# taz.de -- An der Nordsee: Jede Mehrheit braucht eine Minderheit
       
       > Diese neue Kolumne widmet sich der Welt da draußen. Die erste Folge
       > erzählt von Urlaub oder den Schwierigkeiten, wieder nach Hause zu kommen.
       
 (IMG) Bild: Die Arbeitenden unter den Urlaubenden, Minderheit, Mehrheit, aber auf jeden Fall erkennbar
       
       In der Nacht hat irgendwer das Klohäusl am Strand abgebrannt. Frühmorgens
       stehen mein vierjähriger Sohn und ich dabei, wie drei riesige Traktoren in
       einer an den Film [1][„Real Steel“] gemahnenden Aktion sich durch den Sand
       wühlen, um das Ding von den Stelzen zu heben und abzutransportieren.
       
       Für mein Söhnchen wird es das größte Ereignis dieses Nordseeurlaubs sein.
       Und ich denke melancholisch, wie er in 20 Jahren noch davon berichten wird,
       vielleicht seine erste Erinnerung und eine, die uns verbinden wird, über
       die Lebenszeiten hinaus.
       
       Die Insel ist für die übergroße Mehrheit zum Erholen da. An diesem Morgen
       sehen wir die Minderheit am Werk. Hier wird gearbeitet. Die tätigen
       Menschen tragen lange Hosen und feste Schuhe. Manchmal rauchen sie sogar,
       daran erkennt man hier – außer ein paar gestressten Müttern aus den
       Kurkliniken – die Einheimischen.
       
       Die Minderheit arbeitet, um sich, wenn die Mehrheit wieder abgereist ist,
       auch ein Mehrheitsleben leisten zu können. Der Wattführer erzählt, wo er
       schon überall war. Er kennt die Gezeiten aller sieben Weltmeere.
       
       ## Die Bahn als seriöses Angebot
       
       Vor unserem Ferienhaus mit vier Wohnungen parken drei SUVs. Alle haben den
       gleichen Fahrradträger von Thule, [2][der laut ADAC knapp 700 Euro kostet
       und gut ist]. Meine Schwiegermutter findet, dass unser Außenbereich wenig
       Privatsphäre bietet, aber wir kommen gern in Kontakt. Unsere Nachbarn
       lächeln irgendwie verschämt, als wir erzählen, dass wir mit der Bahn
       angereist sind. Ja, das, ist, das, ginge, schon, auch, irgendwie, aber,
       eben, nicht – die Bahn halt! Erleichterung platzt auf in den Gesichtern,
       dass man aufs Auto nicht verzichten muss, weil es die Bahn als seriöses
       Angebot nicht gibt.
       
       Was wir für die Hinfahrt nicht, für Rückfahrt sehr wohl bestätigen können,
       als wir in einen Ersatzbus gequetscht nach Husum zuckeln. Nur eine
       Vollbremsung – und hier täte sich jemand sehr weh. Der zum Klönen
       aufgelegte Fahrer wird seiner Verantwortung gerecht und fährt entsprechend
       zurückhaltend, und wir kommen, wie gesagt, gern in Kontakt. Er sagt in
       seinen Worten, was Bahnchefin Palla im August 2026 dann [3][„organisierte
       Verantwortungslosigkeit“] genannt hat.
       
       Der Verdacht liegt nahe, dass die Bahnstrecke in der Urlaubszeit saniert
       wird, damit in der Arbeitszeit alle pünktlich zu ihrer Arbeit kommen. Im
       Urlaub hat man ja Zeit! Urlaubszeit ist auch irgendwie Minderheitenzeit,
       zur Arbeit kommen zu müssen, ist dagegen mehr mehrheitsfähig. Und die ganze
       Bahnreise kostet für uns alle nur knapp 100 Euro bei vorhandenem
       Deutschlandticket.
       
       Also: Wir meckern nicht. Wir sind glücklich, dass wir hier sein dürfen, und
       dann, wenn es denn sein muss, auch irgendwie wieder nach Hause kommen. Auf
       der Insel, erfahren wir bei gelegentlichen Spielplatzgesprächen, fahren die
       Männer früher nach Hause. Sie erwirtschaften Rentenpunkte, die Frauen
       dürfen noch bleiben und werden hoffentlich nicht irgendwann in Altersarmut
       sitzen gelassen. Auch gekocht wird nicht, weil niemand Lust hat, hören wir;
       was wir so interpretieren, dass die Frauen, die eh immer kochen, keine Lust
       haben zu kochen, und die Männer es weiterhin eh nicht tun.
       
       Warum mit Gewohnheiten brechen? Die Insel funktioniert sehr gut. Und sie
       funktioniert vielleicht noch besser, wenn auch der Letzte merkt, dass man
       bei 40 Grad Außentemperatur nicht viel machen kann, nicht mal sich gepflegt
       abschießen.
       
       Auf der Insel geht man sogar im Hochsommer gern in die Sauna. Alle Häuser
       scheinen mit einer neuen Wärmepumpe ausgestattet zu sein, Induktion,
       Waschmaschine plus Trockner sind Standard, dazu wird Filterkaffee gereicht.
       
       Mein Söhnchen aber sagt: Alle haben was, ein Auto, einen Hund, wir haben
       gar nix! Nach solchen Ausbrüchen über die versagenden Eltern ist man dann
       dankbar – dass jemand, vielleicht ja ein Angehöriger einer Minderheit, der
       Jugend möglicherweise – das Klohäusl angezündet hat und wir dabei sein
       durften: bei Bob dem Baumeister live und in 3D!
       
       14 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=UIxQyuPm0lQ
 (DIR) [2] https://www.adac.de/rund-ums-fahrzeug/ausstattung-technik-zubehoer/zubehoer/fahrradhecktraeger/
 (DIR) [3] /Zwei-ZDF-Dokus-ueber-die-Bahn/!6198969
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ambros Waibel
       
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