# taz.de -- Me Time und Ambient Time: Wer wie „Friends“ leben will, muss Friend sein
       
       > Plötzlich wollen alle allein sein und sich gut fühlen. Geht das oder
       > sieht das nur gut aus? Es gibt Alternativen – und die sind sogar gesund.
       
 (IMG) Bild: „Friends“ im TV: Chandler Bing, Rachel Green, Ross Geller, Monica Geller, Joey Tribbiani und Phoebe Buffay
       
       Du fühlst dich gestresst von den unbeantworteten Nachrichten auf deinem
       Handy. Es ist okay, nicht zu antworten.“ „Deine Freundin feiert Geburtstag,
       aber du hast null Socialising-Energie? Sag ab!“ „Eigentlich müsstest du in
       fünf Minuten los zu deiner Verabredung, aber dir ist lieber nach Me Time
       auf der Couch? Gönn sie dir!“
       
       Ich glaube, wer alle Tipps umsetzt, die er bei Instagram zu Freundschaften
       liest, hat bald keine Freund:innen mehr. Denn der Trend zum
       Hyperindividualismus hört nicht bei gut gemeinten Ratschlägen auf. In
       letzter Zeit begegne ich vermehrt Videos von „Loneliness Influencern“.
       Meist Frauen, die das Alleinsein romantisieren. Sie zeigen sich beim Kuchen
       essen im Café, beim Kuscheln mit der Katze oder wie sie Alltagsaufgaben
       erledigen – immer allein. Die Videos tragen Titel wie: „POV: Du lebst in
       New York, hast keine Freunde und verbringst deinen Samstag so.“
       
       Natürlich ist nichts Schlimmes dabei, Zeit alleine zu verbringen. Aber
       hinter der „no friends aesthetic“ verbirgt sich eine traurige Realität:
       Junge Menschen haben immer weniger Freunde, viele von ihnen fühlen sich
       einsam. Das ist nicht nur traurig, weil ihnen das Schönste der Welt
       entgeht, sondern auch gefährlich. [1][Einsamkeit schadet uns Menschen.]
       
       Die meisten wollen Freund:innen haben. Aber wieso haben sie keine? Fragt
       man Expert:innen kommen sie schnell aufs Smartphone zu sprechen. Die
       analogen Kontakte gehen bedingt durch das Handy immer weiter zurück. Und
       wenn die fehlen, fehlen irgendwann auch die Freundschaften.
       
       ## Wunsch nach Me Time
       
       Ganz sicher ist da etwas dran, doch ich begegne oft einem anderen
       Widerspruch. Viele schwärmen von den Freundschaften in [2][„Friends“.] Sie
       wollen wie Monica, Phoebe, Rachel, Joey, Chandler und Ross ständig Zeit
       miteinander verbringen. Doch in der Realität priorisieren sie oft Me Time.
       Aber glauben wir wirklich, dass es uns mehr Entspannung bringt, drei
       Stunden auf der Couch Doomscrolling zu betreiben anstatt Zeit mit unseren
       besten Freund:innen zu verbringen?
       
       Ein Grund für den Wunsch nach Me Time, neben unserem vom Kapitalismus
       diktierten Alltag, liegt in der Eventisierung von Freundschaft. Hat man als
       Teenie einfach rumgehangen, verändern sich die Treffen mit unseren
       Freund:innen, wenn wir älter werden. Wir verabreden uns zum Kino, gehen
       gemeinsam ins Restaurant oder machen einen drauf. Und: Verstehen Sie mich
       nicht falsch, ich liebe Kino, Restaurants und Bars, aber manchmal ist es zu
       viel, etwas zu unternehmen. Zuhause rumhängen geht auch gemeinsam.
       
       Kürzlich habe ich in einen Begriff gelernt, der uns aus der Misere befreien
       kann. Die Musikerin Amelia Meath schwärmt im Podcast „Mentor Buffet“ von
       „Ambient Time“. Zeit, die man mit Freund:innen verbringt, ohne etwas zu
       tun. Zwei Personen bereiten das Abendessen zu, andere puzzeln oder lesen
       ein Buch.
       
       In meinem Leben gibt es mehr „Ambient Time“, seit [3][Kinder in den
       Freundeskreis gekommen sind.] Jetzt verabreden wir uns um 9 Uhr zum Kaffee
       und verbringen dann ungeplant den ganzen Tag miteinander. Wir liegen auf
       dem Boden umgeben von Duplosteinen und Brezelkrümeln, mal redend, mal
       schweigend, oft lachend. Wir hängen im Hof rum, während einer die Wäsche
       aufhängt, die andere Kaffee trinkt oder mit den Kindern im Sandkasten
       spielt. Doch für „Ambient Time“ braucht es keine Kinder, es braucht nur
       Willen.
       
       Vor Kurzem wurde ich dann mit einer Liebeserklärung überrascht. Ein guter
       Freund schickte uns ein Foto einer Klotür, auf die wer gekritzelt hatte:
       „tell you friends you love them today <3“. Dazu schrieb er: Es ist alles
       furchtbar gerade, aber das habe ich auf dem Klo eines Cafés gelesen und
       gedacht, das mache ich gleich mal, also: <3 you, schön dass es euch gibt.“
       Weisheiten auf Klotüren sind eben manchmal hilfreicher als Instagram.
       
       4 Oct 2026
       
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