][Bekämpfung der
Wohnungsnot in Spanien] im Parlament hat Spaniens linker Regierungschef
Pedro Sánchez die Flucht nach vorn angetreten und eine vorgezogene Wahl
angekündigt. Seine Regierung habe schon viel erreicht, aber es bleibe noch
viel zu tun, sagte er bei einer landesweit übertragenen Fernsehansprache.
Dafür brauche es aber eine „sehr viel breitere Mehrheit im Parlament“.
„Spanien muss sich entscheiden, ob es sich der rechtsextremen Welle
anschließen oder weiterhin eine Bastion der sozialen Gerechtigkeit bleiben
will“, fügte der Sozialist hinzu.
Seine Minderheitsregierung aus sozialistischer PSOE und dem
linksalternativen Bündnis Sumar hat keine parlamentarische Mehrheit mehr,
seit die konservative separatistische Katalanenpartei Junts von Carles
Puigdemont vor knapp einem Jahr ins Lager der Opposition wechselte. Sánchez
bekommt seither kaum noch Initiativen durchs Parlament. Der letzte reguläre
Haushalt ist wegen fehlender Mehrheiten von 2023. Regulär wäre die Wahl im
Sommer kommenden Jahres.
## Neuwahl mit hohem Risiko
Die Entscheidung für eine Neuwahl ist für Sánchez sehr riskant. Fast allen
Umfragen zufolge würde die konservative Volkspartei PP mit der
rechtspopulistischen Vox eine solide Mehrheit von rund 200 der 350 Sitze im
Parlament erobern. Eine Brandmauer wie in Deutschland zur AfD gibt es in
Spanien nicht. Die PP regiert schon in vier autonomen Regionen mit Vox.
Sánchez könnte sich trotz dieses für ihn ungünstigen Panoramas für einen
Urnengang entschieden haben, weil seine Partei dann zumindest gestärkt in
die Opposition ginge, spekulierten spanische Medien wie der staatliche
TV-Sender RTVE.
Sánchez, der seit 2018 Ministerpräsident ist, und sein linksalternativer
Koalitionspartner Sumar hoffen, mit der Empörung vieler Bürger über die
steigenden Mieten und fehlenden Wohnraum ihre Wählerschaft zu mobilisieren.
Die Neuwahl werde zu einem „Referendum über die Wohnungspolitik“, sagte
Sozialminister Pablo Bustinduy (Sumar) RTVE vor Sánchez’ Ankündigung. Die
Wähler würden sehen, wer für die Menschen arbeite. Ein Mieten-Wahlkampf
würde auch etwas von den Korruptionsfällen im Bereich der Regierung und von
dem Umgang mit der Migrationskrise in Ceuta ablenken, den Umfragen zufolge
viele Spanier für sehr schlecht halten.
## Separatisten stimmen zusammen mit Gegnern jeglicher Autonomie
Vor der entscheidenden Abstimmung über die beiden Mieten-Dekrete am Freitag
hatte Junts angekündigt, dagegen zu stimmen. Zwar hatte Junts mit ihren
sieben Abgeordneten Sánchez nach der ebenfalls vorgezogenen Wahl im Juli
2023 mit in den Sattel gehoben. Vor knapp einem Jahr kündigte die Partei
jedoch die Unterstützung der Regierung Sánchez auf und stimmt seither immer
mal zusammen mit PP und Vox gegen die Regierung.
Dass eine Separatistenpartei wie Junts zusammen mit Vox stimmt, einer
Partei, die alle Autonomierechte abschaffen will, ist eine der Widersprüche
der spanischen Politik. Junts begründete den Bruch mit der Regierung mit
der Verschleppung der Amnestie für Puigdemont, der seit dem illegalen
Abspaltungsprozess Kataloniens 2017 in Belgien im Exil lebt, weil es einen
Haftbefehl gegen ihn gibt.
Dieser könnte jedoch nach einer für Dienstag erwarteten
Grundsatzentscheidung des Verfassungsgerichts zum Amnestiegesetz von 2024
für katalanische Separatisten aufgehoben werden. Eine triumphale Rückkehr
Puigdemonts nach Katalonien mitten im Wahlkampf könnte der konservativen
und rechtspopulistischen Opposition Munition liefern, schrieb die Zeitung
El País. Sánchez habe Spanien mit der Amnestie gedemütigt und gefährde den
Bestand des Staates, lautet die Kritik von PP und Vox.
## Zwangsräumung für 87-Jährige nach 70 Jahren
Die Regierung hatte am Dienstag nach der [2][aufsehenerregenden
Zwangsräumung der Wohnung einer 87-Jährigen] und [3][massiven Protesten ein
umfangreiches Maßnahmenpaket gegen die Wohnungsnot] beschlossen. Vorgesehen
waren unter anderem eine Verlängerung des Schutzes vor Zwangsräumungen,
eine stärkere Regulierung von Mietverträgen und ein Verbot des Erwerbs von
Wohnungen durch „Geierfonds“ bis 2028. Auch sollte es steuerliche
Vergünstigungen für Mieter und Vermieter geben. Zudem war in einem zweiten
Dekret eine zweijährige Verlängerung bestehender Mietverträge vorgesehen,
die bis Ende 2028 auslaufen.
Die Empörung über den Fall der Seniorin war riesig: In Madrid und anderen
Städten gingen am Wochenende wieder Zehntausende unter dem Motto „Ni una
Maricarmen más“ („Nicht eine weitere Maricarmen“) auf die Straße. In der
Hauptstadt wurde vor dem Sitz der konservativen Regionalregierung auf dem
Platz Puerta del Sol ein Protestcamp mit Dutzenden Zelten errichtet.
## Steigender Bedarf an Wohnungen – Zu wenige Neubauten
Die Krise auf dem Wohnungsmarkt Spaniens hat viele Gründe. Die
Bevölkerungszahl ist seit 2015 um drei Millionen Einwohner gestiegen, ein
Plus von sieben Prozent, wie aus Zahlen des nationalen Statistikamtes Ine
hervorgeht. Zudem steigen die Touristenzahlen stark an, seit 2018 hat sich
die Zahl der Übernachtungen in Ferienwohnungen verdoppelt, berichtete die
Zeitung El País.
In Urlaubsregionen wie den Balearen mit Mallorca, Alicante, Málaga oder den
Kanaren treten zudem viele ausländische Käufer in Konkurrenz zu
Einheimischen und treiben die Immobilienpreise in die Höhe. Zugleich werden
zu wenige Wohnungen neu gebaut. Spaniens Zentralbank geht davon aus, dass
das Wohnungsdefizit bis 2028 auf eine Million Einheiten steigen werde, wenn
sich nichts ändert.
5 Oct 2026
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