# taz.de -- Russischer Menschenrechtler: Nicht einmal im Gefängnis ist er sicher
> Der Historiker Juri Dmitrijew sitzt seit Jahren in russischer Haft. Nun
> soll sich sein Gesundheitszustand drastisch verschlechtert haben.
(IMG) Bild: Juri Dmitrijew vor dem Stadtgericht Petrosawodsk am 27. Dezember 2021
Der Gesundheitszustand von Juri Dmitrijew ist ernst. Angaben der russischen
Gruppe „Für Menschenrechte“ (ZPTSCH) zufolge wurde der inhafierte
Historiker aus der Strafkolonie Nr. 18 in Potma in der Republik Mordwinien
in eine medizinische Besserungsanstalt verlegt. Die Diagnose lautet:
Verdacht auf einen Schlaganfall.
Es gebe erhebliche Zweifel, ob diese Einrichtung über die nötigen
Möglichkeiten für Diagnose und Therapie verfüge, zitiert das
russischsprachige Webportal Nastojaschee vremja eine namentlich nicht
genannte Quelle. Ob Dmitrijews Anwalt zu seinem Mandanten vorgelassen
werde, sei fraglich.
Der heute 70-Jährige wurde 1956 in Petrosawodsk, Hauptstadt der Republik
Karelien, geboren. Zunächst wuchs er in einem Waisenhaus auf, dann wurde er
adoptiert. Der Adoptivvater, ein Militäroffizier, diente in der DDR. Seine
Kindheit verbrachte Dmitrijew in [1][Dresden].
Als Historiker forschte er seit dem Ende der 80er Jahre zum Terror und zu
politischer Verfolgung in Karelien während der Stalin-Zeit und stieß in
diesem Zusammenhang auch zu der Menschenrechtsorganisation [2][Memorial].
1997 übernahm er die Leitung des regionalen Ablegers von Memorial in
Karelien. Memorial wurde in Russland in einem mehrstufigen Verfahren
zunächst aufgelöst und dann verboten.
## Vorwurf der Herstellung von Kinderpornografie
Nicht zuletzt Dmitrijews Engagement ist es zu verdanken, dass 1997 eine
Gedenkstätte in Sandarmoch eröffnet wurde. Auf dem Höhepunkt der
[3][Stalinschen Säuberungen] wurden hier zwischen Oktober 1937 und Dezember
1938 fast 10.000 Menschen hingerichtet.
2016 bekam Dmitrijew zu Hause Besuch von Sicherheitskräften und wurde
festgenommen. Dabei ging es um neun Nacktfotos seiner Adoptivtochter, die
das Mädchen im Alter von drei, vier und sechs Jahren zeigen. Dmitrijew gab
an, die Fotos gemacht zu haben, um die Entwicklung des unterernährten
Kindes zu dokumentieren.
Im April 2018 sprach ihn das Stadtgericht von Petrosawodsk vom Vorwurf
frei, kinderpornografisches Material hergestellt zu haben. Das Oberste
Gericht Kareliens hob diesen Urteilsspruch später wieder auf. 2021 wurde
Dmitrijew zu 15 Jahren Strafkolonie unter verschäften Bedingungen
verurteilt – wegen Vornahme sexueller Handlungen an Minderjährigen, der
Herstellung von Kinderpornografie sowie Waffenbesitzes.
Während seiner Haft war Dmitrijew häufig in eine Strafzelle verlegt worden,
unter anderem wegen „mangelhafter Ausführung der Übungen beim Morgensport“.
Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich erheblich. Doch trotz
mehrfacher Versuche gelang es ihm nicht, eine umfassende medizinische
Untersuchung zu erwirken.
Dmitrijews älteste Tochter, Ekaterina Klodt, versucht die Arbeit ihres
Vaters, im Rahmen der Möglichkeiten, weiterzuführen. Im Sommer 2023 verlas
sie anlässlich der jährlichen Gedenkveranstaltung für die in Sandarmoch
Getöteten eine Botschaft ihres Vaters.
Darin heißt es: „Unsere Aufgabe ist es nicht nur, den Behörden zu zeigen,
dass wir uns erinnern, und den Angehörigen die Namen der verleumdeten und
erschossenen Menschen zurückzugeben. Unsere Aufgabe ist umfassender. Wir
sind die Bewahrer des Gedächtnisses – und ohne Gedächtnis gibt es kein
Volk.“ Für Menschen wie Dmitrijew ist 2021 in Russland unter Wladimir
Putin, wo die Geschichte umgeschrieben wird, kein Platz. Nicht einmal im
Gefängnis.
28 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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