# taz.de -- Schräger Vogel: Die Fremde im Treppenhaus
> Mehr Empathie mit dem Federvieh. Wenn sich die armen Tierchen verflogen
> haben und nicht mehr weiterwissen, ist Gefahr im Verzug.
Dass ich besser mit Worten als mit Taten kann, merke ich an einem Tag unter
der Woche. Ähnlich wie der Protagonist in einer Novelle von Patrick Süskind
war mein „Bein schon im Schritt gegriffen“, als ich sie „im blassen
Widerschein des Morgenlichts, das durch das Fenster kam“, im Hausflur sah:
die Taube. „Zu Tode erstaunt“ heißt es in der nach ebenjenem Federvieh
benannten Novelle, und auch wenn die Aussage krass erscheint, spiegelt sie
vielleicht doch ganz gut wider, was ich an jenem Morgen empfand.
Dabei war das „zu Tode“ aber weniger meinem eigenen Schreck zuzuordnen als
der Sorge um das arme Tier. Denn anders als Süskinds Protagonist empfand
ich kein Gefühl des Eindringens durch die Taube. Viel eher tat sie mir
leid, fand sie doch den Ausgang nicht. Zunächst versuchte ich sie nur
halbherzig zum Gehen zu bewegen, gab aber aus Zeitmangel schnell auf. Erst
als ich wieder zurück nach Hause kam, sie immer noch im Hausflur vorfand –
sie hatte den Weg die zwei Stockwerke hin zum geöffneten Fenster nicht
gefunden –, griff ich zu drastischeren Mitteln.
Ich dachte, ihr helfen zu müssen, versuchte mit einem Handtuch sie zu
lotsen, gar zu fangen. Doch das arme Tier verstand den architektonischen
Sinn eines Treppenhauses nicht; flog mal hoch, mal runter, ohne meiner
Logik des Abstiegs folgen zu können. Irgendwann waren wir beide am Ende
unserer Kräfte – mit dem Latein am Ende sowieso –, ich verschwitzt, sie wie
von Sinnen flatternd. Ich gab auf, zog mich in meine taubenfreie Wohnung
zurück und überließ sie … ja, was? Das Ende der Geschichte ist, wie ich
nach Süskinds Novelle griff, um diese Zeilen zu schreiben, außerstande
irgendetwas (Nützliches) zu tun. Vielleicht habe ich doch mehr mit dem
Protagonisten gemein, denn meine Gedanken drehen sich nun einzig allein um:
die Taube.
24 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Sophia Zessnik
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