# taz.de -- Russischer Angriff aufs Baltikum: „Die Nato ist auf einen Drohnenkrieg nicht vorbereitet“
       
       > Der Westen befürchtet einen russischen Angriff auf die baltischen
       > Staaten. Womöglich würden nicht alle Nato-Partner dem Baltikum zu Hilfe
       > kommen.
       
 (IMG) Bild: Nato-Generalsekretär Mark Rutte und EU-Kommissionspräsident Ursula von der Leyen: Verteidigungspläne für das Baltikum werden seit Jahren vorbereitet
       
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       Istories öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den
       ganzen Text [2][lesen Sie hier auf Russisch]. 
       
       Wladimir Putin könnte mit der Invasion der baltischen Staaten beginnen,
       sagt Robert Browdi, [3][Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte].
       Ihm zufolge könnte Putin bei einem Angriff auf das Baltikum vor allem auf
       die Überlegenheit seiner Armee bei Drohnen setzen. Die Nato-Staaten seien
       auf einen Drohnenkrieg nicht vorbereitet.
       
       Auch im Westen befürchtet man einen russischen Angriff auf die baltischen
       Staaten. Laut Quellen des Wall Street Journal [4][besuchte CIA-Direktor
       John Ratcliffe Putin Ende August auch deshalb], um ihn vor einem Einmarsch
       in Nato-Gebiet zu warnen. In den USA gelten die baltischen Staaten dabei
       als möglicher Schauplatz einer solchen Operation.
       
       Solange der Krieg in der Ukraine andauert, wird die russische Armee nach
       Einschätzung von Militärexperten vermutlich nicht über genügend Kräfte für
       eine groß angelegte Invasion verfügen. Putin könnte jedoch versuchen, mit
       einigen Tausend Soldaten zumindest ein kleines Grenzgebiet zu besetzen.
       
       ## Russland will die Nato spalten
       
       Sollte sich Russland zu einer Bodeninvasion in einem der baltischen Staaten
       entschließen, würde das Ausmaß der Operation von der Zielsetzung abhängen.
       Laut Experten bestünde Russlands Hauptziel nicht darin, größere Gebiete zu
       besetzen, sondern die Nato zu spalten. Das Kalkül dabei: Angesichts der
       Gefahr eines groß angelegten Kriegs mit Russland wären einige Mitglieder
       des Bündnisses möglicherweise nicht bereit, wegen kleiner Gebiete in einen
       bewaffneten Konflikt einzutreten.
       
       Darüber hinaus könnte Wladimir Putin einen Angriff auf einen der baltischen
       Staaten als Möglichkeit betrachten, um den Verlauf des Krieges gegen die
       Ukraine zu verändern. Laut dem Thinktank Atlantic Council ist die Lage an
       der Front dort in eine Sackgasse geraten.
       
       „Die Logik Europas besteht heute darin, dass der andauernde Krieg in der
       Ukraine den Zeitpunkt eines möglichen russischen Angriffs hinauszögert“, so
       die Analysten des unabhängigen Online-Mediums und Analyseprojekts
       Re:Russland.
       
       Laut den Analysten ist dieses Hinauszögern eines der wichtigsten
       pragmatischen Argumente dafür, die Ukraine umfassend finanziell und
       militärisch zu unterstützen. „Der Kreml könnte jedoch versuchen, diese
       Logik umzukehren und die Gefahr eines groß angelegten militärischen
       Konflikts in Europa zu einem Teil der Verhandlungen über die Ukraine zu
       machen.“
       
       ## „Russland will weiter eskalieren“
       
       „Eine Eskalation des Konflikts ist genau das, was viele in der Welt und in
       Europa zu vermeiden versuchen werden – und darauf setzt Russland
       zweifellos“, stimmt der Gründer des ukrainischen OSINT-Projekts
       Frontelligence Insights zu.
       
       Um ein solches Ziel zu erreichen, könnte Russland versuchen, mit begrenzten
       Kräften ein kleines Grenzgebiet oder eine Stadt zu besetzen. Nach
       Einschätzung von Frontelligence Insight könnte dafür ein Regiment von bis
       zu 2.500 Soldaten ausreichen, unterstützt von der Drohnen-Eliteeinheit
       „Rubikon“. Ein anschließender Konflikt mit der Nato würde jedoch deutlich
       größere militärische Kräfte erfordern, sagt der US-Militäranalyst Michael
       Kofman.
       
       Experten des paneuropäischen Thinktanks ECFR halten für Estland auch ein
       größeres Szenario für denkbar: die Einnahme von Narva mit einem
       anschließenden Vorstoß in Richtung der estnischen Hauptstadt Tallinn. Dies
       könnte von einem Angriff aus der russischen Region Pskow in Richtung Tartu
       begleitet werden.
       
       Ein weiteres mögliches Angriffsziel ist der Suwałki-Korridor, der sich
       zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Belarus entlang der
       polnisch-litauischen Grenze erstreckt. An seiner schmalsten Stelle ist er
       nur circa 65 Kilometer breit. Würde Russland dieses Gebiet unter seine
       Kontrolle bringen, wären die baltischen Staaten für Nato-Verstärkung vom
       Landweg abgeschnitten. Truppen und Ausrüstung könnten dann nur noch über
       den Seeweg verlegt werden.
       
       ## Vorübergehende Besetzung von Nato-Gebieten
       
       Im Juni 2026 fanden investigative Journalisten heraus, dass Russland an
       seinen Grenzen zu Nato-Staaten – darunter auch zu den baltischen Ländern –
       Militärbasen baut, auf denen bis zu 115.000 Soldaten stationiert werden
       können.
       
       Seit dem Beitritt Litauens, Lettlands und Estlands entwickelt die Nato
       Verteidigungspläne für das Baltikum. Ein im Jahr 2020 verabschiedetes
       Konzept sah dabei eine vorübergehende russische Besetzung von Teilen der
       baltischen Staaten und Polens vor: Die dortigen Streitkräfte sollten den
       ersten Angriff abfangen, bis Verstärkung der Nato eintrifft und die
       verlorenen Gebiete zurückerobert werden.
       
       Laut der damaligen estnischen Ministerpräsidentin Kaja Kallas waren dafür
       bis zu 180 Tage vorgesehen. Nach den russischen Kriegsverbrechen in der
       Ukraine warnte sie, eine solche Besetzung würde für die baltischen Staaten
       bedeuten, „von der Landkarte getilgt“ zu werden.
       
       Die Nato hat offiziell nie bestätigt, eine vorübergehende Besetzung eigener
       Gebiete in Kauf zu nehmen. Auf dem Gipfel in Vilnius im Jahr 2023 beschloss
       das Bündnis dann eine neue Strategie: Eine Besetzung soll von Beginn eines
       Angriffs an verhindert werden. Zugleich soll die Nato-Präsenz in den
       baltischen Staaten von bislang rund 1.000 auf 3.000 bis 5.000 Soldaten pro
       Land wachsen.
       
       ## Schnelle Eingreiftruppe der Nato
       
       Im Falle eines russischen Angriffs dürfte vor allem die Allied Reaction
       Force, die schnelle Eingreiftruppe der Nato, zum Einsatz kommen. Ihre
       Stärke soll von 40.000 auf 300.000 Soldaten steigen. Die Truppe ist nicht
       dauerhaft im Baltikum stationiert, soll im Ernstfall aber innerhalb weniger
       Tage einsatzbereit sein.
       
       Den Beitritt Finnlands und Schwedens betrachtet die Nato als wichtigen
       Faktor für die Verteidigung der baltischen Staaten. Dadurch haben sich die
       Möglichkeiten verbessert, Truppen in Litauen, Lettland und insbesondere in
       Estland über die Ostsee zu versorgen. In Finnland wurde bereits eine
       Nato-Kampfgruppe in Bataillonsstärke, das heißt mit 300 bis 1.000 Soldaten,
       aufgestellt.
       
       Die Nato verspricht zudem, die baltischen Staaten vor Raketen- und
       Luftangriffen sowie Angriffen von See und aus dem Cyberraum zu schützen.
       Besonders hervorgehoben wird die Mission „Eastern Sentry“. Nachdem
       russische Drohnen und Flugzeuge im Jahr 2025 wiederholt in großem Umfang
       den Nato-Luftraum verletzt hatten, verpflichtete sich das Bündnis,
       zusätzliche Luftverteidigungssysteme, Flugzeuge, Hubschrauber und Fregatten
       an die Ostflanke zu verlegen.
       
       Nach Schätzungen des International Institute for Strategic Studies verfügen
       Lettland und Estland jeweils über rund 8.000 aktive Soldaten, Litauen
       verfügt über etwa 17.000, einschließlich Wehrpflichtiger. Unter
       Einbeziehung der jeweiligen territorialen Verteidigungskräfte ließe sich
       diese Zahl innerhalb kurzer Zeit um ein Vielfaches erhöhen.
       
       ## Wie würden die Nato-Verbündeten reagieren?
       
       Die entscheidende Frage ist, ob die Nato-Verbündeten im Falle einer
       Besetzung kleiner baltischer Grenzgebiete bereit wären, in einen Krieg mit
       Russland einzutreten. Zwar verpflichtet Artikel 5 die Nato-Staaten zur
       gegenseitigen Unterstützung, jedoch nicht automatisch zum Kriegseintritt.
       Jedes Mitglied entscheidet selbst, welche Hilfe es für notwendig hält.
       
       Wie die Verbündeten auf einen russischen Angriff reagieren würden, bleibt
       daher offen. [5][Das Institut Montaigne] hält sowohl ein geschlossenes
       Eingreifen der Nato als auch eine begrenzte Unterstützung der USA oder
       sogar einen Verzicht auf Hilfe durch einzelne Bündnisstaaten für möglich.
       
       Die Haltung der USA als mächtigstes Nato-Mitglied könnte entscheidend sein.
       Donald Trump hat die Verbündeten wiederholt kritisiert und sogar mit einem
       Austritt aus dem Bündnis gedroht. Die baltischen Staaten versuchen deshalb,
       zumindest eine kleine US-Truppenpräsenz auf ihrem Gebiet zu sichern.
       
       Sergej Potapkin vom Lettischen Institut für Internationale Beziehungen
       schreibt, dass damit jeder russische Angriff von Beginn an auch
       US-amerikanische Soldaten gefährden würde. Das würde den Preis einer
       Eskalation für den Kreml erheblich erhöhen und aus einer „europäischen
       Angelegenheit“ eine direkte Herausforderung für die USA machen.
       
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       9 Sep 2026
       
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