# taz.de -- Die Wahrheit: Vermutungen über Genitalien
> Auch Iren pflanzen sich fort und haben Fragen zu der diffizilen
> Angelegenheit, die ihnen in der „Irish Times“ mitunter krude beantwortet
> werden.
Was Dr. Sommer für die Bravo war, ist Trish Murphy für die Irish Times. Der
Teenager-Ratgeber in der deutschen Jugendzeitschrift wurde 1969 von Martin
Goldstein ins Leben gerufen. Der Psychotherapeut war allerdings dümmer, als
die Polizei erlaubt – im wahrsten Sinne des Wortes. Auf die Zuschrift einer
Christl aus Österreich, die erzählte, dass sie sich vor ihrem Vater immer
ausziehen müsse, wenn er ihr etwas gekauft habe, antwortete der
Einfaltspinsel: „Dein Vater hat es echt schwer. Du spielst unwillkürlich
dauernd so, als ob das alles wirklich so passierte (dabei sind es Wünsche).
Du bist auch hinter ihm her.“
Und auf den Brief eines Jungen, der schrieb, dass er das Problem habe,
schwul zu sein, antwortete Dr. Sommer: „Nur weil du bei nackten Jungen ein
steifes Glied kriegst, glaubst du, schwul zu sein. Wenn du erst mal
Erfahrungen mit Mädchen gemacht hast, sieht die Sache wahrscheinlich gleich
ganz anders aus. Also mach dir vorerst keine Sorgen.“
Trish Murphy ist auch Psychotherapeutin, aber solch dämliche Antworten
würden ihr nicht einfallen. Eine End-Dreißigerin wandte sich an sie mit der
besorgten Frage, ob sie „nur eine schäbige Vermieterin“ sei, die einen
jungen Künstler in Schwierigkeiten für Sex ausnutze. Ihr Haus habe einen
Keller, den sie an den Künstler stark verbilligt vermiete. Er helfe ihr
gelegentlich, wenn etwas repariert werden müsse. Nach getaner Arbeit gebe
es stets „den besten Sex meines Lebens“, schrieb sie. Und nun erwäge sie,
absichtlich Sachen kaputt zu machen.
## Schwierige Lage
Murphy antwortete diplomatisch: „Die Schwierigkeit dabei ist, dass er Ihnen
nicht einfach nein sagen kann, da Sie ihm sowohl Unterkunft als auch
Unterstützung bieten.“ Der Freund befinde sich in einer schwierigen Lage,
schrieb Murphy, aber in Wirklichkeit meinte sie: „Ja, du bist eine schäbige
Vermieterin.“
Eine andere besorgte Leserin wandte sich an Murphys Vertretung, die Autorin
Roe McDermott: „Ich glaube, mein Freund ist ein Hermaphrodit. Wir hatten
noch keinen Sex, und er zieht seine Hose nie ganz aus.“ Ihn unter der
Dusche zu sehen, käme überhaupt nicht infrage, und sie habe zufällig
mitbekommen, wie er mit seinen Freunden über ein Geheimnis gesprochen hat,
das er vor ihr verbergen müsse.
Der Begriff Hermaphrodit gelte für Pflanzen, Weichtiere und Fische, für
Menschen sei er beleidigend, rügte McDermott. Die Leserin möge auf
Vermutungen über die Genitalien anderer Menschen verzichten. Ohnehin würden
nur 1,7 Prozent der Bevölkerung mit intersexuellen Merkmalen geboren, fügte
sie hinzu: „Vergleichbar mit der Anzahl der Menschen, die mit roten Haaren
geboren werden.“
Irland hat allerdings weltweit den höchsten Anteil an Menschen mit roten
Haaren. Es sind 10 Prozent. Was bedeutet das für die Zahl an Hermaphroditen
auf der Insel? Und was hätte Dr. Sommer geantwortet?
26 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Ralf Sotscheck
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