# taz.de -- Antisemitismus in Großbritannien: „Ich wurde bespuckt, mir wurde der Hitlergruß gezeigt“
       
       > Am Rande einer Großkundgebung in London schildern britische Juden, wie
       > der wachsende Antisemitismus sie bedroht. Die Labour-Regierung wird
       > ausgebuht.
       
 (IMG) Bild: Auf der Kundgebung gegen Antisemitismus im Londoner Regierungsviertel am Sonntagnachmittag
       
       Das Sicherheitsaufgebot war hoch, als am Sonntagnachmittag in der Londoner
       Regierungsstraße Whitehall direkt vor Downing Street bis zu 20.000 Menschen
       zu einer großen, von jüdischen Organisationen organisierten Kundgebung
       zusammenkamen. Anlass war die Wahrnehmung eines zunehmenden Antisemitismus
       in Großbritannien nach mehreren Brandanschlägen und Attacken auf jüdische
       Menschen, Einrichtungen und Synagogen in der jüngsten Zeit.
       
       Wieso wurde Irans Botschafter in London noch nicht ausgewiesen und die
       diplomatischen Beziehungen abgebrochen, fragte der britische Oberrabbiner
       Ephraim Mervis. Viele Redner verlangten ein stärkeres Vorgehen der
       Regierung gegen islamistischen, linken und rechten Extremismus.
       Labour-Premierminister Keir Starmer, an den sich dies richtete, war nicht
       da. Arbeitsminister Pat McFadden musste als Regierungsvertreter Buhrufe und
       Zwischenrufe über sich ergehen lassen. Er versprach jedoch mehr Arbeit
       gegen Antisemitismus und ein gesetzliches Verbot der Revolutionsgarde im
       Eilverfahren.
       
       Anders als McFadden wurde die konservative Oppositionsführerin Kemi
       Badenoch stark bejubelt. Sie war nach den [1][Messerangriffen auf Juden in
       Golders Green] die erste führende Politikerin, die den Tatort besuchte. Vor
       einer Woche im Londoner Kommunalwahlkampf [2][reagierte sie robust] auf
       eine Frau, die ihr Vorwürfe zu ihrer Position zum Antisemitismus machte,
       und forderte, man solle nicht länger „so tun, als ob das nicht passiert“.
       
       Badenoch verwies jetzt auf die Massenentführungen von Mädchen durch
       islamistische Terroristen in Nigeria, wo sie aufgewachsen ist. Auch deshalb
       sei sie gegen Extremismus und Islamismus.
       
       ## Die Grünen bleiben fern, die Rechten sind da
       
       Gideon Falter, Geschäftsführer der [3][Campaign against Antisemitism],
       bezeichnete die Angriffe auf jüdische Menschen in Großbritannien als
       „Britifada“ und als Geschwür. Antisemitismus sei Realität und nicht ein
       bloßes Gefühl – eine Anspielung auf Aussagen des grünen Parteichefs Zack
       Polanski. Grüne waren nicht auf dem Podium am Sonntag. Falter verwies auf
       Studien, wonach 7 Prozent aller Briten den 7. Oktober rechtfertigten und 20
       Prozent aller Student:innen nicht mit jüdischen Menschen in einer WG
       leben wollten.
       
       Richard Tice von der rechtspopulistischen Partei Reform UK forderte deshalb
       ein Verbot der Muslimbruderschaft in Großbritannien und die Streichung von
       Fördergeldern für Universitäten, die Antisemitismus tolerierten. Adrian
       Cohen, Vizepräsident des jüdischen Dachvereins Board of Deputies, erklärte,
       dass es die jüdische Gemeinschaft in ein weiteres Exil verbannen würde,
       wenn die Plage des Antisemitismus nicht bewältigt werden könne.
       
       Die 52-jährige Jüdin Suzie Nelhams, Enkelin eines deutschen
       Kindertransportflüchtlings, schildert der taz, dass sie wegen ihres
       Davidsterns angespuckt und als Babymörderin bezeichnet worden sei. Seit
       diesem Erlebnis zeige sie ihre Halskette nicht mehr öffentlich, außer
       heute, wo sie außerdem ein T-Shirt mit Davidstern trägt.
       
       Der Kippa-tragende Mathematikstudent Samuel Moont, 20, berichtet von seinem
       Studienort Birmingham: „Man hat mir Schimpfnamen oder ‚Free Palestine!‘
       nachgerufen und dass man mich umbringen wolle, ich wurde bespuckt, mir
       wurde der Hitlergruß gezeigt, und ich wurde auf meinen Weg nach Hause
       verfolgt.“ Er sei sehr vorsichtig geworden, besonders, wenn er abends das
       Haus verlasse.
       
       Die 16-jährige Schülerin Evie Jacobs berichtet, in ihrer Schule im Norden
       Londons sei sie die einzige Jüdin. „Die erste Frage ist immer, ob ich für
       Gaza bin und die Palästinenser:innen unterstütze“, erzählt sie und
       nennt das vollkommen unangebracht und respektlos.
       
       Auch Nichtjüdinnen und Nichtjuden sind gekommen. Die Kommunalangestellte
       Heather, 53, ist extra aus der walisischen Hauptstadt Cardiff angereist.
       Seit sie sich mit Jüdinnen und Juden solidarisiert, werde sie selber
       angegriffen, sagt sie. „Eine jetzt ehemalige Freundin bezeichnete mich als
       Rassistin.“
       
       11 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Terrorakt-gegen-Juden/!6175268
 (DIR) [2] https://x.com/KemiBadenoch/status/2051355889567719822
 (DIR) [3] https://antisemitism.org/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
       
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       Olympia-Attentat prägte ihn stark. Heute lebt er als Journalist in London
       und fragt sich, wo sein Platz ist.