# taz.de -- Exilmuseum in Berlin: Abgereist
       
       > In seiner ersten Ausstellung erzählt das Exilmuseum Geschichten aus der
       > Fasanenstraße. Und wartet mit einigen Überraschungen auf.
       
 (IMG) Bild: Der Serviettenring ist ein Geschenk von Gertrud Grossmann an ihren Sohn Hans. Die Familie wohnte in der Fasanenstraße 2
       
       Beim Blick aus dem Fenster eröffnet sich das Panorama der Straße. „Ein
       Juwelier drapiert sorgfältig seine Schmuckstücke im Schaufenster,
       nacheinander gehen die Lichter in den Boutiquen an.“ Fariba Vafi, die das
       schreibt, ist in Iran geboren und lebt seit 2020 in Berlin. Das Fenster,
       aus dem sie schaut, gehört zur Fasanenstraße 24. In der prächtigen
       Stadtvilla eröffnet am 2. Oktober [1][die erste Ausstellung des
       Exilmuseums].
       
       Ihren Text hat Vafi im Rahmen des Projekts [2][„Weiter schreiben“]
       veröffentlicht, bei dem sich Autorinnen und Autoren im Exil mit ihrer neuen
       Umgebung auseinandersetzen. Für Vafi gehört zu diesem Dialog auch die
       Entdeckung der Gedenktafel an Essad Bey in der Fasanenstraße 72 gegenüber.
       „Ein Mann, der aus Baku kam. Der in Berlin seinen Namen änderte. Jahre
       später starb er fern der Heimat in Italien.“
       
       „Von hier aus“ heißt die Ausstellung, die denen gewidmet ist, die einst in
       der Fasanenstraße lebten und nach der Machtübernahme der Nazis ihre Heimat
       verlassen mussten. Doch der Text von Fariba Vafi, der in einer Audiostation
       zu hören ist, zeigt, dass es die Stiftung Exilmuseum immer wieder schafft,
       das Thema Exil auch in die Gegenwart zu holen.
       
       Auch in der Ausstellung selbst hat der Mann aus Baku einen festen Platz.
       „Auf das zeitgenössische Publikum wirkte Essad Bey wie ein exotischer
       muslimischer Prinz“, heißt es in seinem Porträt unter der Nummer 72, denn
       die Geschichten der Menschen werden unter der jeweiligen Hausnummer
       vorgestellt, in der sie wohnten.
       
       Bey war allerdings nicht als Muslim aus Baku in die Fasanenstraße 72
       gekommen, sondern als Jude mit dem Namen Lew Abramowitsch Nussimbaun. Seine
       Familie floh nach dem Beginn der Oktoberrevolution über das Kaspische Meer.
       Lews Weg nach Berlin führte über Tiflis, Batumi, Istanbul, Paris und Rom.
       In Berlin konvertierte er zum Islam und schrieb in der Fasanenstraße seinen
       Erstlingsroman „Blut und Öl im Orient“.
       
       Für Bey war Berlin nicht der Ausgangspunkt des Exils, sondern ein
       Ankunftsort. 1933 aber musste auch er die Stadt verlassen, zog nach Wien,
       von wo er nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Hitlerreich 1938 weiter nach
       Italien floh. Dort starb er 1942 mit nur 38 Jahren.
       
       ## Der Neubau wäre zu teuer geworden
       
       Die Flucht- und Exilgeschichten aus der Fasanenstraße ins Zentrum der
       ersten Ausstellung zu stellen, bietet sich natürlich an. Dennoch steht die
       Frage im Raum, wie eine solche Ausstellung ausgesehen hätte, wäre sie dort
       gezeigt worden, wo das Exilmuseum ursprünglich entstehen sollte – in einem
       spektakulären Neubau auf dem Gelände des Anhalter Bahnhofs in Kreuzberg.
       
       Doch der Neubau war, noch bevor der erste Grundstein gelegt wurde, immer
       teurer geworden, sagt Ruth Ur, die seit Mitte letzten Jahres das Exilmuseum
       leitet. Von 40 Millionen Euro waren die geschätzten Baukosten im
       vergangenen Jahr auf 130 Millionen gestiegen. Nicht realisierbar für ein
       von einer Stiftung getragenes, also privates Museum.
       
       „Wir haben uns dann entschieden, das Museum in der Fasanenstraße 24 zu
       eröffnen“, sagt Ur. In die Stadtvilla war die Stiftung 2023 eingezogen,
       kurz nachdem das dort seit den Achtzigerjahren beheimatete
       [3][Käthe-Kollwitz-Museum] ans Schloss Charlottenburg gezogen war.
       
       Für Ur ist „Von hier aus“ eine Art Pre-Opening, denn nach dem Ende der
       Ausstellung im Januar muss in die Fasanenstraße 24 noch ein Fahrstuhl
       eingebaut werden. Die spätere Dauerausstellung wird dann Ende des kommenden
       Jahres eröffnet.
       
       ## Die Straße, das Haus, der Schrank
       
       Aufgeteilt ist die Schau in drei Kapitel. „Die Straße“ erzählt die
       Geschichten von Exilanten wie Essad Bey, die in der Fasanenstraße gelebt
       haben. „Das Haus“ ist dem Gebäude selbst gewidmet, das 1870 als allererstes
       Wohnhaus in der Fasanenstraße errichtet worden war. „Der Schrank“
       schließlich stellt die Frage, was ein Möbelstück über die Geschichte seiner
       Besitzer erzählen kann.
       
       Zu den prominentesten Bewohnern der Fasanenstraße zählt zweifelsohne
       Heinrich Mann. Ausgestellt wird ein Notizbuch des Schriftstellers,
       aufgeschlagen in der letzten Februarwoche des Jahres 1933. Der lapidare
       Eintrag am 21. Februar lautet „Abgereist“.
       
       „Uns war es wichtig, eine ausgewogene Mischung von jüdischen und
       nichtjüdischen Exilanten zu zeigen“, sagt Ruth Ur, die die Ausstellung auch
       kuratiert hat. Zu den jüdischen Familien gehören zum Beispiel Julius und
       Dora Klausner, die 1926 eine Villa in der Fasanenstraße 83 bezogen haben.
       Mit seinem Onkel Hermann Leiser hat Klausner in einem Kreuzberger Hinterhof
       das gleichnamige Schuhgeschäft gegründet. Die Ausstellung zeigt unter
       anderem den Versteigerungskatalog des Inventars aus der Villa 1938, ein
       Jahr nachdem die Klausners Berlin verlassen mussten.
       
       Nicht immer war die Flucht ins Exil erfolgreich, wie das Beispiel der
       Bauhaus-Architektin Otti Berger zeigt. Als das Bauhaus 1932 auf Druck der
       Nazis in Dessau schloss, machte sich Berger mit einem Atelier in der
       Fasanenstraße 13 selbständig. Vergeblich versuchte sie ihrem Lebenspartner
       Ludwig Hilbersheimer ins Exil in die USA zu folgen. 1944 wurde Berger in
       Auschwitz ermordet.
       
       ## Die, die geblieben sind und mit dem Leben bezahlt haben
       
       Erinnert wird im Kapitel „Die Straße“ auch an jene Bewohnerinnen und
       Bewohner, die nicht gegangen, sondern geblieben waren und diese
       Entscheidung mit dem Leben bezahlen mussten. Ihre Namen finden sich an
       einer weißen Wand, ebenfalls sortiert nach den Hausnummern der
       Fasanenstraße.
       
       Die Überraschung der Schau ist ein Schrank, den die Kunsthistorikerin
       Bettina Klein in einem Trödelladen entdeckt und erworben hat. Nach
       monatelanger Recherche hat sie herausgefunden, dass er dem Ehepaar Luise
       und Leo Kestel gehörte. Zur Recherche gehört auch ein Antrag von Leo Kestel
       auf Entschädigung. Darin schreibt er über den Moment seiner Flucht: „Ich
       werde niemals vergessen, wie ich meine Frau und mein Kind auf dem Flughafen
       Tempelhof zurücklassen musste, und wie alles, Heimat, Familie, Freunde und
       Vermögen hinter mir versank.“
       
       30 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://exilmuseum.berlin/von-hier-aus
 (DIR) [2] https://weiterschreiben.jetzt/weiterschreiben-interventionen/
 (DIR) [3] https://www.kaethe-kollwitz.berlin/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Exil
 (DIR) Schwerpunkt Nationalsozialismus
 (DIR) Erinnerungskultur
       
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