# taz.de -- Deutschlands Olympiabewerbung: München glüht schon mal vor
       
       > Im entscheidenden Finale um die Olympia-Bewerbung schlägt München das
       > Ruhrgebiet mit Köln mit Vorsprung. Welche Zahl aber wird 20XX sein?
       
 (IMG) Bild: Markus Söder und Daniel Günther beim Händedruck: Partypatriotismus über Parteigrenzen hinweg – München vor Olympia
       
       So strahlen Verlierer selten. Das Lächeln auf dem Gesicht von Hendrik Wüst,
       Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, leuchtete nicht ganz so hell wie
       der gewaltige Kronleuchter im Foyer des noblen Kurhauses zu Baden-Baden,
       aber er tat wirklich alles, um so zu tun, als mache es ihm gar nichts aus,
       dass nun München und nicht Köln mit der Region Rhein/Ruhr in das Rennen um
       Olympische Sommerspiele geht. „Deutschland hat gewonnen“, sagte er nach der
       Pleite bei der Abstimmung auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung
       des Deutschen Olympischen Sportbunds am Samstagnachmittag.
       
       Die olympischen Sportverbände hatten sich gerade mit deutlicher Mehrheit
       von 91 zu 50 Stimmen für die bayerische Landeshauptstadt ausgesprochen, da
       schaltete Wüst brav die Rolle des Olympiafans, der nun alles dafür tun
       möchte, dass die Spiele nach 1972 wieder einmal nach Deutschland kommen.
       Ebenso brav haben sich die Vertreter der Sieger dieses Samstagnachmittags,
       Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von der CSU und Münchens grüner
       Oberbürgermeister Dominik Krause, bei den unterlegenen Bewerbern aus NRW
       für den fairen Wettbewerb bedankt.
       
       Auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB),
       deren zweiter Teil live in der ARD übertragen worden ist, wurde alles dafür
       unternommen, um nur ja keine Verlierer zu präsentieren. Dabei gab es schon
       vor dem Tag der Abstimmung zwei geschlagene Bewerbungen, die viel Geld in
       das Kandidatenrennen gesteckt haben. [1][Insgesamt sind wohl mehr als 50
       Millionen Euro in das Rennen] um den Status eines deutschen
       Olympiabewerbers geflossen.
       
       [2][In Hamburg weiß man schon seit Ende Mai], dass die Spiele 2036, 2040
       und 2044 woanders stattfinden werden. Und Berlin hatte nach dem Wahlsieg
       der olympiafeindlichen Stadt-Linken seine Bewerbung zwei Tage vor der
       Abstimmung in Baden-Baden zurückgezogen. Dass die Evaluierungskommission
       des DOSB die Hauptstadt zuvor deutlich schlechter bewertet hatte als die
       Pläne aus München und Nordrhein-Westfalen, ließen die Berliner Bewerber bei
       der Verkündung ihres Rückzugs tunlichst unter den Tisch fallen.
       
       ## Lucky Loser
       
       In Baden-Baden präsentierten sie sich dann als glückliche Verlierer, ganz
       so wie Hendrik Wüst. Kai Wegner, der bald aus dem Amt des Regierenden
       Bürgermeisters ausscheiden wird, durfte nochmal eine Dienstreise machen und
       meinte im Kurhaus, er sei „dankbar, dass ich heute hier sein kann“. Na
       klar. Noch einmal durfte er sich staatsmännisch geben, als er meinte, jetzt
       komme es darauf an, geschlossen hinter der Bewerbung Deutschlands zu
       stehen.
       
       Da hatte es die versammelte Polit- und Funktionärselite schon oft gehört,
       wie wichtig der Zusammenhalt in Deutschland sei und wie groß die Rolle des
       Sports für die deutsche Nation sein könne. Es ging sehr deutsch zu an
       diesem Tag, und hätte nicht die ARD den nachmittäglichen Part der
       Veranstaltung übernommen, man hätte glatt den Einruck gewinnen können,
       Olympische Spiele seien eine rein nationale Angelegenheit. Dann waren in
       Einspielern auch der Superschwimmer und 26-malige Olympiasieger Michael
       Phelps aus den USA zu sehen oder Usain Bolt, der Sprinter aus Jamaika, der
       achtmal Gold auf olympischen Laufbahnen gewonnen hat.
       
       Zuvor hatten Grußwortgeberinnen wie Baden-Württembergs
       Landesentwicklungsministerin Theresa Schopper oder der Staatsminister für
       Sport im Kanzleramt, Ronald Rauhe, die kraftspendende und heilende Kraft
       des Sports beschworen. Wer diese arg deutsche Nabelschau über sich ergehen
       ließ, musste denken, Deutschland sei ein todgeweihter Patient, der
       baldmöglichst durch Olympia gesundgeküsst werden soll.
       
       Einer der echten Gewinner des Tages, Daniel Günther, der Ministerpräsident
       von Schleswig-Holstein, in dessen Landeshauptstadt die Segelwettbewerbe
       stattfinden sollen, wenn München den IOC-Zuschlag erhält, wollte die
       Veranstaltung nicht so negativ sehen. Deutschland habe endlich wieder mal
       eine positive Geschichte erzählt.
       
       ## Becker und Klopp
       
       In all der deutschen Befindlichkeitshuberei war es Tennisikone Boris
       Becker, der als Erster den Blick geweitet hatte. Becker, der zusammen mit
       Michael Stich 1992 bei den Spielen in Barcelona Gold im Doppel gewonnen
       hatte, meinte in einer kleinen Promirunde auf der Bühne, dass Olympia keine
       Religionen kenne, grenzenlos sei. Dann kehrte auch er der Welt wieder den
       Rücken zu und träumte vom „positiven Patriotismus“ in Deutschland, so wie
       ihn Jürgen Klopp, der Trainer der deutschen
       Männerfußballnationalmannschaft, gerne in der Gesellschaft verbreitet sähe.
       
       Überhaupt Jürgen Klopp. Obwohl er nicht in Baden-Baden war, ist er einer
       der Hauptdarsteller dieses Startschusses für eine deutsche Bewerbung beim
       Internationalen Olympischen Komitee gewesen. Am frühen Nachmittag, kurz
       bevor das Ergebnis der nationalen Vorentscheidung verkündet wurde, erschien
       er groß auf der Leinwand hinter dem Podium im Kursaal. In einem
       eingespielten Video berichtet er davon, wie er 1972 von seinem Vater im
       Auto nach München mitgenommen worden sei, um bei den Spielen ein paar
       Wettbewerbe anzuschauen. Fünf sei er da gewesen, habe Unvergessliches
       erlebt. Dann erinnerte er an das Sommermärchen, die Fußball-WM 2006 in
       Deutschland. „Wir haben uns so sehr gemocht wie nie zuvor und wie
       möglicherweise danach nie mehr.“
       
       Der höchste Repräsentant Deutschlands konnte gegen Deutschlands derzeitigen
       Lieblingsmenschen nicht mithalten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
       hatte sich in seiner von ein paar Schaulustigen viel bestaunten
       Luxuslimousine vor das Kurhaus chauffieren lassen und zur Versammlung
       gesprochen. Auch er beschwor, wie sollte es anders sein, „die verbindende
       Kraft des Sports“.
       
       Sein präsidial-routiniert vorgetragener Appell: „Bauen wir Barrieren ab,
       nutzen wir den Schwung, um unser Land voranzubringen und zu bekräftigen,
       wer wir sind und was wir bleiben wollen.“ Er nannte Deutschland ein
       „weltoffenes, liberales Land“, das sich der Welt präsentieren möge, ganz
       so, als könnte man allen Ernstes nach dem Sieg der AfD bei den
       Landtagswahlen von Sachsen-Anhalt die Bundesrepublik noch genauso
       beschreiben, wie es vor dem Votum üblich war.
       
       Als Markus Söder nach der Verkündung der Ergebnisse darauf angesprochen
       wurde, wie er mögliche Olympische Spiele 2036 in Deutschland, 100 Jahre
       nach den Propagandaspielen der Nazis, anzugehen gedenke, stellte er fest:
       „Deutschland ist ein ganz anderes Land als 1936.“ Da hat er gewiss recht.
       Wie Deutschland allerdings in zehn Jahren aussehen wird, das kann auch er
       nicht wissen. „Wir dürfen unser Land nicht radikalen Kräften überlassen“,
       sagte er dazu nur. Wie gewohnt verzichtete er darauf, dabei [3][die Gefahr
       von rechts außen] beim Namen zu nennen. Außerdem sagte er: „Olympia ist ein
       Chancenschub für die Demokratie.“ Spiele in Deutschland sollen nun also das
       Land einen und noch dazu die Demokratie retten.
       
       Vielleicht kann ihm ja einmal jemand sagen, dass Olympische Spiele alles
       andere als Katalysatoren für Demokratie sind. Sollte Söder noch einmal nach
       Baden-Baden kommen, mag er vielleicht einen Blick werfen auf die Büste für
       [4][Pierre de Coubertin], den Begründer der olympischen Bewegung der
       Neuzeit, die am Rande des Kurparks zu bestaunen ist. [5][Sie wurde 1938
       gestiftet] und soll als Dankeschön der Nazis an den Franzosen und
       Führerverehrer aufgestellt worden sein, nachdem die Athleten aus Frankreich
       beim Einmarsch der Athleten 1936 ins Berliner Olympiastadion ihre Arme zum
       Hitlergruß in die Höhe gehalten haben.
       
       ## Test, Test
       
       Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause, der zur Feier des
       Abstimmungserfolgs nun unbedingt mit Markus Söder zusammen auf dem
       Oktoberfest in München eine Runde in der Achterbahn „Olympia Looping“
       fahren möchte, hat dann noch darauf hingewiesen, wie sehr sich die Stadt
       ins Zeug legen muss, will sie wirklich ins Rennen um die Spiele 2036
       eingreifen.
       
       [6][Bereits im März 2027 evaluiert das IOC die eingegangenen
       Interessenbekundungen]. Nur wer den ersten Test besteht, schafft es in den
       „zielgerichteten Dialog“ mit dem IOC, bevor dann 2029 auf einer
       IOC-Vollversammlung über den Gastgeber abgestimmt wird. Es wird mit mehr
       als zehn Bewerbungen aus aller Welt gerechnet, unter anderem aus Doha,
       Istanbul, dem indischen Ahmedabad oder Budapest.
       
       Die Münchner Stadtgesellschaft darf sich jetzt also vorbereiten auf
       Diskussionen über die Kosten Olympischer Spiele. Krause ist davor nicht
       bange. Er spürt „den Vibe in der Stadt“, wenn es um Olympia geht. Dann
       stellte er noch einmal die Münchner Rechnung vor, nachdem Olympia in seiner
       Stadt 10 Milliarden Euro kosten werde. Die Hälfte davon seien die
       „Eventkosten“, die zu 100 Prozent durch Sponsoring und Ticketing
       refinanziert werden könnten. Die andere Hälfte sind Kosten für
       Investitionen in die Infrastruktur wie das Olympische Dorf.
       
       Mit dem Freistaat Bayern sei man ja schon in guten Gesprächen, jetzt komme
       es noch darauf an, den Bund ins Boot zu holen. „Deutschland ist die
       drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt“, sagte Söder, das werde man doch
       wohl schaffen. Und schon wurde das Land, das gerade noch als so klein und
       verzagt dargestellt wurde, bärenstark. Wirkte da etwa schon die zuvor
       beschworene heilende Kraft Olympias?
       
       27 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Olympiabewerbung
 (DIR) Schwerpunkt Olympische Spiele
 (DIR) München
 (DIR) Reden wir darüber
       
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