# taz.de -- Selenskyj warnt vor Flügen über Russland: Wie die Ukraine ihre Drohnenangriffe ausweiten will
> Der ukrainische Präsident Selenskyj deutet kommende Angriffe auf die
> zivile Luftfahrtinfrastruktur an. Reagieren ausländische Airlines darauf,
> trifft das Russlands Wirtschaft.
(IMG) Bild: Langstreckendrohnen des Typs An-196 Ljutyj stehen vor dem Start in einer Reihe an einem ungenannten Ort in der Ukraine
Die taz panterstiftung präsentiert unter [1][taz.de/unserfenster] jeden
Mittwoch eine wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus russischen
kritischen Medien. Mit diesem Projekt stärkt die taz panterstiftung
unabhängigen Journalismus und ermöglicht es kritischen Redaktionen, ihre
Arbeit auch unter schwierigen Bedingungen fortzuführen.
Meduza öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den
ganzen Beitrag [2][finden Sie hier auf Russisch].
Die Ukraine [3][setzt ihre Angriffe auf das russische Hinterland fort].
Neben Ölraffinerien und Lagerhallen geraten dabei zunehmend auch
Militärstützpunkte und Energieanlagen ins Visier. Der ukrainische Präsident
Wolodymyr Selenskyj hat zudem Angriffe auf die zivile
Luftfahrtinfrastruktur angedeutet. Doch wie wirksam ist diese Strategie und
welche Ziele könnten als Nächstes folgen? „Meduza“ analysiert die Logik
hinter den Angriffen.
Bisher hat die Ukraine vor allem Raffinerien, Treibstofftanks und
Warenlager angegriffen. Sie sind leicht entflammbar, großflächig und nur
schwer zu schützen. Bereits wenige Treffer können erhebliche Schäden
verursachen.
Zugleich lassen sich solche Anlagen nur schwer ersetzen oder dauerhaft
reparieren. Die Angriffe zerstören somit nicht nur teure Infrastruktur,
sondern stören auch ganze Produktions- und Lieferketten. Dies kann
Unternehmen, andere Wirtschaftszweige und den Staatshaushalt
beeinträchtigen.
Das gilt vor allem für Ölraffinerien. Ukrainische Drohnenattacken
[4][lösten im August bereits die zweite Benzinkrise aus]. Die saisonbedingt
hohe Nachfrage (wegen Ferienzeit und Ernte) verschärfte die Engpässe
zusätzlich. Ihr volles Ausmaß ist schwer abzuschätzen, die Auswirkungen
[5][auf die Stimmung in der Bevölkerung] sind jedoch bereits jetzt deutlich
spürbar.
## Putin mal wieder am Drohen
Nun brachte Selenskyj die zivile Luftfahrtinfrastruktur ins Spiel und
deutete Angriffe darauf an. Er erklärte, die Ukraine bedrohe nicht den
zivilen Flugverkehr selbst, doch die Menge russischer Drohnenangriffe
könnte dazu führen, dass sich der russische Luftraum „de facto schließt“.
Putin bezeichnete diese Aussage als „Ankündigung von Staatsterrorismus“ und
drohte mit einem Abbruch der Verhandlungen.
Die Erfahrung mit Angriffen auf die Luftfahrtinfrastruktur in anderen
Ländern zeigt: Flughäfen sind keine leichten Ziele. So griff der Iran
wiederholt Flughäfen in den Golfstaaten und im Nahen Osten an. Dadurch
wurden weder Flughäfen noch der Luftraum dauerhaft lahmgelegt, es kam meist
lediglich zu kurzen Unterbrechungen. Selbst nach direkten Drohnentreffern
konnten die Flughäfen den Betrieb nach wenigen Tagen wieder aufnehmen.
Im Mai griff die Ukraine auch einen wichtigen Knotenpunkt der russischen
Luftfahrtinfrastruktur in der Region Rostow an. Von dort aus koordinieren
Fluglotsen den Luftverkehr über weite Teilen Südrusslands. Mehrere
Flughäfen mussten daraufhin für einige Stunden schließen. Der Effekt war
somit kaum größer als bei den regelmäßigen vorsorglichen Sperrungen während
Drohnenangriffen. Für nachhaltige Störungen wären längerfristige Angriffe
nötig.
Selenskyj setzt möglicherweise darauf, dass bereits die Drohung den
Flugverkehr nach und über Russland einschränkt. Ob ausländische Airlines –
vor allem chinesische, arabische und indische – darauf reagieren werden,
ist jedoch unklar. Bislang profitieren sie erheblich vom russischen
Luftraum, der ihren Konkurrenten aus der EU und den USA weitgehend
verschlossen ist.
## Moskau schützt die Energieinfrastruktur
Ein weiteres mögliches Ziel ist die Stromversorgung, von der sowohl der
Alltag der Bevölkerung als auch weite Teile der Wirtschaft abhängen.
[6][Russland greift seit Jahren] vor allem im Herbst und Winter gezielt
ukrainische Kraftwerke und Stromnetze an.
Die bisherigen Angriffe zeigen, dass Drohnen Umspannwerke und
Transformatoren vorübergehend außer Betrieb setzen können. Um jedoch
größere Stromausfälle zu verursachen, müssten zahlreiche Anlagen
gleichzeitig getroffen werden. Die Schäden lassen sich vergleichsweise
schnell beheben, wenn Ersatzteile verfügbar sind.
Kraftwerke und Wärmeerzeugungsanlagen sind mit kleineren Drohnen nur schwer
zu beschädigen, Raketen wären dafür deutlich effektiver. Russland bereitet
sich offenbar bereits auf mögliche ukrainische Gegenangriffe vor. In Moskau
werden Umspannwerke mit physischen Schutzkonstruktionen gegen Drohnen
gesichert.
Für Angriffe auf militärische Ziele eignen sich die derzeitigen
ukrainischen Drohnen noch weniger, weil ihre Sprengkraft begrenzt ist und
sie mobile Ziele kaum bekämpfen können. Eine Ausnahme bilden Gebiete, die
von der russischen Armee besetzt sind. Dort haben ukrainische Terminals
Zugang zu Starlink.
## Erfolgreiche Angriffe auf Glasfaserwerk
Doch einige Drohnenangriffe waren auch erfolgreich. So trafen sie in der
Stadt Saransk Russlands einziges Werk zur Herstellung von Glasfasern. Wegen
der Beschädigungen soll die Produktion mindestens bis 2027 ruhen. Das
Material wird unter anderem für glasfasergesteuerte Drohnen benötigt, die
eine wichtige Rolle in der russischen Kriegsführung an der Front spielen.
Laut Selenskyj will die Ukraine ihre täglichen Drohnenangriffe auf Ziele
tief in Russland deutlich verstärken – von derzeit durchschnittlich 300 auf
bis zu 1.000 Drohnen. Diese Steigerung um das Zwei- bis Dreifache würde der
ukrainischen Armee mehr Spielraum bei der Auswahl ihrer Ziele geben und den
Druck auf Russlands Wirtschaft und Gesellschaft erhöhen.
Eine solche Ausweitung wäre jedoch mit erheblichen finanziellen und
organisatorischen Problemen verbunden, wie auch Kyjiw einräumt. Spielraum
für Fehlentscheidungen gibt es kaum, denn die Produktion von
Langstreckendrohnen bindet einen beträchtlichen Teil des ohnehin begrenzten
ukrainischen Militärbudgets, das wiederum maßgeblich von westlicher
Unterstützung abhängt.
Mit Ihrer [7][Spende an die taz panterstiftung] helfen Sie, kritischen
Journalismus zu stärken und auch unter schwierigen Bedingungen zu
ermöglichen.
2 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Unser-Fenster-nach-Russland/!t5916992
(DIR) [2] https://meduza.io/feature/2026/09/02/chto-oznachaet-ugroza-zelenskogo-zakryt-nebo-nad-rossiey-i-po-kakim-tselyam-mogut-udarit-vsu-posle-npz-i-skladov-ozon-i-wildberries
(DIR) [3] /Angriff-auf-russischen-Onlinehaendler/!6201811
(DIR) [4] /Treibstoffkrise-in-Russland/!6194360
(DIR) [5] /Ausnahmezustand-auf-der-Krim/!6192229
(DIR) [6] /Unser-Fenster-nach-Russland/!6208726
(DIR) [7] https://secure.spendenbank.de/form/1705?langid=1--
## AUTOREN
(DIR) Tigran Petrosyan
## TAGS
(DIR) Unser Fenster nach Russland
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Kreml
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) GNS
(DIR) Versandhandel
(DIR) GNS
(DIR) Unser Fenster nach Russland
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Unser Fenster nach Russland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Russische Mobilmachung: „Russlands Verluste sind außerordentlich hoch“
Zuletzt gab es nur wenig Bewegung auf dem Schlachtfeld in der Ukraine, sagt
der US-Militärexperte Samuel Charap. Eine technische Entwicklung könnte das
ändern.
(DIR) Massenüberwachung in Russland: Der perfekte Anlass für den Kreml
In Russland hat die Zahl der minderjährigen Straftäter zugenommen. Die
Behörden nutzen dies als Vorwand für eine flächendeckende Überwachung.
(DIR) Angriff auf russischen Onlinehändler: Milliardenverluste für Putin
Ukrainische Drohnen haben mehrere Lagerhäuser des russischen
Versandhändlers Wildberries zerstört, der Schaden liegt im
Milliardenbereich. Und der Kreml? Schweigt.