# taz.de -- Baden in Italien: Kampf gegen die Abzocke am Strand
> Die Vereinigung Mare Libero kämpft für die eigentlich längst vorgesehenen
> freien Zugänge der Strände. Bisher vereiteln das lukrative Konzessionen.
(IMG) Bild: In der Mitte ein kleiner „freier“ Streifen an einem Strand mit Konzessionen im italienischen Santa Severa
„Ein Sonnenschirm, zwei Liegen, macht 40 Euro.“ Diese Worte werden im
August Hunderttausende mal gesprochen in den Strandlidos Italiens. Am 15.
August – dem „Ferragosto“, den „Ferien des Augustus“, der seinem Volk schon
vor 2000 Jahren eine Auszeit verordnete – erreicht Italien Jahr für Jahr
den Höhepunkt der Sommersaison. Dann drängen Millionen Einheimische und
ausländische Tourist*innen ans Meer. Doch vor dem Sprung ins Wasser
heißt es für das Gros von ihnen erst einmal zahlen. Und das nicht zu knapp.
Denn die 40 Euro sind nur der Durchschnittspreis. In schickeren Orten wie
Positano an der Amalfiküste ist man schnell mit 90 Euro pro Tag dabei. Die
müsste natürlich niemand ausgeben – schließlich gibt es ja auch die freien
Strände. Gibt es sie wirklich?
Danilo Ruggiero, Präsident der mittlerweile in ganz Italien aktiven
Vereinigung Mare Libero (Freies Meer), hat da seine Zweifel: „Italiens
Strände gehören durchweg dem Staat, doch über die Jahre sind sie per
Vergabe der Lido-Konzessionen de facto privatisiert worden.“
Italien hat rund 8.000 Kilometer Küsten, 3.400 Kilometer davon sind
Strände. Und auf denen sind mittlerweile gut 11.000 Konzessionäre der
stabilimenti balneari, der Strandbäder aktiv. „Die verfügen da über ein
Huhn, das goldene Eier legt“, sagt Ruggiero. Im Schnitt zahlen sie jährlich
zwei Euro Pacht pro Quadratmeter – das bringt dem Staat nur gut 90
Millionen Euro jährlich ein.
## Hohe Einnahmen bei geringer Pacht
Die Saisoneinnahmen eines Lidos dagegen liegen nach konservativen
Schätzungen bei 260.000 Euro pro Saison, je zur Hälfte mit der Vermietung
von Schirmen und Liegen erwirtschaftet sowie mit Restaurant- und
Barbetrieb.
Und die freien Strände? „Die liegen in der Regel an den unattraktiven
Ecken, an Flussmündungen etwa oder neben Häfen“, sagt Ruggiero. Oder es
gibt sie gar nicht. Beispiel Rimini. Über Kilometer hinweg reiht sich da
ein stabilimento ans andere, stehen Tausende Sonnenschirme in Reih und
Glied. Badespaß? Nur für zahlende Gäste.
Möglich sei das nur, weil „die Gesetzeslage in Italien schlicht illegal
ist“, findet Ruggiero. Ein Gesetz von 1993 sah vor, dass die Betreiber der
Lidos ihre Konzessionen alle sechs Jahre automatisch verlängern konnten.
Damit war im Jahr 2006 eigentlich Schluss, als die EU die
Bolkestein-Richtlinie verabschiedete. Nach der müssen regulär auch Lidos
europaweit ausgeschrieben werden.
Italiens Regierungen aber verlängerten quer über die Parteigrenzen die
Konzessionen einfach „provisorisch“, weil die Materie angeblich so komplex
sei und vor dem Schritt zu Ausschreibungen erst einmal gründlich studiert
werden müsse. 2016 erklärte der Europäische Gerichtshof, dann im Jahr 2021
auch Italiens höchstes Verwaltungsgericht, diese Verlängerungs- und
Verzögerungspraxis für illegal. 2023 nahm die Regierung unter Giorgia
Meloni jedoch eine erneute Verlängerung bis 2027 vor.
## „Ausgestattete freie Strände“ als ideale Lösung?
Dann aber ist Schluss. Gibt es also Hoffnung? Ruggiero nennt als positives
Beispiel Roms Badestrand Ostia. Bisher waren dort 70 stabilimenti in
Betrieb, deren Zahl soll runter auf 35. Doch stattdessen hat die Stadt mit
der Vergabe von Konzessionen von „ausgestatteten freien Stränden“ begonnen.
Das heißt: Die Konzessionäre können dort einen Kiosk betreiben. Die Gäste
können Liegen und Sonnenschirme mieten, müssen es aber nicht – Zutritt und
Nutzung des Strands sind gratis.
Für Ruggiero ist das die ideale Lösung, die er sich für ganz Italien
wünscht, in einem ersten Schritt für mindestens die Hälfte der
Strandabschnitte. Dann wäre, meint er, Schluss mit der „faktischen
Privatisierung öffentlichen Eigentums“. Ein Strand sei doch auch nichts
anderes als ein öffentlicher Platz, an dem sich jeder auf eine Bank setzen
könne, „und wer möchte, konsumiert einen Espresso an den Tischen der Bar“.
Schluss wäre dann mit der Übermacht der Lido-Konzessionäre, die immer mal
wieder in Willkür ausartet. In Apulien etwa verbieten diverse stabilimenti
den Verzehr von mitgebrachtem Essen. Stattdessen können die Gäste an der
Bar ja ein Brötchen kaufen für 10 Euro aufwärts.
Als Positivbeispiel zitiert Ruggiero auch die Kleinstadt Bacoli vor den
Toren Neapels. Bisher sind dort über 80 Prozent des Strands in den Händen
von Lido-Konzessionären. Bürgermeister Josi Gerardo Della Ragione jedoch
will das Verhältnis umkehren und 80 Prozent freien Strand schaffen. Und als
ein Lido-Konzessionär die Nutzer des freien Strands als „Hungerleider“
verunglimpfte, gab Della Ragione zurück: „Ich bin der Bürgermeister der
Hungerleider.“
12 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
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