# taz.de -- Theaterstück über Arisierung: Raubgutlisten, unerträglich lang
> Das Stück „Raub. Verladene Erinnerungen“ am Theater Bremen spürt
> dokumentarisch und schonungslos dem Kriegsgewinnler Kühne + Nagel nach.
(IMG) Bild: Boulekugeln zum Erinnern: Szene aus „Raub“
Wie erinnert man? An was erinnert man sich und an was lieber nicht? Es sind
unbequeme Fragen, die bei der Premiere von „Raub. Verladene Erinnerungen“
am Theater Bremen verhandelt werden. Es ist das Regiedebüt der 25-jährigen
Melina Spieker, Co-Autor und künstlerischer Mitarbeiter war der 32-jährige
Jan Grosfeld. Das Stück verhandelt Arisierung am Beispiel des Bremer
Speditionsunternehmens Kühne + Nagel. Es soll Bremen neu kartografieren,
das Publikum zu Zeug*innen des Erlebten machen.
Die Bühne ist schwach beleuchtet, auf dem Boden sammeln sich silbern
glänzende Boulekugeln in losen Formationen. Im Hintergrund, auf einer
langen Leinwand, sieht man das Heck eines fahrenden Schiffs mit Blick auf
die Weser. Aus dem Lautsprecher wiederholt eine Stimme immer wieder
dieselben Fragen: „Hörst du dem zu, was du hörst? Hörst du Unbehagen? Hörst
du zu, während du hörst?“ Es sind die Fragen, die das Theaterstück nicht
mehr loslassen werden. Und die am Ende zurück ins Publikum fallen.
Fünf Schauspieler*innen beginnen vorzulesen, eine streng lineare, gut
recherchierte Geschichte. Ihr Startpunkt: Bremen, Langenstraße 40, 1. Juli
1890. Die Gründung des Logistikunternehmens Kühne + Nagel. In allen Details
wird die Geschichte des deutschen Familienunternehmens erzählt, und mit ihr
die Geschichte des jüdischen Firmenanteilseigners Adolf Maass und seiner
Frau Käthe.
Auf der Leinwand im Hintergrund zeigen tonlose Videos die Bremer und
Hamburger Schauplätze in der Gegenwart. Dann kommt das 1933, das Jahr der
Machtübergabe an die NSDAP. Die Boykotte gegen Jüdinnen und Juden beginnen,
nüchtern wird vorgelesen, wie Kühne + Nagel nach dem Ausscheiden von Adolf
Maass am 22. April 1933 zum nationalsozialistischen Musterbetrieb wurde.
1938, das Jahr der [1][Novemberpogrome:] Es wird vorgelesen, welche
Synagogen vor aller Augen zerstört wurden. Die Videos zeigen diese
Schauplätze in der Gegenwart, um die Leerstellen zu markieren.
## Raubgut nach Bremen und Hamburg transportiert
Die Deportation von Jüd*innen aus der Dechanatstraße – heute Hochschule
für Künste – ins Konzentrationslager Sachsenhausen beginnen. Auf der
Leinwand sieht man Gleise. Die ersten Arisierungen werden beschrieben, wie
mit dem geraubten, gewaltsam enteigneten Vermögen von Jüd*innen aus ganz
Europa der am 1. 9. 1939 von Deutschland ausgelöste Zweite Weltkrieg
mitfinanziert wurde. Kühne + Nagel transportiert als Speditionsunternehmen
das Raubgut aus Frankreich und den Benelux-Ländern nach Bremen und Hamburg.
Spieker und Grosfeld waren für die Recherche des Stückes in Stadtarchiven
in Hamburg, Bremen, Montreal, in engem Austausch mit überregionalen
Historiker*innen und Journalist*innen, [2][insbesondere
taz-Journalisten Henning Bleyl], aber auch mit Barbara Maass, der Enkelin
von Adolf und Käthe Maass, die an dem Abend ebenfalls im Publikum sitzt.
Das Stück setzt den Startpunkt für die Aufarbeitung der Geschichte des
Bremer Theaters in der Zeit des Nationalsozialismus, es soll Anlass zu
weiterführenden Recherchen und deren Publizierung geben. Das
Begleitprogramm bietet acht Veranstaltungen über „Braunes Erbe“. Dazu hängt
im Vorraum des Theaters ein Plakat: „Helfen Sie uns bei der Aufarbeitung
mit Hinweisen auf Menschen, die in Bremen nach 1933 ihre künstlerische
Arbeit nicht mehr ausüben durften, die (…) entlassen oder nicht mehr
engagiert wurden, die vom NS-Regime gedemütigt, verfolgt oder entrechtet
wurden“.
Auch deshalb liegt der Fokus des Stücks auf dem Text. Spieker sucht einen
formalen, fast schon wissenschaftlichen Zugriff aufs Theater. Es gibt kein
auffälliges Kostüm, kaum Musik, kein aufregendes Bühnenbild oder Licht, es
wird sehr minimalistisch inszeniert. Die vollständigen Versteigerungslisten
arisierter Gegenstände werden vorgelesen: 105 Betten, 307 Kisten
Glasgeschirr, zwei Kinderwagen. Die Listen sind unerträglich lang, sie
umfassen etliche Haushalte, aufgelistet im Tonfall eines
nationalsozialistischen Verwaltungsdokuments. Dem Publikum wird nichts
geboten, womit es sich ablenken könnte. Wie war die Frage zu Beginn noch
mal? „Hörst du dem zu, was du hörst?“. 77 Eimer, 126 Schränke, 32 Uhren.
Nun geht es um die Wannsee-Konferenz. Die Leinwand zeigt Kinder, die im
Schnee rodeln. Danach: ein täglich geöffnetes Lager für arisierte
Gegenstände, heute: die Aladin Music Hall.
Juli 1944: Adolf und Käthe Maass werden im Konzentrationslager Auschwitz
ermordet. Kurz darauf endet der Krieg mit der Kapitulation Deutschlands.
Und plötzlich, endlich, ändert sich das Bühnenbild. Die Leinwand wird
schwarz. Ein greller Scheinwerfer richtet sich direkt auf das Publikum. Nun
geht es um die Nürnberger Prozesse. Kühne wird als „Mitläufer“
kategorisiert, das Unternehmen entnazifiziert. Die Geschäfte können
uneingeschränkt weitergehen. Aus einer Ecke beginnt Nebel auf die Bühne zu
strömen. Erst wenig, dann immer mehr. Die silbernen Kugeln auf dem Boden
verschwinden langsam darunter. Dunkle Bässe setzen ein, düstere,
atmosphärische Musik, während der Nebel alles verdeckt.
Dem Vergessen entgegenwirken
Wir sind jetzt in der Gegenwart. Schätzungen zufolge soll das Vermögen aus
ehemaligen Arisierungen bis heute eine Billion Euro betragen. Laut einer
Umfrage der Zeit stimmen ein Großteil der Deutschen des Aussage „Die Masse
der Deutschen hatte keine Schuld am Nationalsozialismus“ zu. Rechte
Anschläge in Bremen werden aufgezählt. Die AfD spricht von „Remigration“.
Klaus-Michael Kühne, der direkte Nachfahre des Unternehmensgründers und
mittlerweile einer der reichsten Deutschen, sagt in einem
Spiegel-Interview, durch die Diskussion über die NS-Vergangenheit würden
„alte Wunden aufgerissen“. [3][Die Kühne-Oper soll in Hamburg gebaut
werden]. Zudem gab es 3.777 antisemitische Straftaten im vergangenen Jahr.
Barbara Maass, die Enkelin des einstigen jüdischen Firmenanteilseigners,
wird nun zitiert. Sie hat etliche Dokumente und Briefe an Archive gespendet
und fordert, dass wir uns gegen das Vergessen wehren.
Die Schauspieler*innen beginnen nun, entschlossen durch diesen Nebel zu
gehen. Sie nehmen neue Boulekugeln und legen sie zu den bereits
vorhandenen. Der Nebel wird durcheinandergewirbelt. Im Hintergrund erklingt
Chaplins berühmte Rede aus „Der große Diktator“: „You are not machines! You
are men!“ Dann gehen die Lichter aus.
„Raub. Verladene Erinnerungen“ ist ein mutiges Stück, denn es schont das
Publikum nicht. Es emotionalisiert nicht, es appelliert nicht, es stellt
keine expliziten Fragen – aber es erzeugt einen Raum, in dem diese Fragen
unausweichlich werden.
9 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Amanda Böhm
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