# taz.de -- Schulproteste in Frankreich: Auf den Barrikaden
> Die Proteste einer schnell wachsenden Bewegung von Schüler*innen
> erschüttern ganz Frankreich. Polizei und Regierung heizen die Wut weiter
> an.
(IMG) Bild: Gegen schlechte Lernbedingungen und den Rechtsruck: Schüler*innen eines Lycée in Paris
Man wisse, wann und wo eine Protestbewegung begonnen habe, nicht aber, wann
und wie sie beendet werde, heißt es über die zahlreichen Sozialkonflikte in
Frankreich. Das gilt auch für die gegenwärtigen Proteste der Schüler*innen.
Ihren eigentlichen Anfang hatten diese Mitte September in einem Lycée in
Grenoble, nur blieben sie zunächst praktisch unbemerkt in den Medien und
sozialen Netzwerken. Doch wenige Tage später machten die Jugendlichen in
Créteil, einem Vorort im Südwesten von Paris, auf sich aufmerksam. Sie
demonstrierten für bessere Lernbedingungen.
[1][Ende September dann schwappte die Bewegung auf ganz Frankreich über.]
In mindestens einem Drittel der 3.700 Lycées organisierten die 15- bis
19-jährigen Schüler*innen Aktionen. Dazu brauchten sie keine Partei oder
irgendwelche „ultralinken Drahtzieher“ von außen, wie die Regierung
behauptete. Tiktok und Snapchat erlaubte es ihnen, sich mit tausend- und
manchmal millionenfach verbreiteten Videos in Echtzeit zu organisieren.
[2][Da die Schüler*innen offiziell kein Streikrecht haben, errichteten
sie in vielen Fällen vor den Schultoren Barrikaden, um den
Unterrichtsbetrieb zu stören oder zu verhindern.] Oft wurden sie dabei von
Lehrer*innen und Eltern unterstützt. Auf Kartonschildern schrieben sie
ihre Forderungen und rebellischen Slogans, die von einer Politisierung
zeugten, die der breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt war. Diesen noch
nicht Wahlberechtigten geht es nicht nur um die unmittelbaren
Lernbedingungen, den Stress und die Selektion, sondern im weiteren Sinn um
ihre Zukunft, die sie von wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der Klimakrise
und auch der drohenden Machtübernahme der extremen Rechten verbaut sehen.
Die solidarischen Erwachsenen wollten sich in vielen Fällen
dazwischenstellen, nicht nur um vorsätzliche Sachbeschädigungen durch
externe „Casseurs“ (auf Deutsch: Randalierer) zu verhindern, sondern auch
um die Minderjährigen bei Polizeiaktionen vor einer unverhältnismäßigen
Gewalt zu schützen.
## Staatliche Gewalt befeuert die Wut
In der vergangene Woche schlossen sich auch Studierendenverbände der
Bewegung an, Dutzende von Fakultäten wurden besetzt. Am Dienstag trugen
mehr als eine Viertelmillion Menschen die Wut dieser Jugend auf die Straße.
Emmanuel Macron hatte sich das Ende seiner Präsidentschaft wohl anders
vorgestellt. Seit Monaten, eigentlich seit seiner Wiederwahl 2022 hatte er
sich weitgehend aus der Innenpolitik zurückgezogen. Da ohne
parlamentarische Mehrheit und gegen den Widerstand der politischen Extreme
für ihn ohnehin nicht viel zu verwirklichen blieb, überließ er diese
Streitereien seinem Premierminister. Laut Insidern sei er jetzt äußerst
aufgebracht über die Unfähigkeit seiner Regierung, diese Krise zu
bewältigen. Seine ganze Leistungsbilanz droht nun von dieser Jugendrevolte
überschattet zu werden.
Zu lange war das harte Vorgehen der Ordnungskräfte die einzige Antwort der
Behörden. Die Regierung stellte sich taub, als sei es unter ihrer Würde,
das Geschrei dieser ungezogenen Kinder auch nur zur Kenntnis zu nehmen.
Diese Taktik, mit polizeilicher Brutalität gegen Demonstrierende vorzugehen
und dies mit den gewaltsamen Provokationen von „Chaoten“ zu rechtfertigen,
hatte sich in der Vergangenheit meist ausgezahlt. Nur standen der
Ordnungspolizei dieses Mal nicht nur ein paar Casseurs gegenüber, die eine
Konfrontation suchten, sondern vor allem Jugendlichen, die in den meisten
Fällen zum ersten Mal überhaupt demonstrierten.
Innerhalb von nur zehn Tagen wurden mehr als 6.600 Jugendliche
festgenommen. Allein diese im Vergleich zu ähnlichen Konflikten enorm große
Zahl ist der Beweis für die Schwäche einer verängstigten Staatsführung. Zur
Räumung von Blockaden oder Auflösung von Ansammlungen wurden neben viel
Tränengas auch mehrfach explodierende Defensivwaffen eingesetzt, die
eigentlich nur als allerletztes Mittel zur Notwehr kurz vor dem
Schusswaffengebrauch vorgesehen wären. Das erklärt die zum Teil schweren
Verletzungen in den vergangenen Tagen. Ein 15-jähriger Junge verlor durch
eine Granate seine Hand.
Präsident Macron hat schließlich die Verantwortlichen der Polizei zu
Mäßigung und „menschlichem Mitgefühl“ ermahnt. Am Mittwoch kündigte der
Innenminister, Laurent Nuñez, an, die für die Demonstrant*innen
besonders gefährlichen „Flashbang“-Granaten, die als Kriegswaffen
registriert sind, würden „vorerst“ nicht mehr gegen die Jugendlichen
eingesetzt.
Die politische Polarisierung verschärft sich, der Tonfall ebenfalls. Die
rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen bezichtigte Macron,
er stehe „auf der Seite derjenigen, die auf die Polizei hauen“. Sie fordert
die Wiederherstellung der Ordnung. Das wird ihr zweifellos zusätzliche
Stimmen von erschrockenen Bürger*innen einbringen.
Auf der Gegenseite unterstützt die Linkspartei La France insoumise (LFI)
von Jean-Luc Mélenchon, der laut Umfragen mit 42 Prozent Zustimmung das
neue Idol der 18- bis 24-Jährigen ist, die soziale Bewegung an allen
Fronten. LFI wird deswegen von rechts der Anstiftung zu Gewalt und der
„Instrumentalisierung“ der jugendlichen Wut beschuldigt. Die politische
Mitte ist in diesem Lärm kaum noch zu vernehmen. Die Staatsführung steht
mit dem Rücken zur Wand.
Am Mittwochabend hielt dann Premierminister Sébastien Lecornu eine Rede. Er
kündigte zunächst eine Senkung der Dieselpreise an der Tankstelle an, um
den wachsenden Unmut der Verbraucher*innen zu besänftigen. Doch den
revoltierenden Jugendlichen machte er kein Zugeständnis. Er äußerte ein
vages „Verständnis“ und bat sie, wieder in den Unterricht zurückzukehren.
Dort dürften sie drei Stunden debattieren. Er werde ihre Anliegen prüfen
und dann in einem Monat Vorschläge unterbreiten. Schüler*innen- und
Student*innenorganisationen bezeichneten das als „demokratische
Alibiübung“. Dass die Regierung auf ihre zehn Forderungen überhaupt nicht
eingeht, empfinden sie als Affront und zusätzlichen Grund, ihre Proteste
fortzusetzen.
10 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schuelerproteste-gehen-weiter/!6219635
(DIR) [2] /Jugendrevolte-in-Frankreich/!6211869
## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
## TAGS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Frankreich
(DIR) wochentaz
(DIR) Massenproteste
(DIR) Polizeigewalt
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Schülerproteste in Frankreich: Religiöse Privatschulen schließen sich der Jugendrevolte an
Mit weiteren Schulblockaden und Sit-ins vor Universitäten protestieren
französische Jugendliche weiter. Premier Lecornu macht keine
Zugeständnisse.
(DIR) Schulproteste in Frankreich: Woher kommt die Wut?
Frankreichs Schüler*innen protestieren für eine bessere Bildungspolitik.
Wer sind ihre Unterstützer*innen? Und wer stellt sich ihnen in den Weg?
(DIR) Schülerproteste in Frankreich: Protest macht Schule
Frankreichs Regierung versucht die protestierenden Schüler*innen
einzuschüchtern und zu diskreditieren. Doch die Jugendlichen bleiben
unbeeindruckt.