# taz.de -- Großproteste in Frankreich: Nichts ist unmöglich
       
       > In Frankreich sind für Samstag landesweit mehr als 1.000 Aktionen und
       > Kundgebungen geplant. Gendarmerie und Polizei rüsten massiv auf.
       
 (IMG) Bild: Straßenblockade in Paris: Am Samstag soll es zu landesweiten Protesten kommen
       
       Aufruf zum Großkampftag an diesem Samstag in Frankreich: „Der 17. Oktober
       ist unser Mai 68!“ Diesen Slogan sprühten Unbekannte am vergangenen
       Dienstag bei einer Demonstration von Schüler*innen und Studierenden auf
       die Wände beim Pariser Invalidendom. Und wann immer Jugendliche in
       Frankreich zahlreich auf die Straße gehen, weckt das sofort Erinnerungen an
       die historische Jugendrevolte des Mai 1968.
       
       [1][In den Medien ist aber auch wieder einmal von einem Comeback der
       „Gelbwesten“ („Gilets jaunes“) die Rede]. Mit der von ihnen ausgelösten
       politischen Krise bleiben sie eine traumatische Erfahrung. Denn bei den
       zahlreichen und lang anhaltenden Protestaktionen ab Ende 2018 kam es zu
       gewaltsamen Konfrontationen bei Ordnungseinsätzen der Polizei. Während in
       der Provinz viele Besetzungen von Autobahn-Mautschranken oder Kreiseln
       völlig friedlich verliefen, wurden in Paris Dutzende von Demonstrierenden
       verletzt und viele Sachschäden verursacht.
       
       Ehemalige Führungspersonen der „Gilets jaunes“ wie Jérôme Rodrigues, der
       selber ein Auge durch eine Polizeigranate verloren hatte, rufen ihre
       ehemaligen Kampfgefährt*innen, [2][Schüler*innen zwischen 15 und 18
       Jahren, Studierende], Werktätige des öffentlichen und privaten Sektors
       sowie Rentner*innen auf, ihre Kräfte zu bündeln.
       
       Mehr als 1.000 Aktionen und Kundgebungen sind für den Samstag geplant. Die
       Behörden befürchten gewaltsame Ausschreitungen. Sie bereiten sich auf
       massive Ordnungseinsätze vor. Innenminister Laurent Nuñez kündigte am
       Freitag an, die Einheiten der Gendarmerie und der Polizei könnten auch
       wieder Blendgranaten und Gummigeschosse einsetzen.
       
       ## Unverhältnismäßiges Vorgehen
       
       Vor ein paar Tagen hatte er versprochen, diese besonders gefährlichen
       Waffen würden bis auf Weiteres nicht mehr bei Demonstrationen mit
       Jugendlichen eingesetzt. Der häufige Einsatz dieser „Defensivwaffen“, die
       international als Kriegswaffen eingestuft sind, hatte in den vergangenen
       Jahren schwere Verletzungen verursacht.
       
       Im Verlauf der Proteste der Schüler*innen wurde den Ordnungskräften ein
       unverhältnismäßiges Vorgehen oder Brutalität vorgeworfen. Die Regierung
       dementiert mit Empörung, dass es so etwas wie „Polizeigewalt“ überhaupt
       geben könne. Sie rechtfertigt das harte Durchgreifen mit der Gewalt der
       Protestierenden.
       
       Premierminister Sébastien Lecornu ist der Meinung, der Staat sei nicht mehr
       mit einer legitimen Schülerbewegung konfrontiert, sondern nur noch mit
       „violences urbaines“ – einer Form von gewaltsamen Krawallen. Auf unzähligen
       Telegram-Kanälen werden bis zuletzt auf lokaler Ebene Sit-ins, Besetzungen
       und Demonstrationen organisiert.
       
       ## Breite Mobilisierung
       
       Auch am Vorabend dieser breiten Mobilisierung mit diversen Aktionsformen
       wissen weder die Regierung noch die Organisator*innen, welches Ausmaß und
       welche Bedeutung dieser Aktionstag am 17. Oktober haben wird. Seit Wochen
       zirkulierte ein anonymer Aufruf aus Kreisen ehemaliger Gelbwesten zum
       gemeinsamen Kampf für bessere und „würdige“ Lebensbedingungen.
       
       Diesen Appell hatten in Frankreich bislang nur wenige ernst genommen. Es
       wäre ja nicht das erste Mal, dass sich der Wirbel als Hype erweist. Doch
       jetzt ist die Lage eine andere. Denn die Schülerbewegung hat sich mit ihrer
       eigenen Dynamik diesem Aufruf angeschlossen. Die „Wutbürger*innen“ holen
       ihre gelben Westen aus dem Schrank. Sie hoffen, dass dank der
       revoltierenden Jugendlichen und Gewerkschaften eine breitere und
       kraftvollere „Bewegung der Wut“ entsteht, von der sie schon so lange reden.
       
       16 Oct 2026
       
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 (DIR) Rudolf Balmer
       
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