# taz.de -- Deutsche Autobauer in der Krise: „Die jetzige Situation ist ziemlich peinlich“
> Im Mobilitätssektor spürt man keinen Mut mehr, sagt der Designer Paolo
> Tumminelli. Die Industrie bleibe arrogant, obwohl der Anteil chinesischer
> Neuwagen wachse.
(IMG) Bild: Die kleinste europäische Antwort: Fiat Topolino
taz: Herr Tumminelli, was treibt Sie gerade am meisten um, wenn Sie an
Autos denken?
Paolo Tumminelli: Die jetzige Situation ist ziemlich peinlich. In 40 Jahren
hat es die Europäische Gemeinschaft nicht geschafft, eine Bank zu gründen,
die uns eine EU-Kreditkarte anbietet; oder ein Servernetzwerk, mit dem wir
Kommunikation und soziale Medien betreuen. Stattdessen beschäftigen wir uns
mit Plastikflaschen und wie deren Deckel gestaltet werden sollten. Wir
hatten die besten Designer der Welt und dann erscheint dieses Ding, das du
so runterklappen musst, dass du daraus nur trinken kannst, wenn du beide
Hände freihast. Ich verstehe das Ziel – ehrlich! –, aber in der Sache hätte
man sich doch auch vernünftige Lösungen vorstellen können.
taz: Was hat das mit dem Auto zu tun?
Tumminelli: Im Mobilitätssektor spürt man keinen Mut mehr. Derweil bauen
die Chinesen Züge, die sich mit 450 km/h bewegen, sie testen welche, die
auf 800 km/h kommen. Was hiesige Autohersteller können, sind Renault 5,
Renault 4, Fiat Topolino, Pandina und Grande Panda. Audi baut nun wieder
den A2.
taz: Modelle von vor Jahrzehnten, aufgepeppt mit Hybrid und Einparkhilfe,
Navi und LED-Lametta?
Tumminelli: Fiat, und das meine ich nicht abwertend, war nie cool. Es war
eine Marke der Vernunft. Und jetzt versucht man dort mit SUV-Fastback,
nostalgischen Modellen und schickerer Ausstattung die Kurve zu kratzen? Was
für eine Strategie ist das? „Zurück zu den Ursprüngen“? Wohl eher „Stellen
wir uns hinten an“.
taz: Viele sorgen sich weniger um die Entwicklung des Autos oder um die EU,
sondern schlicht um ihre Arbeitsplätze.
Tumminelli: Es geht um mehr. Denn dem Auto kommt – in Medien und politisch
– eine strukturelle Bedeutung zu. Es ist auch ein politisches Thema.
Deutschland hat bereits die Kommunikation und die Unterhaltungselektronik
verloren. Was bleibt von „Made in Germany“?
taz: Die chinesischen Marken Geely, SAIC und Changan sind ernstzunehmende
Größen, aber fast niemand hat die als Konkurrenz auf dem Schirm.
Tumminelli: Weil die Industrie arrogant bleibt, obwohl der Neuwagenmarkt
einbricht. Zugleich wächst der Anteil chinesischer Neuwagen.
taz: Warum interessiert sich keiner für andere Modelle?
Tumminelli: Die Autohersteller verkaufen ultrateuren Unfug, den sich keiner
leisten will. Kunden sind komplett verunsichert: Elektro oder doch nicht?
Und wenn, wie viel Watt, wie viel Volt soll es sein? Und wie sieht es
künftig mit Preisen und Steuern aus?
taz: Diesel, Hybrid oder Benzin?
Tumminelli: Alle! Mit dem E-Plan 2035 hat Europa de facto die
Verbrenner-Entwicklung gestoppt. Der effizienteste Benziner wird
mittlerweile in [1][China] gebaut, Mazda stellt die Skyactive-Z-Serie vor:
groß und einfach statt Downsizing-Blödsinn.
taz: Ein Verbrenner, der die Euro-7-Norm erfüllt.
Tumminelli: Das Parallel-Hybrid-System von Toyota bleibt Spitze im
Stadtverkehr. Europa hat stattdessen das Plug-in-Hybrid gewollt, das keinem
nutzt. Dieselgate wurde missbraucht, um eine Wende bei Privatkunden zu
forcieren. Doch Diesel bleibt der König auf der Straße. Deutschland baute
die besten Diesel der Welt. Höchste Zeit, pragmatisch zu denken.
taz: Wenden wir uns dem Schönen zu, Ihrer Kernkompetenz: Design, Kultur und
Ethik und wie sie unsere Beziehung und Interaktion mit der Welt ordnen.
Tumminelli: Heute bauen alle dasselbe Auto. Die Qualität ist im Prozess
enorm und im Konzept inexistent. Es gibt keine Entwicklung, keine
Fortsetzung, die an etwas Sinnvolles anknüpft. Polestar, wohl bemerkt eine
Volvo-Marke, kam irgendwann mit dem Modell 4 ganz ohne Heckscheibe,
stattdessen eine Kamera. Nur wozu? Mercedes beschäftigt sich anscheinend
nur noch mit der Form seines Kühlers. Es gibt mittlerweile um die acht
Typen in allen Formen und Farben. Wen interessiert das? In dem, was da ist,
drückt sich lediglich Arroganz aus.
taz: In Bezug auf das Design der Modelle?
Tumminelli: In Bezug auf die Bedeutung von Gestaltung. Wir haben eine
intensive gesellschaftliche Diskussion zu der Freiheit, sich überhaupt noch
privat individuell zu bewegen. Und die gestalterische Antwort ist
Aggressivität. In einer Situation, in der das Automobil aufgrund der
Emissionen Gegenwind bekommt – und in so einer Situation trotzt die
Industrie der Kritik und erfindet die Auspuffattrappe! Ist das nicht zu
blöd? Sie verkaufen teures unnötiges Zeug fürs Röhren in Tunneln.
taz: Warum, für wen?
Tumminelli: Automobilfans werden immer älter und weniger, dafür noch
extremer. Bedient werden sie von einer Automobilpresse, die sich seit
Jahren im Sinkflug befindet und sich daher vom Automobilvolk abhebt. So ist
das Auto zum Nischenthema geworden, eine exklusive Szene. So entstehen
Modelle, die das Gegenteil von dem darstellen, was Normalbürger unter
Mobilität und Freiheit verstehen.
taz: Es werden Autos gebaut, die nur sehr wenige wollen?
Tuminelli: Früher galt, „Sag mir, was für ein Auto du fährst, und ich sag
dir, wer du bist“. Diese Identifikation ist heute unmöglich. Erstens, weil
das Automobilprodukt so schwammig und diffus ist, selbst die Identitäten
von einst ausgesprochen starken Marken wie BMW oder Mercedes. Heute steht
jedes Modell im Kontrast zu allen anderen. Mancher Mercedes ist ein
Renault, mancher sieht gut, mancher sieht scheiße aus, mancher ist klein
und billig, mancher groß und teuer. Wenn du heute sagst „Ich fahre
Mercedes“, dann sagt das gar nichts mehr aus.
taz: Wie schlägt sich das in der Gestaltung neuer Autos nieder?
Tumminelli: Lange hat man sich mit seinem Auto identifiziert, etwas
dargestellt [zeichnet mit Fingern einen Bilderrahmen in die Luft]. Autos
hatten relativ große Scheiben, das Verhältnis von Tür zu Scheibe war eins
zu eins, ausbalanciert. Jetzt sind wir bei zwei zu eins.
taz: Seitenfenster wirken grimmig, zugekniffen.
Tumminelli: Bei den hinteren Türen ist es eher vier zu eins. Die
Windschutzscheiben sind superflach; dadurch wird das Außenlicht reflektiert
und deshalb sind die Insassen kaum sichtbar. Das ist nicht nur für den
Fahrer schlimm, es bedeutet auch, dass du von vorne nicht zu sehen bist.
Unsichtbar von der Seite, von vorne, zusätzlich verdunkelte Scheiben. Als
Fußgänger oder Radfahrer kannst du unmöglich erkennen, ob der Autofahrer
dir zunickt oder woandershin schaut. Im Grunde verschwindet man im Auto.
Ist nicht mehr Teil des Bildes. Die Botschaft „Ich bin nicht mehr
bedeutend“ ist, glaube ich, ein ziemlich interessantes Problem.
taz: Nur noch das Auto zählt, nicht mehr der Fahrer?
Tumminelli: Bist du erst unsichtbar, wird das entscheidend, gerade in Bezug
auf die ganze soziale Verhandlung und Akzeptanz. Du siehst die Menschen
nicht, die sehen dich nicht. Ich bin zwei Meter groß, aber wenn ich als
Fußgänger eine Straße überquere, habe ich eine Wand aus Bullis und SUVs vor
mir. Früher waren auch nicht alle Autos schön, aber sie haben uns weniger
Platz weggenommen – und man konnte hindurchsehen.
30 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Matthias Penzel
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