# taz.de -- NS-Profiteur Kühne+Nagel: Über die Vergangenheit soll kein Gras mehr wachsen
> Am Tag der Beisetzung von Klaus-Michael Kühne erklärt dessen Stiftung,
> die NS-Vergangenheit des Logistikkonzerns nun doch beleuchten zu wollen.
(IMG) Bild: Die Blumen auf Kühnes Grab waren noch frisch, als seine Stiftung den Kurswechsel verkündete
Kühne+Nagel wird [1][seine NS-Geschichte erforschen lassen]. Das hat Jörg
Dräger, Geschäftsführer der Kühne-Stiftung, am Dienstag im NDR angekündigt.
Die Stiftung erbt die Firmenanteile von Klaus-Michael Kühne, [2][dem im
August verstorbenen Mehrheitsaktionär des weltweit zweitgrößten
Logistikkonzerns]. Daher kann Dräger tatsächlich Fakten schaffen.
Kühne+Nagel käme damit einer Forderung nach, die mindestens seit 2015
öffentlich immer wieder erhoben wird. Damals feierte die Firma ihr 125.
Gründungsjubiläum in Bremen – [3][mit einem äußerst lückenhaften History
Marketing]. Auf Nachfrage der taz erklärte das Unternehmen damals: Den
30er- und 40er-Jahren mangele es „an Relevanz“ für die Firmengeschichte.
Eine genauere Darstellung sei daher überflüssig, im Übrigen seien alle
historischen Firmenunterlagen verbrannt.
Auf diese Position versteifte sich Kühne+Nagel – und überließ es anderen,
so [4][der taz], sich auf die mühsame Suche nach den weit verstreuten
Quellen ihrer Geschäftstätigkeiten im „Dritten Reich“ zu machen. Weit
verstreut deswegen, weil Kühne+Nagel europaweit geraubtes jüdisches
Eigentum abtransportierte und sich mit großem Engagement weitere
Geschäftsfelder erschloss: Kunstraub, Bibliotheks-Plünderungen,
Wehrmachtslogistik und manches mehr.
## Klaus-Michael Kühne wollte nichts aufarbeiten
Es war immer klar, dass [5][die Tabuisierung des Themas direkt vom
Firmen-Patriarchen ausging]. Aus dem Management waren hinter vorgehaltener
Hand andere Signale zu hören. Kühne jedoch fühlte sich zeitlebens seinem
Vater Alfred verpflichtet. Dem bescheinigte er noch kürzlich: „Er hat seine
Familie klug und umsichtig durch den Zweiten Weltkrieg und die
Nachkriegszeit gebracht. Dafür schulde ich ihm großen Respekt.“
Kühne, obschon Mehrheitsaktionär eines Global Players, verharrte in einer
typischen Mittelständler-Mentalität: Firmen- und Familienerfolg gelten als
untrennbar, beider Reputation muss bedingungslos gewahrt werden. Dass man
seinen Ruf eher durch Ehrlichkeit als durch Verschweigen bessern kann –
diese simple Logik erschließt sich einem angestellten Management offenbar
eher als vielen Familienunternehmer:innen. Denn die müssten das Verhalten
ihrer direkten Vorfahren auf den Prüfstand stellen.
Klugerweise unterscheidet Dräger daher nun deutlich zwischen der Firma und
der Person Kühne: „Es ist auch gar nicht Herr Kühne selbst betroffen
gewesen. Er war zu Kriegszeiten sieben Jahre alt. Es betrifft die
Geschichte des Unternehmens, was er groß gemacht hat.“ Dass Klaus-Michael
Kühne Verantwortung für das Handeln seines Vaters gehabt hätte – der das
Unternehmen schon seinerzeit „groß“ machte –, konnte auch nie jemand
behaupten. Aber selbstverständlich hatte Kühne die Verantwortung für den
Umgang mit der Geschichte. Angenommen hat er sie nicht.
Die nun vorgenommene Kurskorrektur soll auch der anhaltenden [6][Kritik an
der „Kühne-Oper“] entgegenwirken. Die ist ausgerechnet [7][dort im
Hamburger Hafen geplant], wo Kühne+Nagel NS-Raubgut lagerte. Bemerkenswert
ist, mit welcher Geschwindigkeit Kühnes Erb:innen dabei vorgehen. Dräger
gab seine Erklärung am Tag der Beerdigung Kühnes auf dem Ohlsdorfer
Friedhof ab.
Und schon am Wochenende davor war aus dem Stiftungsrat durchgesickert, man
denke darüber nach, „die dunkle Vergangenheit der Spedition Kühne+Nagel in
der Nazizeit von unabhängigen Historikern aufarbeiten zu lassen“. Das Wort
„unabhängig“ ist dabei entscheidend – schönfärberische
Unternehmenschroniken, die der historischen Aufklärung nur scheinbar
Rechnung tragen, gibt es schon zu viele. Nach seiner langen Geschichte des
Verdrängens und Abwimmelns kann Kühne+Nagel nur dann Glaubwürdigkeit
gewinnen, wenn der Wille zur umfassenden Darstellung unbezweifelbar ist.
Der erste Schritt wäre die Öffnung des angeblich komplett verbrannten
Firmenarchivs. Kühne+Nagel verlegte sein Zentralkontor im Krieg ins
bombensichere Konstanz, das Verzeichnis der deutschen Wirtschaftsarchive
listet einen historischen Bestand von Firmenunterlagen bei Kühne+Nagel auf.
Sehr groß ist er nicht, da ja tatsächlich die Gebäude der Firma in Bremen
und Hamburg zerstört wurden.
Über einen erheblichen Teil der NS-Geschäfte können die Unterlagen dennoch
Auskunft geben. Das Leugnen des historischen Materials ist umso unsinniger,
als das Archiv-Verzeichnis auf den Angaben der Unternehmen selbst beruht.
Sie wurden 1990 gesammelt – damals dachte bei Kühne+Nagel offenbar niemand
daran, dass die eigene Geschichte noch mal zum Problem werden könnte.
## Vom jüdischen Miteigentümer getrennt
Eine ernst zu nehmende Aufarbeitung müsste die 1933 erfolgte [8][Trennung
vom jüdischen Miteigentümer Adolf Maass] ebenso umfassen wie die Übernahme
von Unternehmen und Immobilien durch die Kühnes als „Arisierungs“-Gewinn.
Die Geschäfte der Firma in Italien, Osteuropa – insbesondere im Baltikum –
müssten, jeweils in ihren Kontexten, ebenso dargestellt werden wie die
systemübergreifende Zusammenarbeit mit Geheimdiensten. Kunstraub,
Verschiebung von Vermögenswerten in die Schweiz im Auftrag diverser
NS-Größen sind weitere Felder, zu denen Recherchen bereits im Gange sind.
Denn trotz der bisherigen Blockade von Kühne+Nagel wurde schon viel
Forschungsarbeit geleistet – die nun deutlich erleichtert werden könnte.
Schon lange gefordert haben das auch die langjährigen
Betriebsratsvorsitzenden von Kühne+Nagel. 2023, bei der [9][Einweihung des
von der taz initiierten „Arisierungs“-Mahnmals] gegenüber der
K+N-Firmenzentrale, betonten sie: „Wir haben mehrmals versucht, die
jeweilige deutsche Geschäftsleitung, aber auch die Zentrale in der Schweiz
zu einem aktiveren Umgang mit der Firmengeschichte zu bewegen. Wir haben
auch mit Klaus-Michael Kühne hierzu mehrmals Kontakt aufgenommen, ohne
jedoch eine Änderung seiner Haltung zu erreichen.“
Umso mehr freuten sich die Betriebsräte über die beharrlichen Anstöße von
außen – die nun endlich zu wirken scheinen.
23 Sep 2026
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## AUTOREN
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