# taz.de -- Historiker über Antifa und Trump: „Ich mache aus meinen politischen Überzeugungen keinen Hehl“
> Der Historiker Mark Bray widersprach Donald Trumps Darstellung von
> Antifa. Dann wurde er zur Zielscheibe der Rechten und verließ die USA.
> Jetzt ist er zurück.
(IMG) Bild: Mark Bray, Assistenzprofessor für Geschichte an der Rutgers University in einem Hotelzimmer in Newark, New Jersey, USA
taz: Herr Bray, warum sind Sie in die USA zurückgekehrt?
Mark Bray: Meine Partnerin und ich unterrichten beide Geschichte an der
Rutgers University. Zwei akademische Stellen an derselben Universität zu
bekommen, ist schwierig. Außerdem sind hier unsere Familie und Freunde. Und
im Grunde hat die extreme Rechte versucht, mich aus meinem Job, meinem
Leben und meinem Land zu vertreiben. Diesen Triumph wollte ich ihnen nicht
gönnen.
taz: Hatten Sie Angst vor der Rückkehr?
Bray: Ja. Wir hatten Sorge, dass ich angehalten, verhört oder festgehalten
werde. Ich hatte ein Schreiben meiner Anwältin dabei, Medien und Politiker
waren informiert, falls ich in Haft kommen sollte. Und das, obwohl
keinerlei Anklage gegen mich vorliegt.
taz: Was passierte, als Sie landeten?
Bray: Als wir aus dem Flugzeug stiegen, wartete dort einer der
Bundesbeamten, die mich schon bei meiner Ausreise verhört hatten. Er sagte:
„Hi Mark, wie geht’s dir?“ Dann fragte er mich auf dem Weg zum Gepäck: „In
welchen Ländern waren Sie? Was haben Sie dort gemacht?“ Ich dachte die
ganze Zeit, gleich würde er mich in einen Raum bringen. Aber das geschah
nicht.
taz: Wie fühlt es sich an, wieder zurück zu sein?
Bray: Anfangs wohnten wir in einem Hotel, von dem außer meiner Mutter
niemand wusste. Auf dem Campus schaue ich, ob mir jemand folgt. Wenn ich
ein Gebäude verlasse, ziehe ich mich um, nehme unterschiedliche Wege und
Ausgänge. Ich weiß, das ist ein bisschen Overkill. Ein Freund sagt: „Low
probability, high impact.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert, ist
gering, die möglichen Folgen wären gravierend. Ich fühle mich sicher genug.
taz: Die von Charlie Kirk gegründete Organisation Turning Point USA
bezeichnete Sie als „Dr. Antifa“ und als Antifa-Mitglied. Was ist
tatsächlich Ihr politischer Hintergrund?
Bray: Ich bin seit vielen Jahren politisch aktiv: in der
globalisierungskritischen und der Antikriegsbewegung. 2011 war ich einer
der Organisatoren von Occupy Wall Street in New York. Ich mache aus meinen
politischen Überzeugungen keinen Hehl. Ich bin Historiker der radikalen
Linken. Meine politische Arbeit hat mir bei meiner Forschung geholfen, weil
antifaschistisch Organisierte sehr zurückhaltend gegenüber der
Öffentlichkeit sind. Aber ich selbst war nie antifaschistisch organisiert.
Ich betrachte mich im weiteren Sinne als Antifaschisten, als jemanden, der
Faschismus ohne Wenn und Aber ablehnt. Auch mein Buch macht deutlich, dass
ich in dieser Frage nicht neutral bin.
taz: Was ist Antifa dann – eine Ideologie, eine Bewegung, ein Netzwerk oder
eine Organisation?
Bray: Je nach Kontext ist es eine Politik oder Ideologie, ein Milieu oder
eine Strömung innerhalb der antifaschistischen Tradition. Es gibt
Organisationen, die sich Antifa nennen, aber Antifa selbst ist keine
Organisation. Es kann einen Vogelbeobachtungsverein in Paris und einen in
New York geben. Sie sind nicht unbedingt miteinander verbunden, nur weil
sie dasselbe tun und sich vielleicht aneinander orientieren.
taz: Gehört Militanz zu dieser Tradition?
Bray: Das hängt davon ab, was wir unter militant verstehen. Konfrontation
und Gewalt gehören historisch zum Repertoire möglicher Mittel. Das heißt
nicht, dass Gewalt die häufigste Taktik oder erste Wahl ist. Ein Argument
lautet: Hitler und Mussolini haben mit kleinen Bewegungen angefangen.
Deshalb wartet man nicht ab, ob eine faschistische Gruppe groß und
gefährlich wird, sondern versucht, sie früh zu stoppen.
taz: Was Sie als Teil des militanten Antifaschismus beschreiben –
organisierte Konfrontation und politische Gewalt –, wird von der
US-Regierung heute als Terrorismus bezeichnet. Wie sehen Sie das?
Bray: Als Terrorismusforscher bin ich Subjektivist. Ich halte Terrorismus
nicht für einen brauchbaren Begriff. Ist jede Gewalt Terrorismus? Die
meisten Menschen würden sagen: Nein. Mit dem Begriff verbindet man
al-Qaida, den IS, das World Trade Center, Enthauptungen. Das mit nicht
tödlicher körperlicher Gewalt zu vergleichen, überdehnt den Begriff so
weit, dass Terrorismus mit Gewalt gleichgesetzt wird. Meine kurze Antwort
auf die Frage „Ist Antifa eine Terrororganisation?“ lautet: Sie ist weder
eine Organisation noch terroristisch. Ich betrachte Terrorismus als
gesellschaftlich konstruierte Kategorie, die dazu benutzt wurde, politische
Bewegungen zu delegitimieren.
taz: Die US-Regierung hat die deutsche „Antifa Ost“, auch bekannt als
„Hammerbande“, als ausländische Terrororganisation eingestuft. Ist das
überhaupt eine Organisation, die tatsächlich existiert?
Bray: Ich weiß über diese Gruppe nicht genug, um beurteilen zu können, was
Realität und was Mythos ist oder ob sie überhaupt existiert hat. Aber ich
denke, aus Sicht des Außenministeriums kommt es nicht darauf an, ob all
diese Gebilde tatsächlich existieren. Vier mutmaßliche Organisationen
wurden entsprechend eingestuft. Bei den beiden griechischen Gruppen könnten
die Namen nach allem, was ich gelesen und gehört habe, eher als Signaturen
für Aktionen verwendet worden sein. In den Vereinigten Staaten gibt es
keinen rechtlichen Mechanismus, mit dem eine inländische Gruppierung als
ausländische Terrororganisation eingestuft werden kann. Für ausländische
Gruppierungen gibt es ihn. Ich könnte mir vorstellen, dass es dabei auch
darum geht, Verbindungen zu amerikanischen Gruppen herzustellen. Das ist
bisher allerdings nicht öffentlich passiert.
taz: Die US-Regierung spricht inzwischen auch von „Antifa-aligned“, also
„Antifa-nah“. Warum ist das wichtig?
Bray: Einige Tage nach dem Erlass begann das Heimatschutzministerium, von
„Antifa-aligned“ zu sprechen. Das bedeutet: Was auch immer Antifa genau ist
– durch Verbindung mit ihr wird auch zum Problem, was man in ihrem Umfeld
verortet. Später gab es eine weitere Verschiebung hin zu linker Gewalt und
linkem Terrorismus allgemein. Mein Eindruck ist: Damit sinkt die Hürde, die
Existenz einer konkreten Organisation überhaupt nachweisen zu müssen.
taz: Ihr neues Buch handelt davon, was Ihnen und Ihrer Familie widerfahren
ist. Warum haben Sie es geschrieben?
Bray: Es geht um Schlüsselmomente unserer Geschichte, aber auch um die
Geschichte und Politik, die dazu geführt haben. Ein Strang handelt davon,
was es für mich angesichts des Wiedererstarkens des Faschismus bedeutet,
Jude zu sein, davon, dass ein Teil meiner Familie im Holocaust ermordet
wurde, und von meinem Verhältnis zur jüdischen Identität. Das Schreiben hat
mir geholfen, das Erlebte zu verarbeiten und aus etwas Negativem etwas
Positives zu machen.
taz: Sie haben sich in den USA wieder ein Leben aufgebaut. Werden Sie
bleiben?
Bray: Ich bin vorsichtig optimistisch. Ich hoffe, dass diese Phase der
amerikanischen Geschichte, wenn wir uns in zehn Jahren wiedertreffen,
zumindest teilweise hinter uns liegt. Ich glaube nicht, dass MAGA oder die
zugrunde liegenden Ursachen verschwinden werden. Also halte ich an der
Hoffnung fest – und an meiner Möglichkeit, mein Leben hier zu führen. Aber
meinen Ruhestand würde ich trotzdem gern in Europa verbringen.
1 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Jennifer Stange
## TAGS
(DIR) Donald Trump
(DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
(DIR) Schwerpunkt Antifa
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) GNS
(DIR) Interview
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) „Gipfel gegen Linksextremismus“: Mit Trump gegen die Antifa
Die Bundesregierung wird Gastgeber des Follow-ups von Trumps „Gipfel gegen
Linksextremismus“ – und treibt damit den autoritären Staatsumbau auch hier
voran.
(DIR) Anti-Antifa-Gipfel in den USA: Auf der Suche nach einer Verschwörung
US-Außenminister Rubio glaubt, die übersehene Gefahr unserer Zeit sei der
Linksterrorismus. Sein Antiterrorgipfel sollte Allianzen gegen die Antifa
schmieden.
(DIR) Vorwürfe gegen „Antifa Ost“: Mit allen Mitteln?
Bei den Blockaden des AfD-Parteitags werden einige Linke fehlen – weil sie
in Haft sitzen. Auch die Szene diskutiert über Angriffe auf Neonazis.