# taz.de -- 24.000 Bars in Italien geschlossen: ⁦Die kleine Flucht, die Auszeit – bald vorbei?⁦
       
       > Die Espresso-Bar steckt in der Krise. Mit ihr würde mehr als eine
       > gastronomische Einrichtung sterben. Die kleinen Lokale sind Schulen der
       > Lebenskunst.
       
 (IMG) Bild: Lässig und relevant für die Gesellschaft: die Espresso-Bar
       
       Der Zug hält am Brenner. Und das kann jetzt dauern. Machen wir’s? Na klar!
       Raus aus dem Zug und rein in die erste Bar auf italienischem Boden. Ein
       Cappuccino in den klassischen braunen Tassen, dazu ein Cornetto con crema
       und die Frage nach einem Glas Leitungswasser, die immer freundlich bejaht
       wird. Oder, tageszeitbedingt, doch lieber einen Espresso; oder einen Toast
       aus dem Kontaktgrill und einen Aperitif dazu. Und dann der Spurt zurück zum
       Zug.
       
       So war es früher, in den alten Zeiten, als ein deutscher Cappuccino aus
       abgestandenem Filterkaffee mit Sprühsahne bestand. In der italienischen Bar
       gab es Dinge, die wir haben wollten – und die wurden mit einer Lässigkeit
       und Schnelligkeit serviert, die sich sofort auf einen übertrug. Der Urlaub
       begann am Tresen, dort stehend wurden wir zu Italienern auf Zeit.
       
       Und die Italiener selbst? Haben nach neuen Zahlen [1][keinen Bock mehr auf
       ihre Bars]. Beziehungsweise kein Geld übrig für die kleine Flucht, die
       Auszeit, für die das Auto gern mal in zweier Reihe geparkt wird – ich bin
       eh gleich zurück!
       
       Nun ist von „wirtschaftlicher Wüstenbildung“ die Rede. Und das bedeutet,
       das es im chronisch wachstumsschwachen und inflationshohen Italien nun eben
       ans Eingemachte geht, an die Bar.
       
       ## Nur der Süden und die Inseln halten noch stand
       
       24.000 von ihnen sind in letzten sechs Jahren verschwunden, umgerechnet 11
       pro Tag. Gut sieben Milliarden sind so aus der Bilanz genommen, an Konsum,
       Beschäftigung und Steuereinnahmen. Nur der Süden und die Inseln halten noch
       stand. Doch selbst in der Megatouristenstadt Rom fehlen fast dreitausend
       der kleinen Lokale, die von frühmorgens bis in den frühen Abend die
       Bevölkerung mit sozialen Kontakten beim Espresso, in Italien schlicht caffè
       genannt, versorgen.
       
       Aber viele, heißt es in der Berichterstattung zum Thema, gingen eben gar
       nicht mehr raus, schuld sei smart working. Technisch sind [2][Maschinen mit
       „stabilen Brühdruck“], wie die Fachpresse formuliert, kleiner geworden und
       stehen in vielen Haushalten. Oder man greift gleich auf die gute alte
       Moka-Maschine auf dem Herd zurück.
       
       Sparen tut man auf jeden Fall. Wer jeden Tag drei Espresso in der Bar
       trinkt, einen morgendlichen Milchkaffee mit Brioche und ein frühabendliches
       Glas Wein oder Bier dazurechnet, kommt auch in den noch günstigen Regionen
       schnell auf 10 Euro Tageskonsum, immerhin dreihundert Euro im Monat. Und
       das in einem Land, in dem zwischen 1990 und 2024 die Bruttolöhne um 1,6
       Prozent sanken, während sie in den OECD-Ländern um 35 Prozent stiegen.
       
       Dieses arme Italien hat sich kürzlich in einer interessanten Debatte
       abgebildet. Der Schriftsteller und Lehrer Christian Raimo hatte nach einer
       Wanderung durch ein Gebirgstal in der Lombardei die oben erwähnte
       „Wüstenbildung“ festgestellt – wirtschaftlich, kulturell und sozial.
       
       ## Nationalheiligtümer verteidigen
       
       Seine Beobachtung, dass in der Dorfbar – soweit es eben überhaupt noch eine
       gibt – schon morgens nur „immer sechs oder sieben ältere Männer waren, die
       zu dieser Uhrzeit bereits tranken und versuchten, sich an die Barkeeperin
       heranzumachen, oder ihr widerliche Witze an den Kopf warfen“, führte zu
       einem bemerkenswerten Shitstorm.
       
       Die Bar wird [3][wie das Wirtshaus] eben verteidigt, auch wenn man selbst
       schon längst nicht mehr hingeht. Und die Menschen, die es doch noch tun,
       können so schlecht nicht sein, weil sie ja eine Art Nationalheiligtum am
       Laufen halten.
       
       Die Tristesse, die viele ausgeblutete ländliche Räumen Europas inzwischen
       bestimmt, darf auf keinen Fall so beschrieben werden, dass die Menschen
       darin eben genau so sind, wie man sie gemacht hat: trist.
       
       Die italienische Bar war immer eine generationen- und klassenübergreifende
       Institution. Wenn es aber keinen Nachwuchs mehr gibt, sich die Wohlhabenden
       aus den Peripherien zurückziehen und die Zugezogenen nicht willkommen sind
       – dann stirbt die Bar und damit ein Teil Europas.
       
       28 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://finanza.repubblica.it/News/2026/09/28/la_crisi_dei_bar_e_la_desertificazione_commerciale-45/
 (DIR) [2] /Suendhaft-teure-Espresso-Maschine/!5807218
 (DIR) [3] /Landtagswahl-in-Rheinland-Pfalz/!6160582
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ambros Waibel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) talkshow
 (DIR) Schwerpunkt Armut
 (DIR) Gastronomie
 (DIR) italienische Küche
 (DIR) Reiseland Italien
 (DIR) Italien
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Baden in Italien: Kampf gegen die Abzocke am Strand
       
       Die Vereinigung Mare Libero kämpft für die eigentlich längst vorgesehenen
       freien Zugänge der Strände. Bisher vereiteln das lukrative Konzessionen.
       
 (DIR) Neue Cafékette: Endstation Kaffeekultur
       
       Die LAP-Coffeeshops versprechen leckeren Kaffee für Menschen mit wenig
       Geld. Dabei sind sie vor allem eins: Himmlisch für Start-up-Bros. Ein
       Besuch.
       
 (DIR) Die Suche nach gerechtem Kaffee: Nicht die Bohne
       
       Gourmetkaffee ist in den letzten Jahren populärer geworden. Oft kommt er
       von kleinen Röstereien, aber auch die großen Kaffeeunternehmen mischen mit.