# taz.de -- Alexandra Birckens Ausstellung in Neuss: Der Bildatlas der Bildhauerin
       
       > Um die zersägten Motorräder von Alexandra Bircken kommt man in vielen
       > Museen nicht herum. In der Langen Foundation Neuss wird die Künstlerin
       > jetzt sentimental.
       
 (IMG) Bild: Alexandra Birckens „Silver Lining“ (Detail), 2026
       
       Smartphone-Nackenstarre kommt nun doch ganz gelegen, um das in einem 23
       Meter langen Glasdisplay ausgebreitete Archiv von Alexandra Bircken in der
       Langen Foundation zu begutachten. Mit „Silver Lining“ präsentiert die
       bekannte Künstlerin ein seit den 90er Jahren gewachsenes und geschaffenes
       Konvolut aus Fotos, Magazinseiten, ausgedruckten Screenshots und Objekten.
       Anstatt eines alles zusammenhaltenden roten Fadens treten nun thematische
       Inseln hervor.
       
       Bircken, Jahrgang 1967, hat sich vor allem als Bildhauerin einen Namen
       gemacht. Visuell kräftig – sie zerschneidet auch mal echte Motorräder –
       arbeitet sie sich am Verhältnis von Ding, Konsum und Körper ab. Am Eingang
       der Ausstellung ist ihre Textilarbeit Lapsus (2010) platziert, die wie eine
       Art Patchwork-Vorhang von der Decke hängt. Um daran zu erinnern, dass ein
       Arrangieren von Bildern und Objekten auch ein Verweben ihrer Narrative ist,
       hätte es diesen Einschub nicht unbedingt gebraucht.
       
       Wie Alexandra Bircken nun in der privaten Kunststiftung der rheinischen
       Unternehmerfamilie Langen die motivischen Assoziationsketten
       aneinanderknüpft, hat etwas vom überschätzten Witz eines Poetry Slams: Der
       aufgedrehte Yves-Saint-Laurent-Lippenstift einer Magazinseite trifft auf
       eine hölzerne Patronenhülse, deren spitze Form wieder im Foto eines
       silberfarbenen Rings auftaucht, dessen Form einen Fingernagel imitiert. Die
       Fingernagelspitze spiegelt sich konzeptuell wiederum in den vier
       Aimovig-Migränespritzen daneben, und zum Abschluss dieser Kette gibt es
       einen Kugelschreiber. Der hat schließlich auch ein spitzes Ende …
       
       Das Zusammentragen wiederkehrender motivischer Elemente über Themen und
       Medien hinweg erinnert an Aby Warburgs [1][1924 begonnenen und nie
       abgeschlossenen Mnemosyne-Bilderatlas.] Im Gegensatz zu Warburg, der mit
       akribischem Ehrgeiz die Evolution antiker Bilder von der Kunstgeschichte
       bis in die Werbebranche nachzuskizzieren versuchte, verfolgt Bircken einen
       weniger empirischen Ansatz. Es scheint ihr stattdessen vielmehr um
       flüchtige, sentimentale Parallelen zu gehen, wie in der Gegenüberstellung
       der Fotos eines gestillten Babys und zweier andockender ICE-Züge deutlich
       wird.
       
       ## Das Vorbeihaschende
       
       Oder in dem Foto eines Baumes, dessen beständig wachsende Rinde sich stur
       einem Metallzaun widersetzt, dessen Gitterform wiederum als Abdruck auf
       einem fotografierten Knie auftaucht. Die Ähnlichkeit zu [2][Wolfgang
       Tillmans] ist unverkennbar, mit dem sie sowohl die fotografische
       Verliebtheit ins Unscheinbare, Vorbeihaschende als auch die Wurzeln in der
       Modebranche teilt.
       
       Hier und dort verweisen Fragmente auf jene Anfänge. Darunter sind
       fotografierte Stofffäden, die sich neben genähten Wunden wiederfinden. Ein
       Schaumgesicht im Kaffeebecher, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu
       einer Frau in Battoulah-Maske und sowie einem Star in Heidi Lees mit
       Swarovski-Kristallen besetztem Endless Echo Hat befindet.
       
       Hin und her gerissen zwischen Poesie und Pathos taucht in der
       23-Meter-Vitrine Vergänglichkeit objekthaft auf. An einem Ende – oder
       Anfang – ein Ei, an dem anderen flachgepresste Orangenschalen, die wiederum
       an Birckens zurück zu Tierhäuten abstrahierte Motorradanzüge erinnern. Die
       Platzierung eines Ausschnitts aus einem Artikel zu Longevity und Anti-Aging
       neben einem frischen Baguette bringt wiederum doch zum Schmunzeln. [3][RIP,
       Dieter Roth,] du hättest in die Hände geklatscht.
       
       25 Oct 2026
       
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