# taz.de -- Gespräch mit Narine Abgarjan: „Moskau hat mich zur Schriftstellerin gemacht“
> Narine Abgarjans Bücher sind Bestseller in Armenien und Russland. Im
> Roman „Vom Himmel fielen drei Äpfel“ bringt sie magischen Realismus in
> ein armenisches Dorf.
(IMG) Bild: Das armenische Dorf Sotk im Osten des Landes nahe der Grenze zu Aserbaidsch
Frau Abgarjan, in Ihrem Roman „Vom Himmel fielen drei Äpfel“ ist der Tod
den Menschen sehr nah. Die Figuren leben mit ihm fast so selbstverständlich
wie mit dem Alltag. Woher kommt diese Nähe zum Tod?
Narine Abgarjan: Ich glaube, das gehört zum armenischen Lebensgefühl. Ein
Volk, das über Jahrhunderte ums Überleben gekämpft hat, lernt den Tod als
Teil des Lebens anzunehmen. Deshalb ist diese tief sitzende, fast
archaische Angst vor dem Tod und vor Dingen, die wir nicht kontrollieren
können, bei uns vielleicht weniger stark ausgeprägt.
taz: Wie bei Ihrer Romanfigur Anatolija, die sich zum Sterben hinlegt, aber
vorher noch ihr Haus in Ordnung bringt?
Narine Abgarjan: Ja. Nachdem die Menschen, die sie liebte, gestorben sind,
beschließt Anatolija, selbst zu sterben. Als sie eine Blutung bemerkt,
glaubt sie, das natürliche Ende ihres Lebens sei gekommen. Und wie eine
„echte“ armenische Hausfrau räumt sie noch das Haus auf, bringt die
Lebensmittel in den Keller, damit sie nicht verderben, und legt sich dann
zum Sterben hin. Für sie gehört der Tod ganz selbstverständlich zur
Realität.
taz: Maran ist ein fiktives Dorf. Doch in seiner Geschichte und in den
Schicksalen seiner Bewohner:innen spiegelt sich vieles aus der
armenischen Realität. Wie viel Armenien steckt in Maran?
Abgarjan: Maran ist Armenien im Kleinen. Es ist ein Dorf oben auf einem
Berg und hat schon viele Prüfungen durchgemacht. Armenische Leser erkennen
darin verschlüsselte historische Erfahrungen: das verheerende Erdbeben von
1988, die schwierigen Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion und die
jahrzehntelangen Konflikte und Kriege mit Aserbaidschan. Zugleich wollte
ich in Maran nicht nur Armenien, sondern ein Stück weit auch die ganze Welt
abbilden.
taz: Im Mittelpunkt stehen vor allem ältere Menschen. Warum interessiert
Sie gerade diese Generation?
Abgarjan: Maran bedeutet auf Armenisch einen Keller, in dem Wein reift. Die
alten Menschen, die dort leben, sind für mich wie edler Wein, der schon
lange in Fässern lagert. Man muss vielleicht selbst ein gewisses Alter
erreichen, um seinen Geschmack und sein Aroma wirklich schätzen zu können.
Aber Maran steht auch für ein globales Problem: Kleine Orte verschwinden,
junge Menschen gehen fort, zurück bleiben nur die Alten und verfallene
Häuser. Dabei ist jeder dieser Menschen eine ganze Welt – voller
Erinnerungen, Erfahrungen, Traditionen und Geschichten. Wenn sie sterben,
verschwindet alles, als würde es mit einem Radiergummi ausgelöscht.
taz: Ihr Roman wird dem magischen Realismus zugerechnet. Dabei wurden auch
Parallelen zum kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Márquez
gezogen. Doch am Ende gehen Sie einen anderen Weg: Bei Márquez stirbt das
zuletzt geborene Kind, und in „Hundert Jahre Einsamkeit“ wird das Dorf
Macondo schließlich ausgelöscht. In Maran hingegen wird ein Kind geboren
und das Dorf bekommt eine Zukunft. Ist das eine Art Antwort auf Márquez?
Abgarjan: So habe ich beim Schreiben überhaupt nicht gedacht. Wenn mein
Roman überhaupt in einen solchen Dialog mit Márquez gestellt wird, empfinde
ich das als große Ehre.
taz: Márquez war für Sie also dennoch wichtig. Hat er auch den magischen
Realismus Ihres Romans beeinflusst?
Abgarjan: Márquez war einer meiner allerliebsten Schriftsteller. Als ich
dieses Buch schrieb, starb er, und ich erlebte seinen Tod fast wie den
Verlust eines nahestehenden Menschen. Bewusst hatte ich überhaupt nicht
vor, im Stil des magischen Realismus zu schreiben, das kam erst während der
Arbeit. Aber vielleicht war Márquez auf diese Weise doch in meinem Buch
anwesend.
taz: Woher kommt für Sie diese Verbindung von Realität und Magie – und
warum scheint sie in manchen Kulturen besonders stark zu sein?
Abgarjan: Darüber habe ich lange nachgedacht. Vielleicht entsteht magischer
Realismus besonders häufig in Gesellschaften, die unter Fremdherrschaft
oder der Macht großer Imperien gelebt haben. Wenn man selbst wenig Einfluss
auf die Wirklichkeit hat, erschafft man sich eine zweite, eine tröstlichere
Realität – eine Welt, in der andere Dinge möglich sind. Vielleicht wächst
der magische Realismus gerade aus diesem Gefühl der Ohnmacht. Man erlebt
die Welt als ungerecht, eine größere Macht bestimmt über das eigene Leben,
und man antwortet darauf mit einer parallelen, märchenhaften Wirklichkeit.
Natürlich kann ich mich irren. Aber dieser Gedanke lässt mich nicht los.
taz: Eine andere Erfahrung, die Ihren Roman prägt, ist das Fortgehen. Einer
der Protagonisten zieht nach Russland, das Sie im Roman als das „Land im
Norden“ bezeichnen – über Jahrzehnte ein traditionelles Ziel armenischer
Arbeitsmigration. Auch Ihr eigener Weg führte Sie dorthin. Warum gingen Sie
nach Moskau?
Abgarjan: Eigentlich war es die Entscheidung meiner Mutter. In den
1990er-Jahren war die Lage in Armenien sehr schwierig. Nach meinem
Philologiestudium schickte sie mich nach Moskau. Sie sagte: „Versuch es.
Und wenn es nicht klappt, kommst du zurück.“ Dort nahm ich verschiedene
Jobs an, unter anderem in einer Wechselstube. Später ließ ich mich zur
Buchhalterin ausbilden. Ich war wahrscheinlich die schlechteste
Buchhalterin Moskaus.
taz: In dieser ohnehin schwierigen Zeit bekamen Sie dann noch die Diagnose
Multiple Sklerose. Wie sich später herausstellte, war es eine Fehldiagnose.
Abgarjan: Ja, ich wurde regelmäßig untersucht und bekam verschiedene
Medikamente gegen Multiple Sklerose verschrieben. Erst nach vier Jahren
stellten andere Ärzte fest, dass ich gar nicht an der diagnostizierten
Autoimmunerkrankung litt. Stellen Sie sich meine Situation vor: Ich war
eine schlechte Buchhalterin, alleinerziehende Mutter mit einem kleinen Kind
und dachte, ich würde sterben. Hoffentlich lebe ich wenigstens so lange,
bis mein Kind für sich selbst sorgen kann, war mein einziger Gedanke.
taz: Und ausgerechnet in dieser Zeit begannen Sie zu schreiben?
Abgarjan: Ja, weil ich irgendwie weiterleben musste. Ich begann,
Geschichten aus meiner Kindheit aufzuschreiben. Später wurden daraus meine
ersten Bücher. Moskau hat mich zur Schriftstellerin gemacht. Wäre ich nicht
aus Armenien fortgegangen, würde ich heute wahrscheinlich nicht als
Schriftstellerin arbeiten. Meine Bücher sind aus Nostalgie entstanden. Ich
vermisste meine Heimat, meine Geburtsstadt und vor allem meine Kindheit.
Ich erinnerte mich daran, wie meine Großmutter im Steinofen Brot backte.
Den ersten noch warmen Laib teilte sie immer unter uns Enkeln auf. Solche
Erinnerungen fanden später ihren Weg in meine Bücher.
taz: In Russland fanden Sie als Schriftstellerin Anerkennung, erhielten
Literaturpreise und wurden zur Bestsellerautorin. Jahre später entschieden
Sie sich, das Land zu verlassen. Warum?
Abgarjan: Nach Armeniens Niederlage im Krieg um Bergkarabach 2020 war mein
Land für mich wie eine offene Wunde. Damals wurde mir klar: Moskau hatte
uns verraten. Russland war Armeniens Verbündeter und hatte
Sicherheitsgarantien gegeben, doch im entscheidenden Moment fühlten wir uns
im Stich gelassen. Für mich stand fest: Ich muss nach Hause zurück. Wir
wollten noch warten, bis mein Sohn sein Masterstudium beendet hatte. Doch
dann begann 2022 die Vollinvasion in die Ukraine. Das war der zweite
Schlag. Wir packten unsere Sachen und verließen Russland im März 2022.
taz: Sie kritisieren Russlands Krieg gegen die Ukraine. Welche Konsequenzen
hat das für Sie in Russland?
Abgarjan: Bislang wurde ich noch nicht als „ausländische Agentin“
eingestuft. Vielleicht geht das auch nicht, weil ich keine russische
Staatsbürgerin bin. Aber meine Bücher wurden aus russischen Bibliotheken
verbannt und mein Name von Theaterplakaten entfernt. Trotzdem werden meine
Stücke in Russland weiter gespielt – manchmal eben ohne meinen Namen.
taz: Trotzdem sind Ihre Bücher und Stücke in Russland weiterhin präsent.
Warum ist es Ihnen wichtig, diese Verbindung beizubehalten?
Abgarjan: Mir ist wichtig, dass die Menschen in Russland meine Bücher
weiter lesen können. Dort leben viele anständige Menschen, die den Krieg
nicht unterstützen und unter dem leiden, was geschieht. Sie sollen nicht
nur Propaganda hören, sondern auch andere Stimmen und andere Literatur
kennenlernen. Es wäre falsch, alle Menschen in Russland zu Feinden zu
erklären, man muss eine Brücke offenlassen. Denn eines Tages werden gerade
diese Menschen gebraucht, um Verantwortung zu übernehmen, Reparationen für
die Ukraine zu leisten und das Geschehene, soweit es überhaupt möglich ist,
wiedergutzumachen. Ihnen müssen wir die Hand reichen.
4 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Tigran Petrosyan
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