# taz.de -- Kirchenmusiker über Popsongs und Orgel: „Ich will die Seelen der Menschen in die Kirche bringen“
       
       > Michael Schütz spielt Deep Purple, ABBA oder Queen auf der Kirchenorgel.
       > Er sieht sich als Brückenbauer zwischen Kirche und musikalischer
       > Sozialisation.
       
 (IMG) Bild: Taugt nicht nur für Bach und Reger: Kirchenorgel
       
       taz: Herr Schütz, wieso spielen Sie Pop, Rock und Filmmusik auf der
       Kirchenorgel? 
       
       Michael Schütz: Menschen verbindet die Musik, die sie alle kennen. Das sind
       in der Regel Popsongs, weltliche Melodien, Rock und Filmmusik. Und die
       Kirche ist als Raum für Menschen bekannt, aber nicht mit dieser Musik
       verknüpft. Ich bin der Brückenbauer zwischen der Kirche und der
       musikalischen Sozialisation der Menschen.
       
       taz: Musik ist auch eine Zeitmaschine, weil sie Erinnerungen in uns weckt. 
       
       Schütz: Das stimmt, der Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen – und zwar
       auch auf musikalischer Ebene. Wir alle haben die Wiegenlieder unserer
       Eltern gehört, haben als Kinder zusammen gesungen, mit Freunden in der
       Diskothek getanzt.
       
       taz: Die Kirchenorgel gehört bei den meisten nicht zu diesem kollektiven
       Erinnerungsschatz. 
       
       Schütz: Der Klang der Orgel erinnert die Menschen an Kirchenmusik, also zum
       Beispiel an die langsamen, manchmal etwas schweren Gemeindegesänge. Niemand
       verbindet Deep Purple, ABBA oder Queen mit der Kirchenorgel. Ich öffne den
       traditionellen Orgelklang für die Popmusik und belege so diese alten, viele
       würden auch sagen verstaubten Töne mit neuen Inhalten.
       
       taz: Wie sind Sie denn überhaupt auf diese Idee gekommen? 
       
       Schütz: Ich habe mit einem Freund musiziert und zum Spaß Schlager wie
       „Veronika, der Lenz ist da“ auf der Orgel gespielt. Da habe ich gemerkt,
       dass das richtig cool klingen kann. Bei einem traditionellen Orgelkonzert
       [1][mit Stücken von Johann Sebastian Bach] und Max Reger habe ich dann auch
       ein paar Popsongs gespielt. Die Leute fanden das toll und beim nächsten Mal
       habe ich das ein wenig erweitert.
       
       taz: Bei Ihrem Auftritt in der Klosterkirche St. Marien in
       Osterholz-Scharmbeck ist der Eintritt frei und hinterher kann man spenden.
       Im religiösen Rahmen nennt man das die Kollekte. Machen Sie also einen
       Gottesdienst, nennen es aber anders? 
       
       Schütz: Ja, es ist eine Form des Gottesdienstes – allerdings ist mein
       Orgelprogramm als Konzert angelegt. Ich will die Seelen der Menschen in die
       Kirche bringen. Da wird auch mal laut mitgesungen und es fließen regelmäßig
       Tränen.
       
       taz: Nun ist aber Popmusik ja zumeist keine christliche Musik. 
       
       Schütz: Nein, aber die Texte, die mich inspiriert haben, haben einen
       christlichen Bezug. In „All You Need Is Love“ von den Beatles wird zum
       Beispiel die Liebe besungen, und die Liebe ist ein wesentlicher Teil der
       christlichen Grunddimensionen. Und ich spiele „Burn“ von Deep Purple, weil
       darin von einer „Botin des Feuers“ die Rede ist. Das ist auch ein
       urchristliches Motiv – hier aus der Apokalypse.
       
       taz: Und welche christlichen Bezüge haben Sie in der Musik von ABBA
       gefunden? 
       
       Schütz: „Thank You For The Music“ sagt das Gleiche wie „Singt dem Herrn ein
       neues Lied“. Zu jedem Lied habe ich einen passenden Bibelvers gefunden, der
       auch im Programmheft steht.
       
       taz: Sie haben auch Stücke von den Rolling Stones im Programm. Würden Sie
       deren „Sympathy for the Devil“ in der Kirche spielen? 
       
       Schütz: Nein, denn das Lied spielt inhaltlich mit dem, was man als den
       Teufel bezeichnet. Und da müsste ich das Stück so okkupieren, dass es in
       den Kirchenraum passt. Ich spiele aber zum Beispiel „Imagine“, obwohl sich
       John Lennon darin gegen Religionen ausspricht. Aber in dem Song geht es vor
       allem um Frieden.
       
       27 Sep 2026
       
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