# taz.de -- Schülerproteste in Frankreich: Protest macht Schule
       
       > Frankreichs Regierung versucht die protestierenden Schüler*innen
       > einzuschüchtern und zu diskreditieren. Doch die Jugendlichen bleiben
       > unbeeindruckt.
       
 (IMG) Bild: Montag, erste Stunde: ziviler Ungehorsam – das Pariser Lycée Montaigne am Montag
       
       Etwa 150 Schülerinnen und Schüler blockieren am Montagmorgen den Eingang
       des Pariser Lycée Montaigne. Sie sitzen vor der großen Holzpforte auf einer
       Barrikade, die sie sehr früh am Tage aus Müllcontainern errichtet haben.
       Auf der anderen Straßenseite, mit dem Rücken zum Jardin du Luxembourg,
       stehen einige Eltern sowie Angehörige des Schulpersonals und gucken
       besorgt. Die Erwachsenen befürchten, dass es zu Zwischenfällen kommen
       könnte oder dass besonders aufgeregte Teilnehmende unter den
       Demonstrierenden Schaden anrichten. Anderorts hatten Ordnungskräfte solche
       für illegal erklärten Blockaden unter Einsatz von Tränengas geräumt, ohne
       dabei Rücksicht auf das jugendliche Alter der Protestierenden zu nehmen.
       
       Die Jugendlichen auf der Barrikade machen sich gegenseitig Mut, indem sie
       die „Marseillaise“ singen. „Jeunesse en colère“ („Jugend in Wut“) steht auf
       einem Spruchband über dem Eingang. Auf den Fenstern daneben sind
       Kartonschilder befestigt, auf denen unter anderem Antifa-Slogans zu lesen
       sind.
       
       Ihr Sohn sei auch dabei, sagt Emma-Kate Symons und deutet auf die
       Protestierenden. Aber sie ist empört, weil ihre jüngere Tochter von der
       Blockade daran gehindert wird, zum Unterricht ins Schulgebäude zu gelangen.
       Die Mutter mit doppelter Staatsbürgerschaft, französisch-australisch, hat
       Angst, dass außenstehende vermummte Aktivisten die Schüler zu Gewalt
       anstiften. Ohnehin ist sie überzeugt, dass diese Aktionen „von Gruppen wie
       La France insoumise und Révolution permanente instrumentalisiert“ würden.
       Ihr Sohn habe ihr Aufrufe von diesen Netzwerken gezeigt, die das eindeutig
       belegten.
       
       Wenn die Jugendlichen auf der Barrikade darauf angesprochen werden, finden
       sie es lächerlich oder beleidigend. „Wir sind groß genug, um selber zu
       entscheiden, was wir machen. Und unsere Wut existiert seit Längerem“,
       protestiert eine Schülerin, die aus Angst vor Repressalien anonym bleiben
       will. Die heutige Blockade sei improvisiert worden, weil der Direktor
       angekündigt hatte, er wolle am Dienstag kurzerhand die Schule „aus
       Sicherheitsgründen“ schließen. „Das haben wir präventiv vorweggenommen“,
       lacht die Schülerin. Der Direktor hatte sich bei den Eltern beklagt, er sei
       am frühen Morgen „mit einem Müllcontainer attackiert“ worden.
       
       ## „Den Kampf fortsetzen“
       
       Anonym ist auch das Flugblatt, welches ihr Kollege verteilt, der sich als
       Léo vorstellt. „La seule voie: continuer la lutte“ („Die einzige Lösung ist
       es, den Kampf fortzusetzen“) lautet der Titel, kein Impressum, kein Hinweis
       auf die Autoren oder eine Organisation. Weiter unten heißt es: „Welche
       Zukunft bietet uns diese Gesellschaft, mit Regierenden und Unternehmern,
       die sich verantwortungslos verhalten angesichts des Klimawandels, des
       Vormarschs reaktionärer Ideen und der Vielzahl von Kriegen?“
       
       Der Schüler Ilan hat für sein Schild die Devise der französischen Republik
       „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ abgewandelt: „Freiheit zu
       demonstrieren, Gleichheit der Chancen, Brüderlichkeit unter den
       Schülerinnen und Schülern“. „Wir sind hier, um für unsere Rechte zu
       kämpfen“, sagt er. „Am Lycée Montaigne sind wir im Vergleich zu anderen
       Schulen sicher eher privilegiert. Darum wollen wir uns erst recht
       solidarisch zeigen mit unseren Kameraden, beispielsweise in der Banlieue,
       wo die Zustände weit schlimmer sind“, sagt er.
       
       In der Woche zuvor wurden im Fernsehen Videos vom verwahrlosten „Zustand“
       in gewissen Schulen gezeigt, die von Schülerinnen und Schülern gefilmt
       worden waren. Im Lycée Paul Elouard in Saint-Denis, im Norden von Paris,
       rennen Ratten durchs Treppenhaus, einige Wände sind so feucht, dass Wasser
       herausspritzt, wenn man dagegendrückt. Es sind extreme, aber nicht
       isolierte Beispiele. Nicht zufällig hatte die derzeitige Schülerbewegung am
       17. September in der „Banlieue“ im Lycée Saint-Exupéry von Créteil
       begonnen, im Südosten der Hauptstadt.
       
       Analysen der Netzwerkaktivität lassen den Schluss zu, dass vor allem Tiktok
       und Snapchat bei der Organisation der Aktionen eine wesentliche Rolle
       spielen und die Bewegung beschleunigen. Videos und Aufrufe werden von
       Tausenden und manchmal Millionen Usern gelesen und weiterverbreitet. Am
       Ende der letzten Woche wurden so mehr als 1.200 der landesweit 3.700
       Mittelschulen mobilisiert.
       
       Ilan und Léo wollen jedenfalls zusammen mit ihren Kameraden am Dienstag an
       der landesweiten Schülerkundgebung und beim Streiktag im öffentlichen
       Dienst teilnehmen und eventuell vorher Kameraden dabei unterstützen, ein
       anderes Lycée zu besetzen. Dass die Behörden solche Aktionen explizit für
       illegal erklärt haben, scheint sie nicht zu beeindrucken. „Die Regierung
       sollte besser auf uns hören, statt uns zu provozieren“, sagt Ilan dazu.
       
       Am Montag setzt die Polizei vor den Lycées in der Pariser Region erstmals
       Überwachungsdrohnen ein. Vergeblich hatten die Behörden gehofft, mit der
       verordneten Schließung von rund 500 Lycées zum Wochenbeginn die Dynamik der
       Bewegung zu brechen, die am Donnerstag und Freitag einen ersten Höhepunkt
       erreicht hatte.
       
       ## 5.000 Festnahmen
       
       Bei den Aktionen und Konfrontationen mit der Polizei wurden 5.000
       Jugendliche vorübergehend festgenommen, 200 Schüler*innen und auf der
       „Gegenseite“ mehr als 300 Beamte wurden verletzt. In zahlreichen
       Provinzstädten kam es zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei. In Lens
       hat ein 15-Jähriger durch eine Polizeigranate eine Hand verloren, laut
       Polizei habe er versucht, die Granate aufzuheben und zurückzuwerfen.
       
       An zahlreichen Mittelschulen wurden die Spuren der Auseinandersetzungen
       letzter Woche am Wochenende nur oberflächlich beseitigt. Stumm zeugen sie
       von großer Gewalt, wie die völlig verkohlte Tür der Berufsmittelschule
       Roger-Verlomme im Süden von Paris. Der Sachschaden wird auf mehr als 30
       Millionen Euro beziffert.
       
       „Was für eine sinnlose Vergeudung!“, schimpft die konservative Vorsitzende
       der Hauptstadtregion Valérie Pécresse in den Medien. Sie sei gezwungen, zum
       Schutz der Schulen zusätzlich auch noch kostspielige private
       Sicherheitsfirmen einzusetzen. Der mehrheitlich konservative Senat will ein
       Gesetz verabschieden, welche die individuelle Haftpflicht für
       Krawallschäden auf Mitglieder einer Gruppe ausdehnt.
       
       Je länger der Konflikt dauert und je mehr er sich auf andere Bereiche
       (Universitäten, öffentlicher Dienst) ausweitet, desto höher dürfte auch der
       politische Preis werden, den die Regierung am Ende für eine Beendigung
       bezahlen muss. Ihre Priorität ist es bisher, die Mobilisierung zu stoppen,
       bevor sie zu einer Revolte eskaliert. Es zirkuliert bereits ein
       landesweiter Aufruf zum sozialen Aufstand am 17. Oktober.
       
       Neben der Repression bleibt der Staatsführung die politische
       Gegenpropaganda: Die Jugendlichen würden von La France insoumise (LFI) und
       anderen Linksextremisten manipuliert. Dass LFI-Präsidentschaftskandidat
       Jean-Luc Mélenchon von den Jugendprotesten politisch profitieren kann,
       erwartet auch der Politologe Antoine Bristielle von der Stiftung
       Jean-Jaurès. Laut einer Studie dieses Thinktanks könnte Mélenchon in Folge
       einer Bewegung der sozialen Wut in der nächsten Wahl zwar in der Tat bis zu
       9 Prozentpunkte hinzugewinnen. Doch seine Hauptgegnerin, die
       Rechtsextremistin Marine Le Pen, sogar 10 Punkte.
       
       6 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rudolf Balmer
       
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