# taz.de -- Schule und Politik: Gefühl der Atemlosigkeit
> Wie reagieren Schülerinnen und Schüler auf die politische Weltlage und
> die Ereignisse nach den Wahlen? Wir haben Lehrer gebeten, das
> aufzuschreiben.
(IMG) Bild: Die politische Stimmung im Land ist auch in der Schule spürbar
Das Land rückt nach rechts, junge Menschen wachsen mit autoritären
Positionen auf. Was heißt das für den Bildungsauftrag an Schulen? Zwei
Politiklehrer aus Berlin und Brandenburg berichten von jetzt an regelmäßig
an dieser Stelle, wie sie dem im Unterricht begegnen. Darüber hinaus
engagieren sie sich in einem Bildungsverein, der Unterrichtsmaterial frei
zugänglich macht: dem Arbeitskreis Kritische Bildung.
Es ist Sonntagabend, der 6. September 2026. [1][In Sachsen-Anhalt wurde
gewählt]. Die AfD hat ihren Stimmanteil verdoppelt und mit 43,8 Prozent den
höchsten Wert ihrer Parteigeschichte erreicht. Die Welt bewegt sich. Die
Schulwoche beginnt morgen. Ich werde mit vier Klassen darüber sprechen. Ich
spüre schon vor Beginn des Unterrichts die aufgekratzte Stimmung in den
Klassen – ein zeithistorisches Ereignis.
Aktuell habe ich dieses Gefühl alle drei Monate. Es ist ein Gefühl der
Atemlosigkeit in der sich verändernden Gegenwart. Als Lehrer für Politik
und Philosophie spüre ich eine besondere Dringlichkeit, Deutungsangebote
für diese Ereignisse zu ermöglichen. Die Schüler:innen wünschen sich
Orientierung in der Überforderung, sie sehnen sich nach Ordnung im Chaos
der Gegenwart. Ich spüre eine starke Verantwortung. Ich würde sie
antifaschistische Verantwortung nennen.
Zurück zum Montag: Ich merke, dass schon die Siebtklässler spalterisch und
abwertend über die Wähler:innen der AfD höhnen. „DIE SIND SO DUMM WIE
AFFEN“, höre ich in der Menge vor Unterrichtsbeginn. Ich spüre, dass ich
ordnen möchte: Was brauchen die Schüler:innen von mir? Ich denke, dass
ich zuerst die voreilige Pauschalbewertung herausstellen muss, um dann zu
einer inhaltlichen Analyse zu kommen. Die Schüler:innen sollen den Weg
ins eigene Denken finden. Sie müssen lernen, die Gegenwart anhand eigener
Werte zu prüfen und zu beurteilen. Dieses vereinfachte Freund-Feind-Denken
hilft hier nicht weiter. Die Schüler:innen finden die AfD-Wähler:innen
doof, weil sie sie hassen. Das ist kein Standpunkt, sondern spalterisches
Denken.
## Viele Inhalte auch in der Regierung
Der Unterricht beginnt. Die Schüler:innen können auswendig die genauen
Wahlergebnisse aufsagen, und aus ihnen sprudeln Argumente heraus, mit denen
sie die AfD verteufeln. Ich nehme den Impuls auf und ziehe auf dem
Whiteboard eine rote Linie. Auf der einen Seite die AfD und auf der anderen
Seite die anderen Parteien. Das erste Argument, das heute alle Klassen
nennen, sind die entgrenzten Abschiebepläne. Das schreibe ich zunächst auf
die Seite der AfD. Aber Moment: Viele der Inhalte, die die Schüler:innen
erschüttern, finden wir auch bei den Regierungsparteien. [2][69
abgeschobene Afghanen] zelebriert Horst Seehofer an seinem 69. Geburtstag.
Also wandert dieses Argument auch auf die Seite der „Freunde“. Beruhigung
finden wir in dieser Erkenntnis nicht. Die inhaltliche Fokussierung dämpft
aber die Hysterie.
Die Analyse mit der roten Linie wiederhole ich auch in den folgenden
Klassen. Ein Punkt bleibt jedes Mal nur bei der AfD stehen: Der
Landesverband Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz als „[3][gesichert
rechtsextrem]“ eingestuft.
Ich weiß selbst nicht so recht, wie es mir damit geht. Dieser wütende Mob,
der sich nicht mehr daran stört, gewaltbereite Neonazis zu Abgeordneten zu
wählen. Ich merke, wie ich gedanklich stolpere. Bin ich hier gerade nicht
selbst in das Denken der polternden Siebtklässler gefallen? Ist das nicht
einfach eine andere Formulierung für eine pauschale Abwertung der
AfD-Wähler:innen? Dieser Montag in der Schule fühlt sich lang an.
Am Abend spüre ich dem Tag nach. Im Klassenraum war ich gefasst und
konzentriert. Heute Abend spüre ich Mitgefühl mit meinen Schüler:innen, die
heute wieder einmal in ihrer jugendlichen Unbeschwertheit erschüttert
wurden. Ich sehe aber auch, dass sie die historischen Turbulenzen fast
schon routiniert tragen. Es ist ihre Normalität. Sie kennen nichts anderes.
Morgen ist der nächste Schultag in dieser turbulenten Normalität.
22 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /AfD-und-Beamte/!6214993
(DIR) [2] /Podcast-So-nicht-bestellt/!6202648
(DIR) [3] /Nach-dem-Sieg-der-Linken-in-Berlin-Und-sofort-wird-wieder-Hufeisentheorie-hervorgekramt/!6215025
## AUTOREN
(DIR) Oscar Lindloff
## TAGS
(DIR) Bildung
(DIR) Schule
(DIR) Lehrerausbildung
(DIR) Kolumne Keine neutrale Schule
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Melonis Pläne für Schulen: Minderheitsverwirrung in Italien
Italiens Regierungschefin Meloni will den Anteil ausländischer Kinder in
Schulklassen begrenzen. Umgesehen hat sie sich an den Schulen wohl nicht.
(DIR) Erstwähler in Berlin: Tendenz links
Die Mieten und der Rechtsruck sind die großen Themen bei vielen
Erstwähler*innen. Eine nicht repräsentative Befragung vor Wahllokalen in
Marzahn und Lichtenberg.
(DIR) Richtig gute Leute: Antifa mit Popcorn
Die Lehrerin Hanka Gatter leitet einen Kurs gegen Rassismus, ehrenamtlich
berät sie Geflüchtete in einem Café in Parchim.
(DIR) Grüne gründen Jugendbeirat: Forever Young
Die Grünen wollen wieder einen Draht zu jungen Leuten bekommen. Die
Bundestagsfraktion holt sich dafür Berater – von Pfadfindern, Landjugend
und BUND.