# taz.de -- Nato erhält Westfälischen-Friedens-Preis: „Danke, Friedrich“ und ein Appell an Europas Verantwortung
> Kanzler Merz schwört die Bevölkerung bei der Verleihung des
> Westfälischen-Friedens-Preises auf Aufrüstung ein. Die Nato lobt er als
> Friedensbringer.
(IMG) Bild: Protest und Musik: Kanzler Merz und Nato-Chef Rutte nach der Verleihung des Westfälischen-Friedens-Preises in Münster
What the world needs now, is love – mit diesem Klassiker von Jackie
DeShannon starteten die Feierlichkeiten zur Vergabe des Internationalen
Preises des Westfälischen Friedens in Münster. Ausgerechnet Liebe und ein
Anti-Vietnamkriegs-Song? Ernsthaft passend für die Verleihung des Preises
an die Nato, das transatlantische Militärbündnis?
Bereits im Vorfeld der Verleihung gab es mehr als Irritationen, es hagelte
massive Kritik aus der Zivilgesellschaft. Und auch am Donnerstag
demonstrierten mehrere Friedensgruppen in Münster. Steht doch die Nato für
Aufrüstung, für Kriegsgerät, für Abschreckung mit Waffen. In der Logik der
Preisstifter aber für Stabilität, Sicherheit und eben Frieden in Europa. In
diesem Spannungsfeld muss Bundeskanzler Friedrich Merz die Laudatio auf
Nato-Generalsekretär Mark Rutte und das Bündnis halten. Und er nutzt die
Gelegenheit.
Noch vor Beginn der russischen Vollinvasion Russlands in der Ukraine 2022
sagte so mancher, unter anderem der französische Präsident Emmanuel Macron,
die Nato sei „hirntot“ und eigentlich am Ende. Der Krieg ist die
Bewährungsprobe für das Bündnis, innerhalb kürzester Zeit wurde
aufgerüstet, neue Bündnisse innerhalb der Staaten gegründet, um den
russischen Aggressor abzuwehren.
Heute werden gemeinsame Drohnenwälle gebaut, in regelmäßigen Abständen
finden Manöver mit den baltischen Ländern, mit Polen oder Finnland,
Schweden und Dänemark statt, die Bundeswehr baut eine eigene Brigade in
Litauen auf. Nahezu alle Nato-Mitglieder stocken ihre Ausgaben für Rüstung
und Verteidigung auf. 5 Prozent der Wirtschaftsleistung lautet die
Zauberformel, auf die sich das Bündnis nach etlichen Verhandlungen einigen
konnte und sich dafür bei den vergangenen beiden Nato-Gipfeln in Den Haag
[1][und Ankara selbstgefällig feierte.]
Doch mit den hohen Ausgaben für Kriegsgerät wächst auch die Kritik an genau
dieser Haltung, wenn zugleich Lebenshaltungskosten steigen,
Sozialleistungen sinken und der Krieg in der Ukraine immer länger dauert,
der nächste harte Winter droht und kein Ende in Sicht ist. Dank klammer
Haushalte in etlichen Mitgliedsstaaten werden die finanziellen Zusagen
knapper, und rechtsextremistische wie rechtspopulistische Parteien und
Strömungen springen ins Fahrwasser derjenigen, die beim falschen Adressaten
Friedensverhandlungen einklagen.
Hinzu kommen die gezielten Attacken von russischer Seite in den
Nato-Ländern. Fast täglich gibt es Meldungen von Drohnen, die in den
Luftraum der baltischen Länder eindringen, von Sabotageakten und
Cyberangriffen. Im August musste auch die Bundesregierung [2][einen sehr
ernst zu nehmenden Drohnenvorfall am Flughafen Halle/Leipzig Russland
zuordnen.]
## „Unsere Freiheit steht auf dem Spiel“
Der Internationale Preis des Westfälischen Friedens ist mit insgesamt
100.000 Euro dotiert. Die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und
Lippe vergibt die Auszeichnung in der Regel alle zwei Jahre an
Einzelpersonen und Gruppen, die ein Vorbild für Engagement und
Dialogbereitschaft zur Erhaltung des Friedens und der Eigenständigkeit
Europas sind. Und auf dieser Folie segelt nun der Kanzler in Münster. Mit
einer Rechtfertigung für die Nato und mehr Aufrüstung.
„Unsere Freiheit steht auf dem Spiel“, sagt er in seiner Laudatio. „Durch
ein neues Zeitalter der Großmachtpolitik, in dem wir auch unsere
transatlantische Partnerschaft neu begründen müssen. Durch technologische
Revolutionen, die unsere Welt schneller und tiefgreifender verändern als
alles, was wir bisher gekannt haben.“ Und durch den gewalttätigen,
expansiven Revisionismus Russlands. „Diese Bedrohung ist nicht abstrakt.“
Russland breche in der Ukraine mit äußerster Brutalität die grundlegendsten
Regeln des Völkerrechts und der europäischen Ordnung. Deshalb bleibe es
richtig, die Ukraine mit aller Kraft zu unterstützen.
Merz spart auch nicht an Horrorszenarien. „Gelingt es nicht, Moskau Einhalt
zu gebieten, dann wird sich die russische Kriegsmaschinerie früher oder
später gegen uns, gegen die Nato selbst richten“, sagt der Kanzler. Und was
käme dann? Ein Drohnenkampf in den baltischen Ländern wie im Donbass?
[3][Ballistische Raketen auf europäische Großstädte, wie in Kyjiw oder
Charkiw?] Würden am Ende auch wir Deutsche das Grauen des Krieges wieder am
eigenen Leib zu spüren bekommen? Das alles fragt sich der Kanzler in seiner
Rede und schlussfolgert, dass man dies mit aller Kraft abwenden müsse. „Wir
Europäer sind in diesem Krieg nicht Kriegspartei. Aber wir sind auch nicht
neutral. Wir sind nicht Vermittler. Wir stehen auf der Seite der Freiheit
der Ukraine.“
## Deutschland lasse sich nicht spalten, sagt Merz
Natürlich müsse man Russland zu ernsthaften Friedensgesprächen bewegen.
Aber der Kreml verstehe nur die Sprache der Stärke und wenn die Nato ihm
geschlossen begegne. [4][Auch deshalb erwähnt Merz wohl explizit das
Treffen des deutschen Außenministers Johann Wadephul mit seinem russischen
Amtskollegen Sergei Lawrow] in New York am Rande der UN-Vollversammlung. Ob
das kurze Gespräch wirklich etwas gebracht hat, darin sind sich
Expert:innen nicht einig, aber immerhin gab es ein Gespräch. Und auch
darauf will Merz hinaus: Man rüste nicht nur waffentechnisch auf, stärke
die Bundeswehr, sondern ziehe alle diplomatischen Strippen.
Und er insistiert, deutlich emotionaler, als man es von Merz so kennt: Auch
in Deutschland werden wir uns nicht spalten lassen – nicht durch hybride
Angriffe, nicht durch von Moskauer Bots gesteuerte Hetze in den sozialen
Medien [5][und nicht durch die Parolen der AfD und ihrer russischen
Hintermänner.] Der Saal applaudiert. So viel Zustimmung und Wohlwollen ist
dem Kanzler in diesen Zeiten nicht immer sicher. „Unsere Unterstützung der
Ukraine ist kein Selbstzweck.“
Nur Gutes kommt von Merz auch an Nato-Generalsekretär Mark Rutte. „Du
hältst die Allianz in fordernder Zeit zusammen, mit transatlantischem und
europäischem Kompass, mit unbändiger Energie und unerschütterlicher
Zuversicht“, lobt der Kanzler. Einen Großteil des Tages haben die beiden
schon zusammen verbracht. Merz und Rutte besuchten zusammen mit dem
niederländischen Regierungschef Rob Jetten das deutsch-niederländische
Korps in Münster. Das Korps sichert seit Juli die Ostflanke der Nato in
Estland und Lettland.
## Auch ein kirchliches Netzwerk ausgezeichnet
Bei all den markigen Worten wirken in Münster die Laudationes auf und die
Kurzinterviews mit den anderen Preisträger:innen ein bisschen
alibimäßig: Das kirchliche Netzwerk socioMovens aus Dortmund, das junge
Leute aus Zentral- und Osteuropa zusammenbringt, bekommt auch einen Preis.
SocioMovens zeige, wie Vertrauen wachsen und zum Frieden beitragen könne,
sagte Hendrik Wüst, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident, zum Auftakt der
Veranstaltung. Das stärke Solidarität über Grenzen hinweg, die für Frieden
in Europa unverzichtbar sei.
Junge Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, und auf der anderen Seite
ein kampfbereites Bündnis, das noch mehr Unterstützung,
Selbstverständlichkeit und auch Geld fordert, von allen Menschen in den
Nato-Mitgliedsländern. Und damit auch der Kanzler von denen, die in
Deutschland leben. Wüst schmettert Merz dann auch ein euphorisches „Danke,
Friedrich!“ entgegen.
„One“ – noch so ein Klassiker – von U2 wird bei der Preisverleihung auch
noch zum Besten gegeben.„Einer für alle, alle für einen“ – ein beliebtes
schmissiges Motto der Nato, wenn nicht gar das wichtigste, das so ziemlich
bei jeder Gelegenheit bemüht wird. Und eines, auf das wohl auch der Kanzler
hofft.
1 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tanja Tricarico
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