# taz.de -- Erstwähler in Berlin: Tendenz links
> Die Mieten und der Rechtsruck sind die großen Themen bei vielen
> Erstwähler*innen. Eine nicht repräsentative Befragung vor Wahllokalen in
> Marzahn und Lichtenberg.
(IMG) Bild: Knapp 55.400 Jugendliche durften diesen Sonntag zum ersten Mal wählen
Die Sonne scheint, einige Wähler*innen verweilen nach dem Urnengang noch
etwas auf dem Schulhof vor der Marcana-Schule. Marzahnerin Liza Haegerf
wohnt um die Ecke, mit ihrer Wahlentscheidung hat es sich die 22-Jährige
nicht leicht gemacht. Sie habe sich sogar die Wahlprogramme der Parteien
durchgelesen, die für sie infrage kommen, erzählt sie schmunzelnd. Und
Fernsehen geschaut, zusammen mit ihrer Partnerin (25): „Auf BerlinTV habe
ich mir einige Debatten angeschaut.“
Die Marcana-Schule in Marzahn beherbergt vier Wahllokale, die von ungefähr
42 Wahlhelfer*innen ehrenamtlich versorgt werden. Ein erfahrener
Wahlhelfer sagt gegen Mittag, man bemerke noch nicht, dass dieses Mal schon
16-Jährige wählen dürfen: „Ich glaube, die kommen erst um vier.“
## Erstwähler*innen ab 16 Jahren
Da kommt eine Erstwählerin mit ihrer Familie. Hat sie sich denn vorher
ausgiebig informiert? „Nö, ich wähle einfach Tierschutz und fertig.“ Ist
das eher so wie ihre Familie oder Freund*innen? „Weder noch.“ Besonders
aufregend findet sie das heute nicht.
Für diese Abgeordnetenhauswahl dürfen Jugendliche ab 16 Jahren erstmals
ihre Stimme abgeben. Das war zuvor schon bei der Wahl zu den
Bezirksverordnetenversammlungen (BVV) und bei der EU-Wahl möglich. Bei der
Wahl für das Landesparlament galt bisher ein Mindestaltalter von 18 Jahren.
Wahlberechtigt sind alle, die vor dem 21. September 2010 geboren sind –
also auch diejeniigen, die am Wahltag Geburtstag feiern. Nach den
offiziellen Berliner Meldedaten dürfen an der Wahl zum Abgeordnetenhaus
knapp 55.400 Jugendliche ab 16 teilnehmen – angesichts von insgesamt rund
2,5 Millionen Wahlberechtigten eine eher kleine Gruppe. Beim Beschluss im
Abgeordnetenhaus 2023 argumentierten die Befürworter von CDU, SPD, Grünen
und Linken, damit werde jüngeren Menschen mehr politische Mitbestimmung
ermöglicht und die Demokratie gestärkt. Die AfD lehnte das Vorhaben ab.
## „Leider“ links wählen
Nadine Özdemir wählt normalerweise die AfD, sagt die 40-Jährige. Aber bei
dem, was die AfD für Berlin vorhabe, müsse sie jetzt „leider“ ihre Stimme
an die Linken abgeben. „Ich hoffe, dass sie mal was ändern, auch was die
Mieten und die Lebensmittelpreise angeht.“ Ein offensichtlich aufregender
Wahlgang für die Lichtenbergerin.
Ihre 10-jährige Tochter ist mit zum Wahllokal gekommen. Auch für sie habe
sie gewählt, so die Mutter – wegen der Situation in der Schule. „Die haben
gar keinen Computerraum in der Schule.“ Die Tochter korrigiert: „Doch,
einen Computerraum gibt es“, aber ein anderer Medienraum fehlt ihr. Özdemir
hat zwei Töchter, die ältere müsse heute noch wählen gehen, „die liegt aber
noch im Bett!“
Vor der Wahl gab es viele Diskussionen in der Familie von Nadine Özdemir,
erzählt sie weiter. Ihre Familie wähle „halb-halb“, zwischen AfD und
Linken. „Meine Eltern kamen als Gastarbeiter her und haben das Land mit
aufgebaut.“ Alle in ihrer Familie arbeiteten viel: in der Pflege, bei der
Polizei, oder wie sie im Mode-Einzelhandel, wo sie in doppelter Schicht
eine Filiale leite. „Wir möchten nicht mit anderen Ausländern verglichen
werden.“ Es sei für sie nicht „in Ordnung, nur zu Hause zu sitzen.“ Sie
kommt gebürtig aus Stuttgart, auch dort wählte sie – bis heute – immer AfD.
## Auch ohne deutschen Pass wählen
Giulia Cialé und Giaccomo Ruisi können im Alter von 28 Jahren heute zum
ersten Mal in Berlin wählen. Sie leben seit fünf Jahren in Deutschland und
dürfen auch ohne deutschen Pass die Bezirksverordnetenversammlung wählen.
„Das ist ein gutes Gefühl.“ Sie planten nämlich, länger hier zu leben. Den
Prozess der Einbürgerung wollen sie demnächst beginnen. „Dann können wir
uns an noch mehr Wahlen beteiligen.“
Sie wählen heute beide die Linke, sagen sie. Für Cialé machen sie Politik,
„die an die normalen Leute gerichtet ist, die jeden Tag aufstehen und zur
Arbeit fahren.“ Informiert haben sie sich auf Social Media, mit den
Werbezetteln der Parteien, und auf Youtube. Ihre Freund*innen wählen
ähnlich, anders ihre Familien: Ruisi sagt, sein Vater wähle ganz anders.
„Aber mein Opa eher so wie ich!“
[1][In 120 Wahllokalen kann man an diesem Sonntag zweimal wählen]: Für die
ARD-Wahlprognose am Sonntagabend um 18 Uhr kreuzt man nochmal die eigene
Stimme auf einem Umfrage-Wahlzettel an und schmeißt ihn in eine blaue Urne
aus Papier.
Eine dieser Urnen betreut Werner Mengel (69) in der Marcana-Schule. Er
arbeitet als Korrespondent für Infratest Dimap, die von der ARD beauftragt
wird. Er verdient sich damit ein kleines Honorar. „Macht schon Spaß, die
Leute sind ja ganz nett.“ Am Morgen habe es mehr Bereitschaft gegeben, am
Mittag lasse es nach und die Wähler*innen haben es eilig. „Das zieht
sich jetzt etwas.“ Hatte er eine Art Briefing für diesen Job? „Das hier ist
meine Schulung!“ – er kramt einen Stapel DIN-A4-Seiten hervor, eine
Amtsmitteilung zur Wahl.
## Linke gegen den Rechtsruck
In Lichtenberg wählt eine 17-Jährige zum ersten Mal in der Robinson-Schule.
Ihr Look ist wohl New Wave, um die Augen trägt sie verschiedenfarbige
Pünktchen. Ihre Eltern schlendern schon weiter. Sie hat vor der Wahl viel
mit Freund*innen gesprochen. „In der Schule haben wir die Wahlprogramme
gelesen.“ Sie ist auf dem Oberstufenzentrum, um ihren Abschluss
nachzuholen. Die politischen Meinungen in ihrer Schulklasse seien „relativ
einstimmig“: BSW, Linke, Tierschutz. Sie wählt heute die Linke, vor allem
gegen den Rechtsruck. „Sonst hätte ich auch eine Kleinpartei gewählt. Aber
um was dagegen zu machen, muss man dann schon Parteien mit Einfluss
wählen.“
Eine junge Hijabi wählt heute auch die Linke. „Ich habe mich auf Social
Media informiert. Kennen Sie Marcant?“ fragt sie. „Ich bin nicht so der
Fernsehmensch.“ Wie für viele, die die taz an diesem Wahltag fragt, sind
die wichtigsten Themen auch für sie: Wohnraum und Miete. Ihre Familie wähle
eher anders. Mit ihren Freund*innen habe sie viel diskutiert,
insbesondere seit der Wahl in Sachsen-Anhalt.
Auch eine andere Wählerin nennt die Wahl in Sachsen-Anhalt als wichtigen
Moment. In ihrem Umfeld seien alle politisch interessiert, da komme das
Thema automatisch auf. Besonders seit der Wahl in Sachsen-Anhalt. Sie
wohnte vorher im Wedding. Die 32-Jährige machte den Wahl-O-Mat, informierte
sich aber auch in Zeitungen. Sie fand auch Gegenüberstellungen von Parteien
auf Instagram sehr ansprechend. KI hat sie auch befragt zu den Themen, die
sie interessieren. Das „geringste Übel“ war auch für sie jetzt, die Linke
zu wählen: „Solange sich rechts noch stärker entwickelt.“
20 Sep 2026
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(DIR) [1] /Wahl-Berlin-und-Mecklenburg-Vorpommern/!6214068
## AUTOREN
(DIR) Adam Schwedhelm
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