# taz.de -- Protokoll aus Cherson: „Wir stützen uns gegenseitig“
> In Cherson ist es lebensgefährlich, aber noch gibt es Essen und Strom.
> Die 45-jährige Anna erklärt, warum sie und ihre Familie die Stadt nicht
> verlassen.
(IMG) Bild: Gefährlicher Alltag in Cherson: Zum Schutz vor FPV-Drohnen hängen Netze über vielen Straßen
Wenn ich gefragt werde, wie es uns hier geht, sage ich immer: Wir leben.
Das Wort „überleben“ ist ja schon etwas abgenutzt. Warum sind wir noch
hier? Mein Mann arbeitet im Rettungsdienst. Stellen Sie sich vor: Angriffe,
Drohnenflüge – und sie fahren los. Krankenwagen sind aktuell eine
Zielscheibe, aber er sagt: „Wenn alle weggehen, wer holt dann die Leute aus
den Trümmern?“ So stützen wir uns gegenseitig.
In Cherson ist normaler Schulbetrieb schon lange zu gefährlich.
Unterrichtet wird per Zoom oder über Onlineplattformen – wenn es Internet
gibt. [1][Unser Zwölfjähriger sitzt im Flur, mit dem Laptop, und rundherum
kracht es]. Klar, manchmal gehen wir auch in den Keller. Kinder in Cherson
haben keine normale Kindheit mehr. Sie haben keinen Kontakt zu
Gleichaltrigen, rausgehen können sie auch nicht. Kürzlich wurde eine Frau
getötet, die ihren Hund ausgeführt hat. Deshalb bleibt Kindern jetzt nur
noch der Bildschirm. Aber wir achten darauf, dass unser Sohn lernt, man
darf jetzt nicht nachlassen.
## Gebären im Schutzraum
Generell sind nur noch wenige Kinder in der Stadt. Aber mein Mann sagt,
dass es noch Frauen gibt, die in einer unterirdischen Geburtsklinik
gebären, in einem Schutzraum. Dort ist alles so eingerichtet, dass selbst
bei Stromausfall noch alle Versorgungsanschlüsse funktionieren.
Mit ärztlicher Versorgung ist es schwierig. Ärzte sind wahre Helden, aber
Fachärzte gibt es nicht mehr genug. Mein Mann kommt immer frustriert von
den Rettungseinsätzen zurück: jeden Tag Verletzte durch Beschuss und
Drohnen. Ich habe immer Angst, ob er überhaupt noch ob er überhaupt
zurückkommt. In Cherson gibt es keinen sichereren Ort mehr.
## Russische „Drohnen-Safaris“
Über vielen Straßen hängen Netze gegen die FPV-Drohnen, mit denen die
Russen Menschen jagen. Wir nennen das „Menschen-Safari’. Die russischen
FPV-Drohnen fliegen über den Dnipro und suchen nach einsamen Passanten.
[2][Neulich ist ein Gemüsehändler direkt zwischen den Marktreihen verfolgt
worden]. Die Menschen bewegen sich möglichst im Schutz von Bäumen. Bei
klarer Sicht gehen sie nicht mehr nach draußen. Man hört dieses leise
Summen – und das Herz gefriert. Sie sehen durch ihre Drohnenkamera genau,
dass sie einen Zivilisten vor sich haben, trotzdem werfen sie Sprengstoff
ab.
Strom, Wasser und Gas gibt es noch in der Stadt, [3][die städtischen
Einrichtungen reparieren alles in Blitzgeschwindigkeit]. Aber alles ist
unsicher, erst neulich kürzlich gab es wieder kritische Vorfälle in einem
Heizkraftwerk. Wir werden bereits gewarnt, dass der kommende Herbst und
Winter die schwersten seit Kriegsbeginn werden. Die Behörden fordern alle,
die es können, dazu auf, die Stadt zu verlassen.
## Versorgung mit Lebensmitteln
Alles ist hier sehr teuer, manche Produkte werden rationiert. Aber Essen
kann man kaufen, wenn man Geld hat. Es kommen auch humanitäre
Hilfslieferungen. Das Problem ist nicht ein Mangel an Lebensmitteln,
sondern, dass man die Geschäfte lebend erreichen muss.
[4][Die Situation Oleschky ist ein riesiges Drama]. Die Stadt liegt auf der
anderen Seite des Dnipro unter russischer Besetzung, nur neun Kilometer von
Cherson entfernt. Die Russen haben Oleschky völlig blockiert. Es gibt dort
weder Gas, Strom noch Wasser. Die Menschen haben seit Mai keine
Lebensmittel mehr bekommen, sie essen Tauben und irgendwelche Kräuter. Und
obwohl ich ja weiß, was die Russen hier mit uns machen, glaube ich, dass
Oleschky wirklich die Hölle ist. Wir leben alle im Krieg, aber Cherson ist
nicht besetzt, und dort am anderen Dnipro-Ufer herrscht völlige
Rechtlosigkeit …
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
9 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /1130-Tage-Krieg-in-der-Ukraine/!6097956
(DIR) [2] /Krieg-in-der-Ukraine/!6201922
(DIR) [3] /Energieversorgung-in-der-Ukraine/!6142255
(DIR) [4] /Humanitaere-Krise-in-Ukraine/!6217026
## AUTOREN
(DIR) Oksana Puhachova
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Cherson
(DIR) Drohnen
(DIR) Kampfdrohnen
(DIR) Besetzung
(DIR) Energieversorgung
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Drohnenjagd auf Menschen in Cherson: „Ich hatte Angst, dass mir niemand hilft“
Ein Elfjähriger überlebt einen Angriff durch eine russische Drohne. Immer
wieder werden in der ukrainischen Hafenstadt gezielt Menschen attackiert.
(DIR) Protokoll aus Cherson: „Unser ganzes Leben ist hier“
Der Elektriker Andrij ist 48 und hat sein ganzes Leben in Cherson
verbracht. Er will bleiben, weil er von seiner Familie und der Stadt
gebraucht wird.
(DIR) Humanitäre Krise in Ukraine: Kaum Essen, kein Entkommen in Oleschky
In der russisch besetzten Stadt Oleschky in der Südukraine sind die
Menschen von Versorgung und Evakuierung abgeschnitten. Eine ukrainische
Drohnenaktion bringt kurzfristig Hilfe.