# taz.de -- Organist zu deutsch-polnischer Tradition: „Diese Grenzregion gehört als Kulturlandschaft zusammen“
> Die „Norddeutsche Orgelschule“ wirkt seit der Hansezeit bis Polen und ins
> Baltikum, sagt Orgelprofessor Krzysztof Urbaniak. Das müsse ins
> Bewusstsein.
(IMG) Bild: Sogar Bach hätte sie gern gespielt: Arp-Schnitger-Orgel in Hamburgs St.-Jacobi-Kirche
taz: Herr Urbaniak, was macht die „Norddeutsche Orgelschule“ einzigartig ?
Krzysztof Urbaniak: Die Orgellandschaft um Bremen herum ist eine der
reichsten weltweit. In fast jedem kleinen Ort, etwa in der ostfriesischen
Gemeinde Krummhörn, steht eine Orgel mit besonderer Geschichte. Dieses
einzigartige Instrumentarium ist eng verbunden mit der norddeutschen Musik
vor allem des 17. und 18. Jahrhunderts. Zu nennen wären namhafte
Komponisten wie Dietrich Buxtehude in Lübeck, Georg Böhm in Lüneburg und
Mathias Weckmann in Hamburg.
taz: Strahlten sie über Norddeutschland hinaus?
Urbaniak: Allerdings. Selbst Johann Sebastian Bach ist 1705, da war er
gerade 20, zu Fuß die 400 Kilometer aus dem thüringischen Arnstadt zu
Buxtehudes „Abendmusiken“ nach Lübeck gewandert. Später, mit 35, hat er
sich – leider erfolglos – als Organist an der [1][Arp-Schnitger-Orgel] der
Hamburger St.-Jacobi-Kirche beworben. Bach hat zeitlebens davon geträumt,
an einer großen norddeutschen Orgel zu wirken.
taz: Bei Ihrem Konzert in Molbergen spielen Sie auch Werke des
Buxtehude-Schülers Nicolaus Bruhns. Hat er wirklich Bach geprägt?
Urbaniak: Ja. Man weiß, dass Bach, vielleicht vermittelt durch seinen
zeitweiligen Lehrer Dietrich Buxtehude, auch Orgelwerke von Bruhns kannte.
Vor allem in Bachs frühen Orgelwerken spürt man die Verwandtschaft mit der
norddeutschen Komponistenschule mit ihrem „Stylus phantasticus“, einer sehr
freien Art zu komponieren. Bei diesem Stil kann man wirklich frei gestalten
und das Zusammenspiel von Orgel und Raum ganz erstaunlich zur Geltung
bringen. Diese Symbiose mit der Orgel – die Musik wächst quasi organisch
aus der Orgel – und dieses Überraschende, Verspielte: Das macht die
norddeutsche Orgelschule wesentlich aus.
taz: Gibt es Parallelen zur Orgellandschaft des Ostseeraums, den Sie
erforschen?
Urbaniak: Ja. Man kann sagen, die Orgellandschaften im Ostseeraum sind eine
natürliche Fortsetzung der norddeutschen Orgelbaukunst. Das belegen die
Biografien etlicher Orgelbauer. Durch den Bund der [2][Hansestädte] gab es
vor allem im 16. und 17. Jahrhundert große Wanderungen der Orgelbauer längs
der Ostsee. Mit ihnen wanderten die technischen und klanglichen Konzepte
der Orgeln über Danzig, Königsberg und Riga bis nach Tallinn.
taz: Welche Rolle spielt die Orgel der nach 1945 neu aufgebauten Danziger
Marienkirche?
Urbaniak: St. Marien war eine der größten backsteingotischen Kirchen mit
einer bedeutenden Orgel, die in Teilen bis auf das Jahr 1583 zurückging.
Gegen Ende des [3][Zweiten Weltkriegs] brannte die Kirche nach schweren
Kämpfen in der Altstadt fast ganz nieder. Den heutigen Nachbau der Orgel
ermöglichten Spenden eines deutschen Fördervereins. Für mich hat diese
Kirche etwas Emblematisches.
taz: Inwiefern?
Urbaniak: Sie ist Sinnbild der Verbindung zwischen Ost und West. Sie
verkörpert eine Brücke zwischen zwei einst verfeindeten Nationen. Und sie
eint eine Region, die seit 1945 eine sprachliche und eine politische Grenze
trennt. Dabei gehört diese [4][deutsch-polnische Grenzregion] als
Kulturlandschaft zusammen. Und es gehört zu meinen Aufgaben als
Hochschullehrer, diese Brücken wieder aufzubauen. Ein Bewusstsein dafür zu
schaffen, dass die Orgellandschaften im Nordwesten ihr Pendant im Osten
haben – und umgekehrt.
taz: Sie zielen auf polnisch-deutsche Verständigung?
Urbaniak: Ja. Aber nicht im politischen Sinne, sondern im Sinne eines
gemeinsamen Kulturerbes. Es geht darum, das sich Menschen mit ihrem Wohnort
identifizieren, ihn aber auch im breiteren historischen Kontext sehen.
22 Aug 2026
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(DIR) Petra Schellen
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