# taz.de -- Künstler Grant Mooney in Mönchengladbach: Was das Material verrät
> Im Museum Abteiberg durchquert der US-Künstler Grant Mooney die jüngere
> Geschichte der Bildhauerei – auf poetische bis marxistische Weise.
(IMG) Bild: Ästhetisch perfektes Industrieprodukt, aber ausgedient: Ventilatorenflügel in Grant Mooneys „sum“, Installationsansicht
Vielleicht kann man auch einmal darüber nachdenken, was Bildhauerei uns
heute zu sagen hat. Als Genre. So wie es der US-amerikanische Künstler
Grant Mooney gerade im Mönchengladbacher Museum Abteiberg macht. „sum“ ist
der lakonische Titel seiner Ausstellung, für die er auch Werke von 15
weiteren zeitgenössischen Künstler:innen versammelt hat.
Und der Titel macht zugleich ein Manko der abstrakten und konzeptuellen
Bildhauerei deutlich, nämlich etwas spröde und unzugänglich zu sein. Über
die konkreten Bilder aus der Malerei oder Videokunst lässt sich ja besser
streiten. Deren frei erschaffbaren Erzählungen sind ja eigentlich nur die
Grenzen der Vorstellungskraft gesetzt. In der Bildhauerei aber hat man es
mit einer Menge äußerer Kräfte zu tun.
Mit der Trägheit des Materials, mit seinen statischen und chemischen
Gesetzen. [1][Rosemarie Trockel] und Thea Djordjadze haben ihre Skulpturen
für eine gemeinsame Ausstellung im Lenbachhaus München mal eingeäschert und
in Urnen untergebracht, weil es sich vielleicht auch für sie gar nicht mehr
um frei formbare Objekte handelte, sondern um eigenwillige, widerspenstige
Charaktere, zu denen sich ein so ambivalentes Verhältnis entwickeln lässt
wie zu den eigenen Liebsten.
Was nun das Material uns zu erzählen hat, das vermittelt Grant Mooney in
seiner Ausstellung. Schon außen lassen sich an der zinkverkleideten Fassade
des festungsartigen, postmodernen Museumsbaus von Architekt Hans Hollein
zarte Klänge vernehmen. Sie stammen von den Drahtseilen einer Windharfe aus
Metall, die Mooney gemeinsam mit der Künstlerin Winona Sloane Odette
konzipierte. Im Inneren des Gebäudes ist der sphärische Sound dann auf
einem Monitor in rote und gelbe Streifen übersetzt. Sieht aus wie ein
digitaler Rothko – die Schau ist ohnehin voller kleiner, freigeistiger
Referenzen.
## Luft bedingt alles
Kopfüber hängt der Rothko über vielen auf den Boden verteilte Atemmasken.
Die hat [2][Park McArthur aus der Vorgängerausstellung] hinterlassen.
McArthur sitzt im Rollstuhl und ist von Beatmungsgeräten abhängig, was sie
auch in ihrer Kunst thematisiert. Luft bedingt hier alle und alles. In
einem anderen Raum um die Ecke lässt sich auf der Schwarz-Weiß-Fotografie
von Laura Aguilar eine beleibte Nackte mit Softdrink in der Hand von einem
Ventilator abkühlen.
Das Museum in Mönchengladbach war immer schon ein Ort des künstlerischen
Experimentierens. Auch bevor es 1982 in das eigenwillige Gebäude zog, das
Hollein innen mit so vielen Ebenen, Winkeln und Blickbezügen plante, dass
es dem klassischen – man könnte auch sagen: autoritären – White-Cube
regelrecht widerstrebt. Der vormalige Museumsdirektor Johannes Cladders
hatte von den 1960ern bis in die 80er eine avantgardistische,
internationale Kunstszene in Mönchengladbach versammelt – Gruppe Zero,
Lawrence Weiner, Hanne Darboven. Entsprechend fulminant ist auch heute noch
die Sammlung des Hauses, das ziemlich im Schatten der großen Museen von
Düsseldorf und Köln steht.
Mooney hat sich ihrer bedient. In [3][Joseph Beuys'] „Fettwinkel“ von 1962
ranzt nun eine butterbeschmierte Gipsstruktur vor sich hin. Und eine ganze
Museumswand füllen Hanne Darbovens manische Schreibarbeiten, als hätten
Stift und Papier bei der Künstlerin die Überhand genommen. Daneben liegen
die wassergefüllten, transparenten Kunststoffmatten von Olga Balema. Von
der Straße aufgeklaubter Kies, Plastikverpackungen oder Textilien schwimmen
darin herum. Diese banalen, schnell zu übersehenden Alltagszeugnisse formen
in dem Schwebezustand des Wassers ein eigenes, poetisches Bild.
Ganz klein und rätselhaft kommt in diesem Arrangement die Wandarbeit von
Grant Mooney selbst daher: Auf einem verdreckten Grund und elegant von
einer gewellten Polyethylenfolie umfasst, prangt ein silbernes Amulett (in
seinem früheren Leben war der 1990 in Seattle geborene Mooney
Silberschmied). Darauf formt sich ein Fingerring ab und eine organisch
gerillte Oberfläche wie auf dem Schulp eines Tintenfischs. Weird ist das.
Irgendetwas zwischen Designobjekt, Materialstudie und dem Versuch, Raum und
Zeit auf weniger als einem halben Quadratmeter zu bannen.
## Ausgediente Ventilatoren
In Grant Mooneys durchaus konzeptueller Bildhauerei geht es nicht nur um
Ästhetik und das Eigenleben der Stoffe. Sie begibt sich auch in
marxistische Gefilde. Fragt, wie das Material zirkuliert, zum
Gebrauchsobjekt verarbeitet und gesellschaftlich mit Wert versehen wird –
oder ihn eben auch wieder verliert. Riesige matt glänzende
Ventilatorenflügel aus Aluminium liegen im Foyer auf dem Boden, wunderschön
sehen sie aus in ihrer aerodynamischen Schlankheit. [4][Marcel Duchamps
Readymade], der Gedanke, die perfekte Form des Industrieprodukts habe schon
die Position der Kunst eingenommen, schwingt hier mit.
Doch die Ventilatoren aus einer ehemaligen Londoner Furnierfabrik sind
nicht zuerst zur Kunst erhoben worden, sondern haben vor allem keinen
Nutzen mehr. Ebenso wie ihre bis ins Detail gesäuberten Motoren daneben mit
den massiven Schrauben, leeren Fassungen und eingerollten Kabeln. Die
würden womöglich auf dem Schrottplatz vergammeln, hätte Mooney sie nicht
ins Museum geholt. Und so gelangt Mooney in dieser zwischen poetischen
Windklängen und ranzigen Ecken changierenden Ausstellung auch auf eine
Metaebene, die vielleicht besonders die Bildhauerei gut betreten kann. Und
fragt nach nichts Geringerem als dem Verhältnis der Gesellschaft zum
Material.
31 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sophie Jung
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