# taz.de -- Comeback der Sitcom mit „Leanne“: Humor in Krisenzeiten
       
       > Komplexe Dramen haben in den vergangenen Jahren die Sitcom verdrängt.
       > Jetzt feiert das Genre mit Serien wie „Leanne“ ein kleines Comeback.
       
 (IMG) Bild: Szene aus der zweiten Staffel von Leanne
       
       Als vergangene Woche in Los Angeles zum 78. Mal die Primetime Emmy Awards
       verliehen wurden, konkurrierten im Bereich Comedyserien wie „Hacks“,
       „Widow’s Bay“ oder „The Bear“ um den [1][wichtigsten Fernsehpreis.] Alles
       humorvolle Serien, keine Frage. Aber auch sehr weit weg von klassischen
       Sitcoms, aufgenommen vor Studiopublikum und ausgestrahlt mit eingeblendeten
       Lachern, die früher das Programm und auch die Emmys dominierten. Vollkommen
       verschwunden ist diese Form der Comedyserie allerdings nicht, wie etwa die
       Sitcom „Leanne“ beweist, deren zweite Staffel gerade bei Netflix gestartet
       ist.
       
       Die Liste der Sitcoms, die Fernsehgeschichte geschrieben haben, ist lang
       und umfasst so unterschiedliche Serien wie „I Love Lucy“, „Mary Tyler
       Moore“, „Cheers“, [2][„Friends“] oder „How I Met Your Mother“. Dass das
       Format auf den Bildschirmen zusehends seltener wurde, war allerdings eine
       schleichende Entwicklung, die ihren Anfang ausgerechnet mit dem Beginn des
       sogenannten goldenen Serienzeitalters vor rund 25 Jahren nahm.
       
       Komplexe, mutige Dramen wie „Mad Men“ oder „Breaking Bad“ waren in aller
       Munde, produziert von Kabel- und Pay-TV-Sendern, und alles, was ganz
       gewöhnlich im frei empfangbaren US-Fernsehen lief, galt als altmodisch und
       zu sehr an der breitest möglichen Masse orientiert. Das bewährte
       Sitcom-Konzept – mit mehreren Kameras im Studio gefilmt und Lacher vom
       Publikum – schien plötzlich uncool, sodass selbst die großen Sender
       irgendwann anfingen, sich an anderen Comedyserien zu versuchen. „The
       Office“, „30 Rock“ oder selbst „Modern Family“ setzten auf einen anderen
       Look und bissigeren Humor, selbst wenn parallel auch noch „The Big Bang
       Theory“ für Quoten sorgte.
       
       ## Lustig, aber anspruchsvoll
       
       In der Streaming-Ära intensivierte sich dieser Trend, denn dort wollte man
       erst recht alles ein bisschen anders machen als im normalen Fernsehen. Und
       so setzte man noch mehr auf Produktionen, die nicht in herkömmliche
       Schubladen passten, auf High-Concept-Ideen und Genreübergreifendes. Die
       Grenzen zwischen Comedy und Drama vermischten sich immer mehr, auch weil
       klassische Zeitvorgaben (eine knappe halbe Stunde für eine Comedy, rund 60
       Minuten für ein Drama) hinfällig geworden waren.
       
       Mit medialer Aufmerksamkeit und Preisen wurden zuletzt eigentlich nur noch
       Serien bedacht, die zwar leichtfüßig und amüsant waren, aber von Sitcoms
       kaum weiter hätten entfernt sein können. Nicht nur die schon erwähnten „The
       Bear“ oder „Hacks“, sondern auch „Marvelous Mrs. Maisel“, [3][„Emily in
       Paris“], „Only Murders in the Building“ oder „The Studio“.
       
       Komplett zu Grabe getragen wurde die Sitcom allerdings nie. In den USA ging
       etwa erst im Mai nach acht Staffeln „The Neighborhood“ zu Ende (und hatte
       auf dem Sender CBS bis zum Schluss mehr Zuschauer*innen als „NCIS“ oder
       „Elsbeth“), bei Netflix lief zuletzt fünf Jahre lang „The Upshaws“ über
       eine Schwarze Arbeiterklassefamilie. Und dort ist nun auch „Leanne“ zu
       sehen, eine klassische Sitcom, die in vieler Hinsicht an den 90er-Hit
       „Roseanne“ erinnert.
       
       ## Das Sofa in der Mitte, die Lacher aus dem Off
       
       Ihren Titel verdankt die Serie der in den letzten Jahren in den USA populär
       gewordenen Komikerin Leanne Morgan, und sie erzählt nun ausgehend von ihrem
       eigenen Leben und ihrer Persona von einer religiösen Südstaatenhausfrau,
       nicht mehr ganz jung, die sich gerade von ihrem Ehemann trennt und
       ansonsten mit ihrer Schwester, ihren Eltern und den erwachsenen Kindern
       beschäftigt ist. Produziert wird „Leanne“ von Chuck Lorre, der damals eben
       bei „Roseanne“ begann und später auch hinter „Two and a Half Men“, „Big
       Bang Theory“ oder „Mom“ steckte.
       
       Und genauso altbekannt sieht auch alles aus: Wohnzimmerkulisse mit Sofa in
       der Mitte, zwischen den Szenen ist das Haus von außen eingeblendet und nach
       den Pointen lassen die Schauspieler*innen genug Zeit für die Lacher des
       Publikums. Der Humor dieser Familiensitcom ist eher harmlos und ein
       bisschen unterkomplex. Aber in dieser Vertrautheit wirkt das, auch dank
       Morgan als Protagonistin, irgendwie bescheiden und sympathisch, ja fast
       entschleunigt.
       
       Die Anzeichen dafür, dass die Sitcom wieder Land gewinnt, nehmen zu. Bei
       Disney+ versuchte man sich an „Mid-Century Modern“, es gab Ableger von „Big
       Bang Theory“ und eine Neuauflage von „Frasier“. Und im Oktober startet in
       den USA eine mit Spannung erwartete Beziehungssitcom namens „Newlyweds“,
       prominent besetzt mit Téa Leoni, ihrem Ehemann Tim Daly (der übrigens auch
       in den neuen „Leanne“-Folgen auftaucht) und Jamie Lee Curtis, die das Ganze
       auch produziert hat.
       
       Gründe für dieses kleine Comeback gibt es einige, angefangen mit dem
       Bedürfnis nach mehr Humor in Krisenzeiten wie den aktuellen, das durch eine
       Serie über den Stress in Restaurantküchen vielleicht nicht ganz erfüllt
       wird. Außerdem ist derzeit in Hollywood ganz allgemein zu beobachten, dass
       der Trend weggeht von Experimenten und allzu progressiven Geschichten und
       man bewusst versucht, sich auch wieder an ein eher konservativeres Publikum
       jenseits der Metropolen zu wenden.
       
       Und dann ist da natürlich noch ganz allgemein das Thema Nostalgie, an dem
       in der Unterhaltungsindustrie wirklich kein Weg mehr vorbeiführt. Das
       Publikum wird aktuell gerne daran erinnert, wie es sich früher vor dem
       Fernseher gefühlt hat, und dazu gehören eben nicht nur bekannte Gesichter,
       sondern auch verlässliche Erzählstrukturen wie die einer Sitcom. Gerade die
       Streamingdienste haben längst realisiert, dass zu den meistgesehenen
       Sendungen auf ihren Plattformen oft nicht nur die neusten Prestigeprojekte
       gehören. „Friends“, „Two and a Half Men“ oder „Seinfeld“ sind weiterhin die
       absoluten Renner, und von dort mit ein paar Klicks zu ähnlichen, aber neuen
       Serien weiterzuleiten, erscheint eine vielversprechende Taktik.
       
       Aktuell fahren Netflix und Co zweigleisig. Denn wenn zum Beispiel in ein
       paar Wochen „A Different World“ startet, die späte Fortsetzung der von 1987
       bis 1993 ausgestrahlten Sitcom „College Fieber“, erinnert visuell kaum
       etwas an das Original. Und Gelächter ist auch keines zu hören.
       
       22 Sep 2026
       
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