# taz.de -- Neues Album von Organist Maxime Denuc: Eine Orgel, die mehr atmet, als dass sie spielt
       
       > Der französische Organist Maxime Denuc zieht auf seinem neuen Album „Club
       > Imperiale“ alle Register von elektronischer Tanzmusik und bleibt Bach und
       > Händel dennoch verbunden.
       
 (IMG) Bild: An der Mauer, auf der Lauer, lehnt 'ne kleine Wanze: Es ist Orgelmaestro Maxime Denuc
       
       Was verbindet Kali Malone (USA) mit Gigi Masin (Italien), Anushka Chkheidze
       (Georgien), Kit Downes (England), Philipp Sollmann (Deutschland), die
       Schwedin Anna von Hausswolff? Sie orgeln ordentlich rum. Die einen werkeln
       an experimentellen Orgelinstallationen (Sollmann), andere spielen Jazz im
       Kölner Dom (Downes); Malone wiederum dockt beim Subgenre Doommetal an. Alle
       Genannten laben sich auf interessante Weise an der langen, vornehmlich
       europäischen Kulturgeschichte des Kircheninstruments.
       
       Bei den meisten Organist:Innen sitzen Kanons, Krebsgänge oder
       Partimenti locker wie Pistolen am Halfter von schießwütigen Cowboys, womit
       [1][über das Musikinstrument sofort der Brückenschlag zum Barock gelingt.]
       Auffällig ist, wie eng dieser Schulterschluss ausfallen kann – und wie
       populär Orgelmusik momentan ist: Wenn ein Konzert von Orgelinfluencerin
       Anna Lapwood etwa bei Tiktok angekündigt wird, stellen sich bisweilen
       10.000 Menschen an und begehren Eintritt. Weder Bach noch Händel haben
       Vergleichbares fertiggebracht.
       
       Bei Maxime Denuc, einem französischen Tastenenthusiasten, muss man
       eigentlich gar nicht lange [2][auf die Suche nach barocken Einflüssen]
       gehen. Aus seiner (Vor-)Prägung macht der Künstler, der seit Langem in
       Brüssel wohnt, keinen Hehl. Sowohl auf seinem Debütsoloalbum „Nachthorn“
       (2022) als auch beim Projekt Plapla Pinky (mit Raphael Hénard) sind Barock
       und Frühbarock stets als Referenzen erkennbar.
       
       ## Mehr Halluzination als in der frühen Neuzeit
       
       Diese Prägung ändert sich nun mit Denucs neuem Album „Club Imperiale“. Die
       Begrüßung fällt hypnotisch aus, viel ekstatischer als man es aus der frühen
       Neuzeit kennen dürfte. [3][Denucs „Hallucinogen“ erinnert sofort an
       drogeninduzierte Ekstase in Pillenform], die sich freudesuchende
       Partygänger:Innen des Nachts mit empathischer Leidenschaft gegenseitig
       auf die Zunge legen.
       
       Ein bestimmendes Ostinato, in besonders flotten, wie in Watte gepackten
       Anschlägen auf der Orgel gespielt, bietet das Fundament für einen
       fünfminütigen Rausch, in dessen Verlauf satte Basstöne kontrapunktisch für
       Gänsehaut sorgen. 140 Bpm lassen bei der fachkundigen Hörerschaft keinen
       Zweifel aufkommen, wer oder was Pate für diese ungewöhnliche
       Orgelkomposition stand: Trance.
       
       Auch der Albumtitel verheißt eindeutige Dancefloorgefühle: [4][Der
       titelgebende „Club Imperiale“, in Tirrenia an der toskanischen
       Mittelmeerküste gelegen], erlangte in den späten 1980ern Jahren Weltruhm
       und gilt als eine der Wiegen der „Progressive Trance“-Bewegung Italiens.
       Längst geschlossen, steht heute ein Fischrestaurant auf den Ruinen dieses
       Etablissements.
       
       ## Durchtanzte Nächte am Mittelmeer
       
       Ja, verliert sich hier etwa abermals ein Mann um die 40 in Gedanken an die
       wilden Tage seiner Jugend? Schwelgt Denuc in Erinnerungen an durchtanzte
       Nächte auf einem Dancefloor mit Blick über das Ligurische Meer? Keineswegs,
       der Organist kam selbst erst vor 20 Jahren, und damit über ein Jahrzehnt zu
       spät, in Kontakt mit Rave-Kultur. Für ihn ist der Sound eine Spekulation,
       Historic Fiction, wenn man so will. „Impreza“ mit seiner flirrenden
       Hookline kommt dabei dem, was man einen Trancetrack nennen würde, am
       nächsten.
       
       Schließt man die Augen und lässt sich für einige Momente auf diese gut
       erzählte Story ein, schießen die Sinneseindrücke durch die Synapsen: Eine
       Laser-Show. Hochgeworfene Arme, die versuchen, das fraktale Licht
       einzufangen. Der spezifische, synthetische Schweißgeruch. Mahlende Kiefer
       und geweitete Pupillen. Eine bessere Welt.
       
       Öffnet man die Augen, findet man sich … in einer Kirche. Um genau zu sein:
       in der Kirche St. Antonius in Düsseldorf. Denn es bedarf modernster
       Technik, um den Schulterschluss zwischen Orgel und Trance zu vollziehen.
       Hilfe naht in Form von Midischnittstellen und digitaler Einzeltonsteuerung,
       wie sie das Kirchenhaus im Stadtteil Oberkassel und die verbaute
       dreiteilige Orgel bietet.
       
       ## Das System ausreizen
       
       Der Instrumentenbauer Mühleisen, verantwortlich für dieses kleine
       Wunderwerk, hat ganze Arbeit geleistet: Sein Instrument gilt als – how
       ironic – Mekka moderner Orgelmodule. Am Computer können hier Partituren
       komponiert werden, die das Instrument später quasi von allein abspielt. Das
       begeistert moderne Komponisten wie Maxime Denuc natürlich – und die
       besseren wissen dieses System auch zu nutzen und seine Technik auszureizen.
       
       Besonders beeindruckend gelingt das im zurückhaltendsten Stück des Albums:
       „Atlantis“. Als würde man außerhalb der Kirche stehen, dringen die
       Orgeltöne aus der Entfernung zu uns vor. Man vernimmt das fast geräuschlose
       Einführen der Luft, die Maschine atmet mehr, als dass sie wirklich spielt.
       Dennoch herrscht eine große Anspannung, eine, die wiederum ins Gegenteil
       umschlagen kann.
       
       Es ist Musik, die sich dem Postpathos verschrieben hat, nicht Teil der
       Neo-Klassik-Bewegung sein möchte, dabei aber geradezu obsessiv in Registern
       wie „überwältigend“ denkt. Womöglich ist das aber zu streng geurteilt: Wäre
       die Orgel zuletzt nicht so prominent bespielt worden, dann würde man Denucs
       neue Musik als großen Wurf feiern. Sein Album „Club Imperiale“ braucht sich
       jedenfalls vor den bereits veröffentlichten Werken nicht zu verstecken.
       
       17 Sep 2026
       
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