# taz.de -- Roman von Milada Součková: Der Ausweg aus dem poetischen Labyrinth
> Der neugegründete Verlag dimidium mundi verlegt fast vergessene
> Schriftstellerinnen neu. Nun erscheint der Coming-of-Age-Roman einer
> Prager Avantgardistin.
(IMG) Bild: Die tschechische Autorin Milada Součková
Schriftstellerinnen schreiben meist biografisch-psychologisch,
Schriftsteller konfrontieren die Welt dagegen gern mit ihrer literarischen
Experimentierlust, zumindest wenn sie sich auf dem Weg zum männlichen Genie
fühlen. So weit das immer noch gültige Klischee, das allerdings seit
Jahrhunderten von vielen Frauen kreativ unterlaufen wird. Wir kennen sie
nur nicht, weil sie vergessen und aus dem Kanon verdrängt sind.
Nicht erst Virginia Woolf, Gertrude Stein und [1][Ingeborg Bachmann] haben
mit Erzählperspektiven, Zeitsprüngen und Mischformen jongliert, um ihre
Skepsis gegenüber dem falschen Versprechen auszudrücken, realistische
Romane würden die Welt, wie sie ist, eins zu eins abbilden.
Obwohl jedoch immer wieder vergessene Schriftstellerinnen neu aufgelegt
werden und sich beispielsweise der Aviva Verlag konsequent um die
Wiederentdeckung vor allem von jüdischen Autorinnen vor dem Kahlschlag
durch das Naziregime verdient macht, braucht es auch heute Initiativen wie
[2][www.lueckenliste.de], auf der Interessierte aus dem Literaturbetrieb
und der Wissenschaft ihre Hinweise auf vergessene Schriftsteller_innen
teilen. Ziel ist nicht weniger als die Sichtbarkeit der Hälfte der
(literarischen) Welt.
dimidium mundi, ein von Zarifa Mamedova in diesem Jahr in München neu
gegründeter Verlag, zeigt mit seinem aus dem Lateinischen entlehnten Namen
an, dass er sich genau diesem Ziel verpflichtet fühlt, die Hälfte des
literarischen Kanons für Autorinnen der Weltkultur zu erobern.
Kam im Frühjahr als Debüt der Roman „Die Lust am Manne“ (1928) der
österreichisch-ungarischen Schauspielerin, Autorin und Filmregisseurin Olga
Wohlbrück heraus, folgt mit „Amor und Psyche“ (1937) nun ein früher Roman
der hierzulande (bis auf die 1998 und 2010 edierten Romane „Der unbekannte
Mensch“ und „Bel Canto“) viel zu wenig bekannten tschechischen
Schriftstellerin Milada Součková.
## Avantgardistische Künstlerzirkel
Geboren 1898 in Prag als Tochter eines Bauunternehmers, besuchte Milada
Součková das Prager Minerva-Gymnasium, das erste Mädchengymnasium
Österreich-Ungarns, dessen pädagogisches Programm auf die freie Entfaltung
und Emanzipation der Schülerinnen – darunter die Journalistin und
[3][zeitweise Kafka-Gefährtin Milena Jesenská] – ausgerichtet war.
Ihr naturwissenschaftliches Studium in Prag und Lausanne schloss Milada
Součková 1923 mit einer Doktorarbeit über „Das Seelenleben der Pflanzen“
ab. In der lebendigen Prager Kulturszene der seit dem Ende des Ersten
Weltkriegs gegründeten ersten tschechoslowakischen Republik schloss sich
Milada Součková den avantgardistischen Künstlerzirkeln der Stadt an,
heiratete den Maler Zdenek Rykr und veröffentlichte Gedichte, Reiseberichte
über Südeuropa und die zunehmenden politischen Bedrohungen der Epoche in
literarischen Zeitschriften.
Als Mitglied der Gruppe 42, einer tschechischen Künstlergruppe, die bis zu
ihrem Verbot durch das kommunistische Regime 1948 bestand, teilte Milada
Součková das Misstrauen der Avantgarde gegenüber den konventionellen Formen
des realistischen Romans. Inspiriert von Marcel Prousts monumentaler
Erinnerungsarbeit über die goldene Ära des Bürgertums bis 1914 und angeregt
durch André Gides Roman „Die Falschmünzer“ (1925), einer Geschichte
schwuler Jugenderfahrungen in wechselnden Erzählperspektiven, begann die
Schriftstellerin, sich mit dem Lebensgefühl ihrer politisch wachen
Generation auseinanderzusetzen. Die überkommenen literarischen Mittel
erklärte sie für nutzlose Fossile, untauglich, um den Wirbel ihrer in
Fragmente zerfallenden Erfahrungswelt zu beschreiben.
## Herausfordernde Coming-of-Age-Geschichte
„Amor und Psyche“ ist eine fein gesponnene, in Teilen herausfordernde
Coming-of-Age-Geschichte im Umfeld junger Frauen aus dem Prager Bürgertum –
weder konkret autobiografisch grundiert noch psychologisch als
oberflächliches Angebot zur Identifikation erzählt. Das Mädchen Augustina
und die Erzählerin verstricken sich in ein amüsiertes, vom Ringen um Nähe
und Distanz bestimmtes Spiel um Augustas Tagebuch, das von ihrer Liebe zu
der von beiden angebeteten Lehrerin Alsbětă handelt.
Im zweiten Teil des Romans spiegeln sich die Wünsche und Träume der Mädchen
aus anderer Perspektive im Tagebuch der Erzählerin. Der dritte Teil, ein
poetisches Labyrinth der Erlebnisse beider Mädchen und weiterer Figuren aus
ihrem Kosmos, treibt die Fiktion auf die Spitze, sodass das Spiel der
Tagebuchfragmente wie eine Parodie auf das Genre wirkt, komödiantischer als
beispielsweise in dem ikonischen queeren Film „Mädchen in Uniform“.
Eine Göttin am literarischen Horizont, wie es Psyche, die Braut des Gottes
Amor in Apuleios' berühmter Novelle aus dem 2. Jahrhundert, wird, scheint
Augusta nicht zu werden – oder doch? Das göttlich-ingeniöse Selbstbild des
literarischen Schreibens und seiner Spitzenvertreter ist in Milada
Součkovás Augen in Zeiten grundstürzender Disruptionen in Zweifel zu
ziehen.
Die Schriftstellerin verlor ihren im Widerstand gegen die NS-Besatzung
engagierten Mann, als er sich der Verhaftung durch Suizid entzog. Sie wurde
im Prag der Nachkriegszeit zur Außenseiterin, als sie 1945 als
Kulturattaché der zweiten tschechoslowakischen Republik nach New York
wechselte und 1948 nach der kommunistischen Machtübernahme in den USA
blieb. Bis zu ihrem Tod 1983 wirkte sie als Bohemistin und
Literaturtheoretikern in Harvard, Chicago und Berkeley, unterstützt vom
Netzwerk der tschechisch-amerikanischen Community um Roman Jacobsen, den
Linguisten und Freund aus Prager Zeiten. Die englische Übersetzung ihrer
Werke kam nicht zustande.
Zarifa Mamedova beweist Mut, mit „Amor und Psyche“ den Weg ihres
anspruchsvollen Verlagsprogramms vorzuzeichnen. dimidium mundi plant
weitere Neuentdeckungen von Schriftstellerinnen, auch aus anderen, bisher
zu wenig bekannten historischen Buchkulturen aller Kontinente. Wie die
Bücher von Olga Wohlbrück und Milada Součková werden auch die kommenden
Editionen Grafiken von der Hand junger Künstlerinnen enthalten, deren
Originale man online über das zweite Standbein des Verlags erwerben kann.
Milada Součková: „Amor und Psyche“. Aus dem Tschechischen von Doris Kouba.
dimidium mundi, München 2026, 320 Seiten, 26 Euro
3 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ingeborg-Bachmann-und-die-Politik/!6185378
(DIR) [2] https://lueckenliste.de/
(DIR) [3] /Franz-Kafka-und-die-Frauen/!6011525
## AUTOREN
(DIR) Claudia Lenssen
## TAGS
(DIR) Roman
(DIR) Tschechien
(DIR) Frauen
(DIR) Coming-of-Age
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