# taz.de -- Politisches Gender Gap: Packt sie beim Geld!
       
       > In Sachsen-Anhalt liegt der Frauenanteil im Parlament nur bei 22 Prozent.
       > Anderswo ist es ähnlich. Doch es gibt effektive Wege, für Parität zu
       > sorgen.
       
 (IMG) Bild: Ein gutes historisches Beispiel für eine positive Wirkung von Frauen in der Politik: Rita Süss,uth, hier beim CDU-Bundesparteitag 1989 in Bremen
       
       Das Grundgesetz ist hier sehr eindeutig. In Artikel 3 steht nicht nur seit
       1949 „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, sondern direkt darauf folgt
       noch ein 1994 eingefügtes Handlungsgebot: „Der Staat fördert die
       tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und
       wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Die Ergänzung war
       dabei eine Folge des Einigungsprozesses mit der DDR, bei dem auch
       Verfassungsanpassungen vereinbart wurden.
       
       Im politisch-parlamentarischen Raum aber stagniert die Gleichstellung. Der
       Frauenanteil in Bundestag und Landtagen verharrt seit Längerem bei etwa
       einem Drittel, obwohl eine Mehrzahl der Wahlberechtigten weiblich ist. Zu
       beobachten sind sogar immer wieder Rückschritte. So sank im neu gewählten
       Landtag von Sachsen-Anhalt der Frauenanteil bei den Abgeordneten von schon
       niedrigen 28 Prozent auf nur noch 22 Prozent. Aber auch vorher gab es
       gerade im Osten bei Landtagswahlen Rückschritte in der weiblichen
       Repräsentanz.
       
       Das sachsen-anhaltische Ergebnis ist natürlich vor allem der AfD zu
       verdanken, die es schaffte, unter ihren 39 Gewählten ganze zwei Frauen zu
       platzieren. Macht gute 5 Prozent Frauenanteil. Aber auch die CDU erreicht
       dort nur 13 Prozent. Und bevor Sachsen-Anhalt jetzt die rote Laterne beim
       Frauenanteil in einem Landesparlament übernahm, trug sie das seit
       Ewigkeiten konservativ regierte Bayern.
       
       Oft wird argumentiert, es käme nur auf die politischen Positionen an und
       nicht darauf, ob ein Mann oder eine Frau sie vertritt. Die empirische
       Politikwissenschaft sagt da etwas anderes. Mehr Frauen in Parlamenten heißt
       meistens auch, dass Themen, die Frauen besonders betreffen, wie
       Sorgearbeit, Gewalt gegen Frauen oder weibliche Gesundheit, mehr Bedeutung
       zugemessen wird.
       
       ## Alternativen zu einer Quotierung der Wahllisten
       
       Ein gutes historisches Beispiel für eine positive Wirkung von Frauen in
       politischen Institutionen ist [1][Rita Süssmuth]. Obwohl sie der CDU
       angehörte, schaffte sie es, als katholische Feministin mit viel
       Beharrlichkeit geschlechter- und sexualpolitisch progressive Ansätze auch
       im konservativen Lager zu verankern.
       
       Da sich der weiter bestehende politische Gender Gap ebenso wenig wie der
       wirtschaftliche von selbst erledigt, wurden Gegenmaßnahmen diskutiert – und
       auch in Form von Gesetzesvorhaben und Wahleinsprüchen. Aber eine Quotierung
       von Wahllisten, das naheliegende Instrument, ist bisher immer an
       juristischen Einwänden gescheitert. Es ging bis zum
       Bundesverfassungsgericht, das der Gestaltungsfreiheit der Parteien einen
       hohen Rang zumaß, aber gleichzeitig dem Gesetzgeber breiten
       Gestaltungsspielraum für eine Umsetzung von Artikel 3 des Grundgesetzes
       zugestand.
       
       Deshalb ist es gerade nach dem Ergebnis von Sachsen-Anhalt, als Exempel
       ähnlicher Entwicklungen anderswo, angebracht, noch einmal neu über mögliche
       Politikoptionen nachzudenken. Es sollten Alternativen in den Blick genommen
       werden, in denen das relativ starre Instrument fester Quoten durch ein
       flexibleres Verfahren ersetzt werden könnte.
       
       Eine solche Reorientierung würde auch zum Muster in der öffentlichen
       Meinungsbildung passen. Beim Thema Gleichstellung ist Deutschland ziemlich
       gespalten. Eine aktuelle Umfrage ergab, dass etwa genauso viele Befragte
       der Auffassung waren, dass dafür genug getan werde, wie dass da noch
       Aufgaben warteten. Aber die Anzahl der mit der Situation Zufriedenen hat
       gegenüber der Umfrage einige Jahre zuvor doch zugenommen.
       
       ## Die Wahlkampfkostenerstattung gendern
       
       Getragen wird dies von einer gewissen maskulinistischen Wende bei den
       Jüngeren. [2][Weit über Deutschland hinaus finden Männer der Generation Z
       stärker als die der Babyboomer, dass es mit der Gleichstellung nun doch
       genug sei.] Der Geschlechtsunterschied schlägt sich jedoch weiter deutlich
       nieder: Während unter den männlichen Befragten eine Mehrheit von [3][55
       Prozent den bisherigen Einsatz für die Gleichstellung für ausreichend hält,
       sind es bei den Frauen nur 36 Prozent.] Offensichtlich besteht weiter
       Unzufriedenheit und damit Handlungsbedarf.
       
       Woran man ansetzen könnte, um Parteien künftig eine höhere Repräsentanz von
       Frauen bei der Kandidatenaufstellung für Parlamente nahezulegen, wäre beim
       Geld. Deutschland ist ein Staat, in dem Parteien weniger von Spenden
       abhängig sind, weil sie nämlich eine Wahlkampfkostenerstattung beziehen.
       Diese Regelung gibt es unter anderem, um zu verhindern, dass Wahlen von
       Großspendern und Lobbygruppen allzu einfach faktisch entschieden, also
       gekauft werden können. Die USA sind für Letzteres ein abschreckendes
       Beispiel.
       
       Die zur Parteienfinanzierung staatlicherseits zur Verfügung gestellten
       Mittel sind erheblich. Für 2025 etwa waren es 225 Millionen Euro. Mein
       Vorschlag ist: Die Erstattung für eine Partei sei künftig davon abhängig zu
       machen, dass wenigstens die Hälfte der von ihr nach einer Wahl gewonnenen
       Parlamentssitze von Frauen besetzt wird. Andernfalls wird der Zuschuss
       proportional gekürzt.
       
       Praktisches Beispiel: In Sachsen-Anhalt hat die 39-köpfige AfD-Fraktion nur
       zwei weibliche Mitglieder. Die ungerade Anzahl freundlich berücksichtigt,
       müssten es aber 20 sein, um in Zukunft die volle Parteienfinanzierung
       beanspruchen zu können. So jedoch würde die AfD fast 90 Prozent ihrer
       Ansprüche verlieren.
       
       ## Die Gestaltungsfreiheit der Parteien bleibt
       
       Eine mit dem Frauenanteil atmende Wahlkampfkostenerstattung belässt den
       Parteien alle Rechte der Kandidatenaufstellung, es kommt sie nur teuer zu
       stehen, setzt sie weiter auf Geschlechtsungleichheit. Auch die Wählerinnen
       und Wähler dürften weiter nach Gusto weitgehend männliche Gruppierungen
       ankreuzen. Nur werden sie weniger dafür mit Plakaten, Online-Accounts oder
       Volksfesten mit Freibier gelockt.
       
       Die Regelung muss auch nicht symmetrisch sein. Fraktionen mit einem
       Frauenüberschuss sollen von Kürzungen unbehelligt bleiben. Die
       Auseinandersetzungen um Antidiskriminierungsregeln haben ergeben, dass auch
       einseitig gerichtete Maßnahmen rechtlich in Ordnung sein können.
       
       Würde eine solche weiche Regulierung überhaupt Erfolg haben? Man kann davon
       ausgehen. Laut den Rechenschaftsberichten der Parteien kommt jeweils etwa
       ein Drittel ihrer Finanzierung von staatlicher Seite. Einen solchen dicken
       Brocken verliert man ungern.
       
       4 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] https://www.presseportal.de/pm/7522/6229326?utm_source=chatgpt.com
 (DIR) [3] https://www.ipsos.com/de-de/studie-weltfrauentag-2026?utm_source=chatgpt.com
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gerd Grözinger
       
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