# taz.de -- Türkischer Sender Halk TV: Türkische Journalisten decken Börsenskandal auf
       
       > Erdoğan lässt den türkischen Fernsehsender Halk TV durchsuchen und nimmt
       > mehrere Journalisten fest. Diese haben zuvor über einen Fondsskandal
       > berichtet.
       
 (IMG) Bild: Die türkische Polizei durchsuchte die Räume des TV-Senders Halk TV
       
       [1][Recep Tayyip Erdoğan] hat mal wieder die Wirtschaft und den türkischen
       Staat gerettet: Am Freitagnachmittag gab der türkische Präsident
       Entwarnung. [2][Die Börsenkrise, ausgelöst durch illegale
       Fondsspekulationen] „ist unter Kontrolle“, verkündete er bei einer
       Veranstaltung der türkischen Exportwirtschaft. Durch konsequente Eingriffe
       hätte der Staat die illegale Spekulation beendet, die Verantwortlichen zur
       Rechenschaft gezogen und durch neue Regelungen zukünftig Spekulationen
       dieser Art unmöglich gemacht.
       
       Dieses Narrativ versucht der Präsident seit Wochen in der Öffentlichkeit
       durchzusetzen. Für ihn geht es um viel. Kaum eine Krise der letzten
       Jahrzehnte hat ihn so in Bedrängnis gebracht wie die Fondsspiele, bei denen
       einige sehr reich wurden und viele andere, rund 500.000 zumeist kleinere
       Sparer, ihr gesamtes Geld zu verlieren drohen. Viele dieser Sparer sind
       seine Wähler und anders als in Konflikten um Menschenrechte, die
       Unterdrückung der Opposition oder anderer demokratischen Freiheiten,
       interessieren sich in diesem Fall auch seine Anhänger für korrekte
       Informationen und Recherchen, die aufdecken, wie sie über den Tisch gezogen
       wurden und wer eigentlich davon profitiert hat.
       
       Ende September wurde der seit Monaten schwelende Börsenskandal zum
       erstrangigen Politikum, als eifrige Internetjournalisten aufdeckten, dass
       die stellvertretende AKP-Parteivorsitzende Fatma Betül Sayan Kaya bei den
       Fondsspekulationen Millionen Dollar im zweistelligen Bereich verdient hat.
       Kaya ist nicht irgendwer. Sie war bis zum Bekanntwerden ihrer
       Fondsspekulation eine der engsten Vertrauten von Erdoğan. Der Präsident war
       persönlich eng mit ihr befreundet, er hatte ihren Aufstieg gefördert, sie
       schien ein Musterexemplar der neuen islamischen Elite des Landes. Und dann
       das.
       
       Dem medialen Donnerschlag um Kaya folgten weitere Enthüllungen über hohe
       Parteimitglieder oder deren Kinder, die im Fondsskandal mitten
       drinsteckten. Für Erdoğan wurde die Berichterstattung über den
       Börsenskandal zu einer Frage des politischen Überlebens. Statt einer
       ehrlichen Aufarbeitung entschied er sich, natürlich, zur Unterdrückung der
       Berichterstattung.
       
       ## Zensur von Sozialen Medien
       
       Da in der Türkei eine wahrheitsgemäße Berichterstattung nur noch im
       Internet und einigen sehr wenigen Zeitungen und Fernsehsendern stattfindet,
       folgte der erste große Schlag im Internet. Mehr als tausend Accounts,
       überwiegend von X, das in der Türkei nach wie vor das gängigste
       Nachrichtenmedium ist, wurden gesperrt. Betroffen waren Ökonomen,
       Analysten, Kulturschaffende, Schriftsteller, aber vor allem Journalisten,
       die seit Langem ins Internet gedrängt worden waren. Einige Journalisten
       wurden festgenommen, vier von ihnen, bekannte Investigativjournalisten,
       blieben zunächst in Haft.
       
       Wenige Tage später erfolgte dann die große Eskalation. Am frühen
       Mittwochmorgen stürmte eine Hundertschaft Polizei den [3][oppositionellen
       Sender Halk TV], auf Deutsch „Volksfernsehen“. Halk TV war 2013 anlässlich
       der Gezi-Proteste als Nischensender gestartet, wurde dann zur wichtigsten
       Plattform der Oppositionsparteien und berichtete als einziger Fernsehsender
       intensiv über die Hintergründe des Fondsskandal.
       
       Der Sender wurde besetzt, elf Mitarbeiter festgenommen und gegen 17 weitere
       Ermittlungen eingeleitet. Auch gegen den Besitzer von Halk TV, Cafer
       Mahiroglu, der in London lebt, wurde ein Haftbefehl ausgestellt. Ein
       Zwangsverwalter wurde eingesetzt, seitdem werden nur noch
       Regierungspropaganda oder alte Schnulzenfilme gesendet.
       
       ## Weitere Festnahme
       
       Am Donnerstag legte die Staatsschutzjustiz noch einmal nach und verhaftete
       auch noch Bahadır Özgür, einen der besten Aufklärer des Fondsskandals, der
       gelegentlich auch bei Halk TV sendete. Immerhin, am Freitag ließ der
       Haftrichter ihn mit der Auflage, nicht das Land zu verlassen, wieder auf
       freien Fuß.
       
       Der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der deutsch-türkischen
       Gesellschaft, Macit Karaahmetoğlu, bezeichnete das Vorgehen Erdoğans als
       „zur Schau gestellte Justizwillkür“, andere sagen, er hätte mit der
       Unterdrückung der Berichterstattung endgültig den Schritt vom autoritären
       Herrscher zum Diktator vollzogen. In eineinhalb Jahren will Erdoğan sich
       erneut zum Präsidenten wählen lassen.
       
       18 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wolf Wittenfeld
       
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