# taz.de -- Gedenkstättenpflicht in Hamburg: Verordneter Antifaschismus
       
       > Der Besuch von NS-Gedenkstätten soll für Hamburger Schüler:innen
       > künftig verpflichtend werden. Debatten dieser Art sind alt, aber
       > keinswegs gelöst.
       
 (IMG) Bild: Bullenhuser Damm: Schüler:innen lesen die Namen 20 jüdischer Kinder vor, die hier 1945 von SS-Leuten im Keller ermordet wurden
       
       „Hier stehst du schweigend“, heißt es auf einer zentralen Steintafel in der
       Gedenkstätte für die Kinder vom Bullenhuser Damm, „doch wenn du dich
       wendest, schweige nicht“. Hamburger NS-Mahnorte wie diese, die an die 20 im
       April 1945 ermordeten Kinder erinnert, dürften bald mehr Besuch bekommen.
       Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD) macht [1][ihre Ankündigung wahr], den
       Besuch eines solchen Ortes für alle Hamburger Schülerinnen und Schüler zur
       Pflicht zu machen.
       
       Wie es dann um das schweigende Stehen bestellt ist, wird sich zeigen. Denn
       tatsächlich haben sich die Verantwortlichen der meisten deutschen
       Gedenkstätten bislang eher skeptisch gezeigt, wenn es um die Frage von
       Pflichtbesuchen ging. Auch darum belassen es die meisten Bundesländer bei
       einer Empfehlung mit unterschiedlich viel Nachdruck. Nur Bayern und das
       Saarland setzen auf die Pflicht – und jetzt eben auch Hamburg.
       
       Angekündigt hatte Bekeris diese Regelung bereits im Januar 2025, anlässlich
       der Verleihung des Bertini-Preises, den junge Hamburger:innen für
       besonders solidarisches Verhalten bekommen. Der [2][rot-grüne
       Koalitionsvertrag] nahm dieses Vorhaben später auf – so wie übrigens auch
       das Ziel, Jugendliche „im Erkennen antisemitischer Verschwörungsnarrative“
       zu schulen, „insbesondere auch in sozialen Medien“.
       
       Neben der inhaltlichen Setzung standen schnell auch mehr Geld für
       entsprechende Maßnahmen und Weiterbildung von Lehrkräften in Aussicht. Auch
       [3][Hamburgs Antisemitismusbeauftragte, Anna von Villiez], die mit der
       Israelitischen Töchterschule immerhin selbst eine Bildungs- und
       Gedenkstätte leitete, ist mit an Bord und kündigte mehr externe Fachkräfte
       im Unterricht an.
       
       ## Stand von Erinnerungspolitik ist ausbaufähig
       
       Dass es hier also bloß darum gehe, die Kinder in Massen durch Gedenkstätten
       zu schieben und es dabei zu belassen, kann man dem Hamburger Vorstoß nun
       wirklich nicht vorwerfen. Auch dass der Stand von Erinnerungspolitik und
       Antisemitismusprävention ausbaufähig ist, lässt sich kaum bestreiten.
       
       Um nur ein Beispiel zu nennen: Der sogenannte [4][Multidimensionale
       Erinnerungsmonitor] (MEMO) der Uni Bielefeld zeigt dramatische
       Entwicklungen. Bei dieser repräsentativen Studienreihe gaben fast 40
       Prozent der Befragten an, es sei an der Zeit, einen „Schlussstrich“ unter
       die NS-Zeit zu ziehen. Und vielleicht sogar noch dramatischer: Mehr als ein
       Viertel der Befragten vertraten die Auffassung, Jüd:innen nutzten die
       Erinnerung an den Holocaust zu ihrem persönlichen Vorteil aus.
       
       Genau hier, wo es wirklich drauf ankommt, gelangt die Besuchspflicht an
       ihre Grenzen. Wer als Lehrkraft heute einen Klassenausflug zur
       [5][KZ-Gedenkstätte Neuengamme] unternehmen will, bekommt schon vorab eine
       Warnung: Kapazitäten und didaktisches Konzept der Einrichtung sind nicht
       darauf ausgelegt, rechtsextreme, rassistische, antisemitische oder sonstwie
       politisch auffällige Jugendliche zu erziehen. Das gilt ausdrücklich auch
       für „problematische Haltungen zur aktuellen Situation in Nahost seit dem
       [6][7. Oktober 2023]“. Wer mit entsprechenden Jugendlichen arbeite, solle
       sie eben gerade nicht in die Gedenkstätte bringen, sondern sich an die
       Mobilen Beratungsteams gegen Rechts, Aussteigerprogramme, die Amadeo
       Antonio Stiftung oder ähnliche wenden.
       
       Nochmal: Es geht beim neuen Zwang um ein politisches Signal, für das
       einiges spricht. Es geht um die hohe Priorität nämlich, die man der
       kritischen Vermittlung von NS-Geschichte und der Erziehungsarbeit gegen
       einen neuen Faschismus beimisst. Aber mit diesem ja richtigen Ansatz hört
       es aber auch bald wieder auf. Bereits die naheliegende Debatte über ein
       „Gedenken per Zwang“, die alle Jahre wieder aufkommt, wenn entsprechende
       Maßnahmen diskutiert werden, verwechselt zwei sehr unterschiedliche Dinge.
       Denn was die Kinder angeht, ist dieser Zwang weder neu, noch in irgendeiner
       Weise ungewöhnlich. Der Besuch einer Gedenkstätte war noch nie freiwillig,
       sofern er als Schulveranstaltung durchgeführt wurde – nicht mehr oder
       wenige als der Weihnachtsbasar, das Sommerfest oder die Bundesjugendspiele.
       
       Die Verpflichtung im Sinne von Bekeris und Koalitionsvertrag meint aber
       etwas ganz anderes: die der Schulen nämlich, solche Besuche überhaupt
       anzubieten. Und genau da wird es eben spannend. Nicht nur, weil ein
       unmotiviert gezwungener Lehrer wahrscheinlich sehr viel mehr Schaden
       anrichtet als eine ganze Gruppe renitenter Pubertierender. Viel
       problematischer ist, dass man engagierten und informierten Lehrer:innen
       die Möglichkeit nimmt, einzuschätzen, ob eine Gedenkstätten-Exkursion für
       ihre konkreten Schüler:innen das Mittel der Wahl ist.
       
       Und Gedenkstätten sind eben doch auch etwas mehr als „außerschulische
       Lernorte“, wie es zum Beispiel im Hamburger Koalitionsvertrag heißt. Manche
       sind Friedhöfe, sakrale Orte für Überlebende und Nachwelt. [7][„Earth
       conceal not the blood shed on thee“] hatten in Bergen-Belsen die
       Überlebenden selbst als Inschrift gewählt. Das ist Hiobs himmelschreiende
       Schmerzensklage, nicht irgendein pädagogisches Stilmittel. Auch in Hamburg,
       in Neuengamme, gibt es solche sakralen Momente, wie etwa auf der großen
       Stele: „Euer Leiden, Euer Kampf und Euer Tod sollen nicht vergebens sein.“
       
       Wichtig ist in diesem Zusammenhang: Gedenkstätte ist nicht gleich
       Gedenkstätte. Viele der heute bekannten Erinnerungsorte entstanden in den
       1980er- und 1990er-Jahren tatsächlich in didaktischen Kontexten. Und sie
       begannen bald darauf, auch gerade mit Kindern und Jugendlichen im Blick,
       Konzepte für die Zeit nach den Zeitzeug:innen zu entwickeln. Und die
       neigt sich heute endgültig ihrem Ende entgegen: Nach [8][Erhebungen der
       Jewish Claims Conference] leben heute noch rund 196.600
       Holocaust-Überlebende mit einem Durchnittsalter von 87 Jahren: etwas mehr
       als die Hälfte davon in Israel, rund fünf Prozent in Deutschland.
       
       Wenn der verpflichtende Besuch in Hamburg zu einer Aufwertung und besserer
       Finanzierung der Gedenkstättenarbeit führt, kann man sich nicht darüber
       beschweren. Auch wenn die Pflicht im chronisch überlasteten Lehrbetrieb
       dazu führen sollte, dass die Demokratiebildung eben nicht als erste hinten
       runterfällt, wäre das natürlich ein erfreulicher Effekt. Man sollte sich
       nur nicht einbilden, das seit Jahren wachsende Problem von
       wiedererstarkendem Antisemitismus sei damit erledigt. Der Zwang hat seine
       Probleme – und selbst, wo er etwas für sich haben mag, da kann er höchstens
       ein Anfang sein.
       
       5 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Antifaschistiche-Bildung-in-Hamburg/!6063392
 (DIR) [2] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/senat/senatsthemen/koalitionsvertrag-2025
 (DIR) [3] /Hamburgs-neue-Antisemitismusbeauftragte/!6197861
 (DIR) [4] https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/gedenkanstoss-memo-studie/
 (DIR) [5] /KZ-Gedenkstaette-Neuengamme/!5960316
 (DIR) [6] /7-Oktober-2023/!6114955
 (DIR) [7] https://www.annefrank.org/de/timeline/232/denkmal-fur-die-judischen-opfer-in-bergen-belsen/
 (DIR) [8] https://www.claimscon.de/no_cache/presse-news/aktuelles/news-detail.html?tx_news_pi1%5Bnews%5D=67&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=77a1d1833a266fbaff486de259e9944a
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan-Paul Koopmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Antifaschismus
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Konzentrationslager
 (DIR) NS-Gedenken
 (DIR) Gedenkstätte
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Anschlag mit Auto bei Anti-AfD-Demo: „Die Angst ist seitdem nicht weggegangen“
       
       Viola Mabel wurde 2020 bei einer Demonstration von einem AfD-Anhänger in
       Henstedt-Ulzburg angefahren. Bis heute kämpft sie mit den Folgen des
       Anschlags.
       
 (DIR) Forschung zu KZ-Gedenkstätte: Aus Ellrich gab es kein Entrinnen
       
       Jahrzehntelang war das KZ Ellrich-Juliushütte zwischen Niedersachsen und
       Thüringen fast vergessen. Jetzt wird seine Geschichte erforscht.
       
 (DIR) Verpflichtende KZ-Besuche in der Schule: Erinnern geht nur inklusiv
       
       Karin Priens Vorstoß für mehr NS-Bildung an Schulen ist ein richtiger
       Impuls. Einen wichtigen Aspekt lässt sie dabei allerdings völlig außer
       Acht.
       
 (DIR) Antifaschistiche Bildung in Hamburg: Jeder Schüler soll Gedenkstätten besuchen
       
       Hamburgs Schulsenatorin kündigt verpflichtende Besuche in KZ-Gedenkstätten
       an. Die Bildungspläne sehen das längst vor. Ausnahmen sollen möglich sein.