# taz.de -- Umstrittene Auszeichnung: Münsters zweiter Friedenspreis
       
       > Ausgerechnet die Nato bekommt in diesem Jahr den Westfälischen
       > Friedenspreis. In Münster regt sich Widerstand samt eigens gegründetem
       > Alternativpreis.
       
 (IMG) Bild: Der Westfälische Friedenspreis geht in diesem Jahr an die Nato. Das halten viele für skandalös
       
       Kurt Masur war dabei, Kofi Annan, Margot Friedländer, die Besatzungen der
       Internationalen Raumstation, Helmut Kohl. Die Schar der Geehrten für den
       Westfälischen Friedenspreis ist bunt. In diesem Jahr geht der Preis an die
       Nato. Ein Friedenspreis an ein Militärbündnis, das beispiellos aufrüstet?
       
       Sofort gab es entsetzte Kritik. Die katholische Organisation der
       Friedensbewegung [1][Pax Christi im Bistum Münster] fragte, ob sich hier
       wohl „eine weinselige Runde einen Scherz“ erlaubt habe. „Man muss kein
       Pazifist sein, um in dieser Entscheidung eine historische Ironie zu
       erkennen, die an Zynismus grenzt“, formuliert Rüdiger Sagel.
       
       Der 71-jährige Diplom-Ingenieur und viele andere Münsteraner BürgerInnen
       hatten sich schnell zum [2][Verein zur Würdigung und Förderung
       friedenspolitischer Initiativen] zusammengetan, sodass der Alternative
       Friedenspreis ersonnen war. „Kein langer Protestbrief, kein müdes
       Petitions-Klicken. Eine Gegengründung. Ein eigener Preis.“ Kurzum: Man sei
       die „zivile Antwort auf den Skandal“.
       
       ## Preis für Arbeit zur Kriegsdienstverweigerung
       
       Der Verein, mittlerweile hundert Mitglieder stark, wird den Preis erstmals
       am 25. September vergeben, um dem schlechten Vorbild zuvorzukommen.
       Preisträger ist der [3][Verein Offenbacher Connection], der seit 1993
       weltweit zu Kriegsdienstverweigerung und Desertion arbeitet – für
       „Menschen, die Frieden nicht als rhetorische Formel kennen, sondern als
       Lebensaufgabe“.
       
       Initiator Rüdiger Sagel ist in Münster eine schillernde Persönlichkeit: Er
       war Ratsherr, saß später 14 Jahre im Landtag, erst für die Grünen, dann bei
       der Linken. Freigeist Sagel war es auch, der 2013 anregte, das
       St.-Martins-Fest kindgerecht und überkonfessionell in
       „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ umzubenennen. In konservativen Kreisen führte
       der Vorschlag zu wütenden Reaktionen.
       
       Jetzt darf sich Sagel freuen, dass sein Verein die CDU der Bischofsstadt
       gegen sich aufgebracht hat. „Diese Inszenierung als Gegenveranstaltung“ sei
       „höchst problematisch und politisch naiv“, ließ der Fraktionsvorsitzende
       Stefan Weber wissen. Die Ratsfraktion nimmt vor allem den grünen
       Oberbürgermeister Tilman Fuchs ins Fadenkreuz: „Die Stadt darf sich nicht
       einer ausdrücklich gegen das politische und militärische Bündnis der Nato
       gerichteten Inszenierung unterwerfen“, hieß es. Die wahre Inszenierung sei
       die eigene – mit Friedrich Merz als Laudator.
       
       ## Erinnerung an einen Frieden durch Verständigung
       
       Der Westfälische Friede von 1648 hatte dreißig Jahre Krieg beendet. Er
       gelte „bis heute als Meilenstein der Diplomatie“, so der Verein, „als
       Grundstein des modernen Völkerrechts, als Beweis dafür, dass selbst
       verfeindete Mächte durch Geduld, Kompromissbereitschaft und den Willen zur
       Verständigung zu einem dauerhaften Frieden finden können“. Und eben nicht
       mehr durch Weiterrüstung und Gewalt.
       
       Prominente Laudatoren werden am Freitag die frühere Landesbischöfin Margot
       Käßmann sein und Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. Beide saßen
       auch in der Jury. Der studierte Jurist Prantl, früher selbst Richter und
       Staatsanwalt, stieß kürzlich auf einen Beschluss des Bundesgerichtshofs:
       Danach soll das Kriegsdienstverweigerungsrecht im Falle eines Krieges
       womöglich nicht mehr gelten. Es erscheine, so das Gericht, „auch nach
       deutschem Verfassungsrecht nicht von vornherein undenkbar, dass
       Wehrpflichtige in außerordentlicher Lage (…) sogar gehindert sein könnten,
       den Kriegsdienst zu verweigern“. Die Formulierung „in außerordentlicher
       Lage“ meint, so Prantl: in einem Krieg.
       
       ## Mehr Verweigerungen
       
       Ein Grundrecht wird also höchstrichterlich argumentativ ausgemustert.
       „Klar“, so Prantl zur taz, werde er darauf in seiner Laudatio in Münster
       eingehen. „Der Satz ist ungeheuerlich.“
       
       „Niemand“, so heißt es in Artikel 4,Absatz 3 des Grundgesetzes, „darf gegen
       sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“. So klar,
       wie man gemeinhin denkt, ist das gar nicht formuliert: Mit vorgehaltener
       Waffe darf man nicht zwingen, aber ohne Waffe schon?
       
       Bis Juli haben in diesem Jahr schon doppelt so viele Menschen offiziell den
       Dienst verweigert wie im gesamten Jahr 2025. Prantl zitiert die
       Rechtsprofessorin Kathrin Groh: „Es könnte deshalb taktisch klug sein,
       schnell noch den Kriegsdienst zu verweigern.“ Groh ist Expertin: Sie
       arbeitet an der Universität der Bundeswehr München.
       
       22 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.muenster.paxchristi.de/
 (DIR) [2] https://www.alternativerwestfaelischerfriedenspreis.de/about
 (DIR) [3] https://connection-ev.org/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Müllender
       
       ## TAGS
       
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 (DIR) Münster
 (DIR) Kriegsdienstverweigerung (KDV)
       
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       Menschen, die ihre Verweigerung widerrufen und sich bei der Bundeswehr
       bewerben.