# taz.de -- Wenn man die Nationalhymne mitsingt: Einigkeit und Recht und „Sassonia“
       
       > Was tun, wenn ein Ritual nicht so abläuft wie geplant? Und was, wenn
       > einem beim Singen der Nationalhymne ein Schauer über den Rücken läuft?
       
 (IMG) Bild: Ein Drogencocktail hat sich in der Geschichte der Menschheit als der verheerendste erwiesen: Hass, Überheblichkeit, Größenwahn, Grausamkeit, Gemeinheit
       
       Für meinen Geburtstag habe ich mir ein Ritual ausgedacht, damit der freie
       Tag nicht zu Hause zerfranst. Ich fahre mit Rad und S-Bahn in ein Waldstück
       am Wannsee. [1][Ich denke dort an meinen Vater,] der mich in dieser
       Jahreszeit im Dunklen weckte und mit mir in sein Pilzrevier fuhr. Wenn ich
       zu sentimental werde, fahre ich weiter, springe ins eiskalte Wasser eines
       kleinen Moorsees und lasse mich auf der wochentags verwaisten Wiese von der
       Sonne trocknen.
       
       Heute ist alles anders. Mein ältester Sohn ist spontan mitgekommen. Wir
       finden keinen einzigen Pilz. Ich denke nicht an meinen Vater, und ich werde
       nicht sentimental. Das Wasser ist noch warm, und als ich rauskomme, regnet
       es. Die Form des Rituals hat sich bewährt, aber der Inhalt ist ganz anders.
       Das Ritual verträgt das, ermöglicht das erst – ohne es würde ich allein auf
       dem Sofa vor mich hingammeln.
       
       Zwei Wochen vorher bin ich mit meiner Tochter beim Basketball. Ihr halber
       Verein ist da, und will sehen, ob die deutschen Frauen noch weiter kommen
       [2][als eh jemals zuvor bei einer WM, ins Finale!] Die Halle ist voll, die
       Stimmung ausgelassen und friedlich zugleich.
       
       Dann stehen alle auf, weil die Nationalhymnen kommen. Meine Tochter singt
       mit und ich singe auch. Oder singe ich mit und meine Tochter singt dann
       erst? Mir läuft jedenfalls ein kleiner Schauer über den Rücken. Echt jetzt,
       denke ich? Was ist denn hier los? Liegt das jetzt am Basketball? Oder an
       der AfD? Singe ich für oder gegen etwas? Was ist eigentlich dieses
       „Unterpfand?“
       
       ## „Wie viel Droge braucht der Mensch?“
       
       Wieder eine Woche später bin ich bei einer Konferenz in Mailand. Alle
       fragen mich nach der Wahl in „Sassonia“. „Sassonia-Anhalt“ sage ich erst
       noch, dann spare ich es mir. Was ist eigentlich dieses „Anhalt“?
       
       Mein Eindruck ist jedenfalls, dass ich nichts Alberneres und Feigeres tun
       könnte, als so zu tun, als hätte ich mit „Sassonia“ nichts zu tun. Als wäre
       ich nicht auf eine spezielle Art verantwortlich für das, was dort
       geschieht. Mein Eindruck ist, dass die Mailänder erwarten, dass ich mich zu
       den deutschen Dingen als Deutscher verhalte.
       
       Mein Vortrag hat den Titel „[3][Wie viel Droge braucht der Mensch?“] Meine
       Antwort ist, dass es keinen überzeugenden Grund gibt, die Antwort auf diese
       Frage nicht dem einzelnen Menschen zu überlassen. Außer, wenn es für andere
       Menschen gefährlich wird.
       
       Und ich sage, dass es allerdings einen Drogencocktail gibt, der sich in der
       Geschichte der Menschheit als der verheerendste erwiesen hat: Hass,
       Überheblichkeit, Größenwahn, Grausamkeit, Gemeinheit – mit Alkohol als
       Katalysator. Es wird klar, das ich damit auch den Cocktail meine, der die
       Wahl in „Sassonia“ entschieden hat.
       
       ## Oktoberfest kann überall sein
       
       Da wir keine Pilze finden und es auch noch zu regnen anfängt, retten mein
       Sohn und ich uns unter einen Sonnenschirm in einem Biergarten. Der nette
       Kellner trägt Lederhosen und Trachtenhemd und redet im Singsang des
       Ruhrgebiets. Am Wochenende ist hier Oktoberfest, sagt er, als er uns Bier
       und Wurstsalat auf den Tisch stellt.
       
       Oktoberfest kann eben überall sein. Es ist ein Ritual, das Menschen auf der
       ganzen Welt ganz unterschiedlich interpretieren, eine Art Karneval mit
       entsprechendem Kostüm.
       
       Vor einem Basketballspiel die Nationalhymne mitzusingen, ist auch eine Art
       Karneval, denke ich, die Teilnahme an einem Ritual. Ich gehe als Person
       nicht darin auf, dass ich die deutsche Nationalhymne mitsinge.
       
       Aber ich gehe auch nicht mehr darin auf, sie nicht mitzusingen.
       
       27 Sep 2026
       
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