# taz.de -- Buch „Ich habe den Tod gerettet“: So viele Fragen an Madlenka
> Lucie Faulerová hat in ihrem Roman „Ich habe den Tod gerettet“ eine
> berührende, intensive Erzählung über einen fast selbstvernichtenden
> Schmerz geschrieben.
(IMG) Bild: Die Autorin Lucie Faulerová
Es ist ein Titel, der Aufmerksamkeit weckt: „Ich habe den Tod gerettet“
heißt der zweite Roman der tschechischen Autorin Lucie Faulerová. Die 1989
geborene Schriftstellerin gilt als eine wichtige literarische Stimme des
Landes, ihr im Original bereits 2020 erschienenes Buch wurde unter anderem
mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet.
Sterben, Tod, der Verlust eines nahen Menschen, das Überleben dieses
Verlusts – es sind schwere, existenzielle Themen, die Faulerová in ihrem
Roman verhandelt. Bekannte, wiederkehrende Themen in der Literatur, für die
sie eine eigene, sehr originelle Erzählweise gefunden hat. Eine, der eine
erstaunliche Balance zwischen Dunkelheit und schließlich leiser Zuversicht,
Schwere und trotzendem Witz gelingt.
„Es fährt ein Zug. Saust wie ein Vogel im Flug. Und wie sich seine Räder
drehn, so werden wir bald nichts mehr sehn. Sch-sch-sch-sch-sch-tuuu. Ich
beobachte Felder und Wiesen und den Himmel oder Felder und Wiesen und der
Himmel beobachten mich, genauso wie der Abgrund, in den wir so lange
blicken, bis auch er in uns hineinblickt, oder so irgendwie, davon kann ich
erzählen, davon kann ich hier und jetzt erzählen […] und die Zeit – die
kommt mir entgegen, und draußen fliegen die Jahre vorbei […].“
Mit diesen verrätselt anmutenden Zeilen beginnt der Text. Sie entpuppen
sich als eine Art Erzählanordnung, denn durch den gesamten Roman hindurch
sitzt die Ich-Erzählerin Marie in diesem Zug ohne Ziel. Und Erinnerungen
aus ganz verschiedenen Zeitabschnitten, von der Kindheit bis in die jüngste
Vergangenheit, wo sie etwa Mitte zwanzig ist, tauchen auf; chronologisch
unsortiert, in wilden Sprüngen.
## Textabschnitte als Puzzle
Doch haben sie eine Richtung, umkreisen die Schwester Madlenka, die enge
Beziehung der Erzählerin zu ihr. Madlenkas Krebserkrankung. Die Angst um
sie und die dadurch beeinflusste Dynamik in der Familie. Es sind oft kurze
Passagen, die assoziativ aufeinanderfolgen; manchmal sind es scharfe
thematische Schnitte. Faulerová sagte in einem Interview, es sei ihr
unmöglich gewesen das Buch linear zu schreiben. Sie habe Textabschnitte mit
der Schere zerschnitten, aneinandergereiht, umgeordnet, als Puzzle
zusammengesetzt.
Diese Vorgehensweise kann man sich gut vorstellen. Der Text ist wie ein
Mosaik aus Erinnerungen, Gedanken, Informationen angelegt. Die Anordnung
der einzelnen Teile ist dabei aufs Feinste komponiert. Die Autorin arbeitet
mit Neugier weckenden Vorausdeutungen, die sich wiederholen, dabei etwas
verschieben und schließlich ihren Kern freilegen. Behutsam führt sie ihre
Figuren ein. Ein, zwei Sätze nur über die Mutter, den Vater, den Bruder
Adam, um später auf sie zurückzukommen: sich langsam andeutende Charaktere.
Marie zeichnet Faulerová mit großer Empathie als eine junge Frau, die schon
seit Kindertagen eine tiefe Verunsicherung in sich trägt. Der angesichts
der lebensgefährlichen Erkrankung der Schwester die eigene Existenz
ungewiss wird. Und das umso mehr nach deren Tod.
## Gedanken an Suizid
Da mischen sich unter die Erinnerungen die vielen Ausführungen über Suizid.
Die Erzählerin scheint besessen davon – von Statistiken, Methoden. Immer
wieder kehrt Marie zum Suizid einer jungen Frau bei einer U-Bahn-Station
zurück: Wollte sie wirklich sterben? Überlegte sie es sich im letzten
Moment, als es zu spät war, anders?
Diese Gedanken besetzen Marie, und ja, man darf es hier verraten, die
Ahnung kommt beim Lesen recht früh auf: Madlenka starb nicht am Krebs, sie
war genesen; sie beging Suizid. Schuldgefühle quälen Marie. Und Fragen, so
viele Fragen an Madlenka.
Die Zugfahrt Maries birgt viel Surreales: Vor dem Fenster sieht sie
Gesichter, nicht reale Landschaften, Szenen; im Zug erscheinen historische
Figuren, oder der Zug verwandelt sich in das Auto des Bruders. Traumgleich
ist alles möglich, das schafft viel erzählerische Freiheit für die Dynamik
der ineinanderfließenden Erinnerungen wie auch der abrupten Sprünge
zwischen Themen und Motiven.
## Leichtigkeit und Humor
Momente von Leichtigkeit und (selbst)ironischem, teils derbem Humor finden
sich vor allem in den Erinnerungen an den Umgang der Schwestern
miteinander, in den Dialogen der beiden. Diese Momente wie auch eine
wunderschön behutsam erzählte Möglichkeit einer Liebe geben dem Text seine
besondere Balance.
Lucie Faulerová hat eine berührende, intensive Erzählung über einen fast
vernichtenden Schmerz geschrieben. Den Schmerz darüber, „dass Madlas Lachen
überhaupt nirgends ist, weil Madla nicht mehr ist, und das wird nie
aufhören. Und genau so fühlt es sich an. Man fühlt das, ganz nah, bis unter
die Haut, unhörbar. Wie ein Tier, wie das Fell von einem Tier, das sich an
mir reibt […] Wie ein Tier, mit dem ich einen Käfig teile.“ Zugleich
erzählt sie von einer langsam aufkeimenden Zuversicht. Ohne Garantie, aber
den Blick auf eine Zukunft gewährend.
Und was hat es auf sich mit dem geretteten Tod im Titel des Romans? Die
Autorin offenbart es auf die ihr eigene Weise – andeutend, das Motiv eines
alten slawischen Brauchs wiederholt aufnehmend –, und schließlich gibt sie
die Antwort.
14 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Carola Ebeling
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