# taz.de -- Nach neun Jahren Exil: Spaniens Justiz macht Weg für Rückkehr Puigdemonts frei
> Das Verfassungsgericht kippt das zentrale Argument des Obersten
> Gerichtshofs für den Haftbefehl gegen Puigdemont, der damit aufgehoben
> ist.
(IMG) Bild: Kann Carles Puigdemont nach 9 Jahren Exil wieder zurück nach Spanien? (Archivbild, 2025, Prats de Molló, Frankreich)
dpa | Als der katalanische Separatistenführer und damalige
Regionalregierungschef Kataloniens, Carles Puigdemont, am 30. Oktober 2017
nach Belgien floh, rechnete er wohl nicht damit, dass neun Jahre bis zu
seiner möglichen Rückkehr ins Land gehen würden. Nach dem gescheiterten
Versuch, die finanzstarke Region Katalonien im Nordosten des Landes aus
Spanien herauszubrechen, musste er untertauchen und wurde von Unterstützern
in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ins Exil nach Belgien geschleust. Seither
bestand ein Haftbefehl gegen ihn, der nun nach einem heutigen
Grundsatzurteil des Verfassungsgerichts aufgehoben werden muss. Die
Rückkehr als freier Mann wäre möglich, aber den 63-Jährigen erwartet ein
anderes Land als das, aus dem er fliehen musste.
## Puigdemont geriet ins Visier der spanischen Justiz
Unter Puigdemonts Ägide war [1][Katalonien] nach dem illegalen
Unabhängigkeitsreferendum und einem anschließenden Beschluss zur Abspaltung
von Spanien 2017 ins Chaos gestürzt. Die damalige konservative
Zentralregierung setzte die Region unter Zwangsverwaltung. Während
[2][Puigdemont und andere Regierungsmitglieder] ins Ausland flohen, wurden
seine im Land gebliebenen Mitstreiter zu Haftstrafen von bis zu 13 Jahren
verurteilt, später dann aber von der Regierung unter dem linken
Ministerpräsidenten Pedro Sánchez begnadigt, [3][um Dampf aus dem
Katalonien-Konflikt zu nehmen]. Bei Puigdemont war das jedoch nicht
möglich, denn nur wer verurteilt wurde, kann auch begnadigt werden.
## Zur europaweiten Fahndung ausgeschrieben
Die spanische Justiz versuchte jahrelang, seiner habhaft zu werden. Sie
erließ einen nationalen und später auch einen europäischen Haftbefehl. Die
Vorwürfe lauteten anfangs auf Rebellion und Aufruhr, die mit langjährigen
Haftstrafen bestraft werden konnten. Der Vorwurf der Rebellion wurde später
fallengelassen, weil die Separatisten 2017 nicht zu Gewalt angestiftet
hatten. Der Straftatbestand des Aufruhrs wurde 2023 abgeschafft. Übrig
blieb der Vorwurf der Veruntreuung öffentlicher Gelder. Und der war
langlebig.
## Justiz verweigerte Anwendung der Amnestie
2024 beschloss die Regierung Sánchez ein Amnestiegesetz, das eigentlich
alle Delikte rund um das Unabhängigkeitsreferendum von 2017 abdecken
sollte. Der Oberste Gerichtshof aber weigerte sich, die Amnestie auf
Puigdemont und andere Mitstreiter anzuwenden. Die Richter griffen zu einer
gewagten Argumentation. Die veruntreuten Gelder für das illegale Referendum
würden einen persönlichen Vermögensvorteil darstellen, da die Politiker
staatliches Geld genutzt hätten, um eigene politische Ziele zu finanzieren,
statt ihr eigenes Vermögen dafür zu verwenden.
Da das Amnestiegesetz eine persönliche Bereicherung jedoch ausdrücklich
nicht erfasste, blieb der Haftbefehl gegen Puigdemont und andere
Separatisten bestehen. Das Verfassungsgericht entschied nun, dass die
Veruntreuung öffentlicher Gelder keine persönliche Bereicherung darstellt
und es damit keinen Grund mehr für Ämterverbote oder Haftbefehle gibt.
## Jahrelanges Katz-und-Maus-Spiel
Trotz der spanischen Haftbefehle reiste Puigdemont wiederholt zu Vorträgen
und politischen Treffen durch Europa. Am 25. März 2018 wurde er sogar
einmal in Deutschland festgenommen, als er auf der Autobahn 7 in
Schleswig-Holstein auf der Rückreise aus Skandinavien war. Er kam in
Neumünster in Haft und erst nach 13 Tagen wieder frei. Drei Jahre später
wurde er auf Sardinien vorübergehend festgesetzt. Aber habhaft wurde der
zuständige Richter am Obersten Gerichtshof, Pablo Llarena, seiner nie.
## Husarenstück in Barcelona
Besonders demütigend für Spaniens Justiz und Polizei war ein Kurzbesuch in
Barcelona 2024. Überraschend tauchte der Separatistenführer im Zentrum der
Stadt auf. Umringt von führenden Politikern seiner Partei Junts ging er
unbehelligt zu Fuß durch die Straßen und grüßte freundlich links und
rechts. Dann hielt er eine kurze kämpferische Ansprache vor einigen Tausend
Anhängern und verschwand wieder von der Bildfläche. Trotz einer
Großfahndung ging er der Polizei durch die Lappen.
## Verfassungsgericht verneint Vorwurf der Bereicherung
Dass Richter Llarena den Haftbefehl wegen persönlicher Bereicherung nun
doch wird aufheben müssen, liegt am Verfassungsgericht. Formal ging es in
dem Verfahren gar nicht um Puigdemont. Geklagt hatte die separatistische
Politikerin Dolors Bassa gegen das bestehende Ämterverbot, das der Oberste
Gerichtshof wegen des Vorwurfs der persönlichen Bereicherung
aufrechterhalten hatte.
Fraglich bleibt, wann Richter Llarena den Haftbefehl gegen Puigdemont
aufheben wird. Die Zeitung El País schloss nicht aus, dass er warten
könnte, bis eine triumphale Rückkehr Puigdemonts dem Wahlkampf der
Regierung Sánchez vor den Neuwahlen am 29. November schaden könnte. Teile
der Justiz seien höchst unzufrieden über den nachgiebigen Kurs der
Regierung Sánchez gegenüber den Separatisten. Die konservative und
rechtspopulistische Opposition würde bei ihren Wählern erneut mit der
Kritik zu punkten versuchen, Sánchez habe Spanien mit der Amnestie
gedemütigt und gefährde den Bestand des Staates.
Für die katalanische Regionalpolitik dürfte eine Rückkehr Puigdemonts nach
so vielen Jahren der Abwesenheit zunächst keine großen Änderungen bringen.
Seine Partei Junts ist von der noch relativ neuen stramm separatistischen
und rechtspopulistischen Alianca Catalana in Umfragen überflügelt worden.
6 Oct 2026
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