# taz.de -- Richtig gute Leute: Antifa mit Popcorn
> Die Lehrerin Hanka Gatter leitet einen Kurs gegen Rassismus, ehrenamtlich
> berät sie Geflüchtete in einem Café in Parchim.
(IMG) Bild: Ein großes Team kümmert sich um das Café für Geflüchtete in Parchim
Popcornmaschine, rechtsradikale Mode oder eine Demo für Vielfalt: Die
Jugendlichen der [1][Freien Schule Güstrow] bestimmen selbst, wie sie den
Nachmittagskurs nutzen. „Wir machen auch einfach Sachen, die uns Spaß
machen: Graffiti oder Siebdruck“, erzählt die Lehrerin Hanka Gatter, die
den Kurs anbietet.
Seit 13 Jahren gibt es den Kurs im Rahmen des Netzwerks [2][Schule ohne
Rassismus – Schule mit Courage]. „Es geht darum, miteinander Spaß zu haben.
Die Werte, die hinter Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage stehen, zu
teilen auf fröhliche, spaßige, angenehme Weise.“ Zuletzt feierten sie alle
zusammen auf einem Festival und haben dort ihren eigenen Bratwurststand
betrieben. Eingeladen wurden sie dazu von ihren Paten, die der
Nachmittagskurs selbst ausgesucht hat: [3][von der Band Feine Sahne
Fischfilet].
„Die Jugendlichen bestimmen, was relevant ist und worauf sie aufmerksam
machen können.“ Dieses Jahr haben sie selbst eine Demonstration in Güstrow
organisiert. Motto war: „Wir stehen zusammen. Feministisch, queer,
solidarisch & antifaschistisch!“ So wünschen sie sich das Zusammenleben in
der Stadt. Und auch in der Schule fällt der Kurs auf, etwa mit „Popcorn and
Talk“: mit Popcornmaschine und Getränken gehen sie durch die Klassen und
klären über rechtsradikale Mode und Musik auf.
## In Güstrow als Lehrerin, in Parchim im Ehrenamt
60 Kilometer weiter setzt sich Hanka Gatter auch ehrenamtlich ein, hier für
ihr „Herzensprojekt“: ein interkulturelles Café in Parchim. Einen
Anlaufpunkt für Menschen, die wegen Migration und ihren Asylverfahren mit
den Ämtern hadern und Hilfe suchen – oder auch einfach nur plauschen
wollen: „Da kann man dann schön sitzen und Kaffee trinken.“
Begonnen hatte es damit, dass Gatter regelmäßig zu Freund*innen und
Bekannten nach Hause ging, um den Briefverkehr mit den Ämtern zu
bewältigen. Seit vier Jahren nutzt sie dafür die Parchimer Räumlichkeiten
der Partei Die Linke. Seitdem helfen viele mit. „Ich habe das zwar
organisiert und hab den Hut auf, aber wir sind eine feste Gruppe. Der
Nachmittag wird nicht von mir organisiert, sondern das kommt immer von den
Leuten selbst.“ Wichtig sei Gatter: „Nicht für, sondern immer mit und durch
sie selbst.“
Das interkulturelle Café ist ein Projekt des „Netzwerks für Flüchtlinge,
Demokratie und Toleranz Parchim“, dessen Vereinsvorsitzende Gatter auch
ist. Darüber organisieren sie unter anderem auch einen Anlaufpunkt für den
Tausch von Bezahlkarten: Menschen tauschen Bargeld gegen Einkaufsgutscheine
für Supermärkte ein. Seit 2024 bekommen Asylbewerber*innen ihre
Leistungen nämlich in Form von Bezahlkarten ausgezahlt. Durch die Aktion
soll ihnen Autonomie zurückgegeben werden, über finanzielle Ausgaben selbst
bestimmen zu können.
## Häme und Provokation hinterm Glasfenster
Das Café im Parteibüro wird auch oft Ziel von Häme und provokanten Gesten.
Denn es ist im 13.000-köpfigen Parchim sehr sichtbar. Die Glasfenster gehen
bis zum Boden, es lässt sich gut reinschauen. Zum Glück sei noch niemand
angegriffen worden. Aber die Cafébesucher*innen berichten regelmäßig
von Bedrohungen im Alltag. Letzten Sommer gab es einen Vorfall, „das war
nicht mehr witzig“, sagt Gatter. An der Wohnungstür hätten sich Menschen
als zivile Polizisten ausgegeben, die zur Abschiebung kommen. „Das war ein
Fake. Ein echter rassistischer Scherz. Aber die Familie war außer sich.“
Ist Engagement gegen das Asylsystem nicht ohnehin ein Kampf gegen
Windmühlen? „Ganz wichtig ist Ehrlichkeit.“ Wenn Menschen mit einem
Negativbescheid kämen, könnten sie sie an Beratungsstellen vermitteln,
„damit das professionell begleitet wird“, so Gatter. „Denn das geht über
unsere Kompetenzen hinaus. Wichtig ist, dass wir ehrlich sind, wenn wir
etwa wissen: Es gibt keine Bleibeperspektive.“ Auch das wollen sie
begleiten. „Manchmal heißt das, zusammen sitzen und weinen.“
Neulich wurde der Güstrower Nachmittagskurs mit dem Integrationspreis des
Landes Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet. Am Dienstag darauf legte
[4][der Influencer Marcant] an der Schule einen Stopp auf seiner Tour vor
den Wahlen ein.
Die Zukunft „bewegt nicht nur mich und die Gäste unseres Cafés“. Eine
Person, die regelmäßig ins Café kommt, schrieb ihr gerade am Abend vor dem
Gespräch völlig verängstigt. „Wenn die AfD hier an die Macht kommt ist, was
heißt das dann für sie und ihre Familie, die keinen sicheren
Aufenthaltsstatus haben?“, fragt sich Gatter. Das mache Angst und
Unsicherheit bei Menschen mit Migrationsgeschichte. Auf der anderen Seite
möchte Gatter weiter schauen: „Die Angst soll nicht der alleinige Ratgeber
sein. Wir sind doch relativ viele und können uns gegenseitig halten.“ So
wie im Café in Parchim.
19 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://freie-schule-guestrow.de/
(DIR) [2] https://www.schule-ohne-rassismus.org/
(DIR) [3] /Punksaenger-Monchi-im-Gespraech/!6206560
(DIR) [4] https://www.youtube.com/@vollmarcant
## AUTOREN
(DIR) Adam Schwedhelm
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
(DIR) Richtig gute Leute
(DIR) Die Linke
(DIR) Soziales Engagement
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