# taz.de -- Livealbum und Konzertfilm von Pulp: Helft dem Alten
> Der Konzertfilm „What do you do for an Encore?“ und ein Livealbum setzen
> der britischen Band Pulp und ihrem Sänger Jarvis Cocker ein
> herzerwärmendes Denkmal.
(IMG) Bild: Der große Entertainer und Conférencier Jarvis Cocker auf der Bühne
Jarvis Cocker ist Pulp – so weit, so klar. Wie viel Pulp steckt dann in
Jarvis Cocker? Der Konzertfilm „Pulp – What do you do for an encore?“
beleuchtet diese Gemengelage. Garth Jennings, britischer Regisseur einiger
Spielfilme (etwa „Per Anhalter durch die Galaxis“), von Musikvideos (wie
„Vampire Weekend“, „R.E.M.“ und „Pulp“) hat auch die Reunion-Konzerte, die
die Sheffielder Band seit 2023 weltweit spielt, inszeniert.
Jennings ist seit Langem Pulp-Fan und setzt der 1978 vom Schüler Jarvis
Cocker gegründeten und 2001 vorerst in den Ruhestand gegangenen Band mit
seinem Film das fällige Denkmal. „Es ist mein Liebesbrief an die
wunderbarste Band aller Zeiten, deren Songs heute noch genauso
aussagekräftig sind wie zu ihrer Entstehungszeit“, gibt er wie ein Fanboy
zu Protokoll.
Im Juni 2025 gaben Pulp anlässlich ihres nach 24-jähriger Pause
erschienenen neuen Albums „More“ zwei Konzerte in London. Jennings filmte
sie und flankiert die Mitschnitte mit Archivmaterial: Interviews,
TV-Auftritte, Snippets früherer Konzerte, Fan-Befragungen. Dazu erzählt
Jarvis Cocker aus dem Off die Bandgeschichte, veredelt mit persönlichen
Döntjes und luziden Gedanken. Wer einmal Cockers Radiosendung „Sunday
Service“ im Programm von BBC 6 Music gehört [1][(wieder aufgelegt als
„Someday Service“!)] oder [2][den Soloabend „Sleepless Nights“ (2016)
erlebt hat], bei dem sich Cocker bei den Berliner Festspielen von einem
Sinfonieorchester begleiten ließ, weiß, dass er ein begnadeter Entertainer
ist und zugleich ein betörender Conférencier.
## Die Sonne geht auf
Auch im Film raunt er nach dem Lüften des Bühnenvorhangs augurenhaft: „This
is a night you’ll remember until the end of your life“. Schaun wir mal. Die
Sonne geht auf, ihr entsteigt Jarvis, die anderen Bandmitglieder im roten
Rund sind Pappkameraden, die echten stehen bereits auf der Bühne und
lassen, unterstützt von mehreren Streichern und den neueren Bandmitgliedern
den Song „Spike Island“ vom Album „More“ anklingen.
Jarvis Cocker schreitet die Showtreppe hinab, Lichter in den Stufen
begleiten ihn. „I was born to perform, it’s a calling“. Was wir immer schon
wussten. Jarvis musste erst 60 werden, bis er diesen Fakt in Worte kleiden
mochte.
Alte wie neue Songs – es sind insgesamt 21 – werden von passenden
Animationen begleitet, rechts und links der Bühne lenken riesige Leinwände
die Blicke auf die Musiker*innen. Die Kamera tastet sich ran, als sei sie
zufällig vor Ort, Frontaleinstellungen von der Bühne ins Publikum und vice
versa. Das wirkt erstaunlich langatmig, ist aber ob der fehlenden
rockistischen Allüren auch angenehm und spiegelt wider, was Pulp schon zu
Britpop-Zeiten von den Cool-Britannia-Pfeifen unterschied: Unterhaltung
geht auch ohne chauvinistischen Ladism.
## Lass es leicht aussehen!
Groß ist die Versuchung, nun Jarvis’ Erzählungen 1:1 zu zitieren, so
prägnant, nonchalant, selbstironisch sind sie. Machen wir hier aber nicht.
Nur so viel: Cocker leitet seinen seit früher Kindheit existierenden
Wunsch, TV-Promi zu werden, von seiner Kurzsichtigkeit ab, dropt den
„Pulp-Masterplan“, nennt seine Vorbilder, erzählt, wie er den
[3][BBC-Moderator John Peel] auf sich aufmerksam machte und was das mit ihm
machte. Dann verrät er die „Pulp-Ästhetik“, bei der man immer an sein
Tweedjackett denken muss, und er dankt Keyboarderin Candida Doyle, weil sie
durch ihre bloße Anwesenheit verhinderte, dass Pulp zu einer Lad-Band
verkam. US-R&B-Star Barry White habe Cocker gezeigt, worauf es ankommt:
„Make it look easy!“
Die Original-Bandmitglieder Candida Doyle, Russell Senior, Mark Webber und
der 2023 verstorbene Steve Mackey kommen erst später in historischen
Interviews zu Wort. Letzterer erklärt die Fokussierung auf den Sänger so:
Jarvis schrieb und schreibt sehr persönliche Texte. Wenn er sich mit der
Musik nicht kommod fühlte, war er außerstand, Texte dazu zu singen. Daraus
sei die Aufmerksamkeitspyramide entstanden.
In der Tat haben die Songtexte nach wie vor enorme Schlagkraft,
offensichtlich auch für ihren Autor: Jarvis Cocker trägt die Songs nicht
nur vor – beeindruckend, dass die neuen sich schon jetzt so unsterblich
anfühlen wie die alten –, [4][er performt sie mit jeder Faser seines
weiterhin schlaksigen Körpers.] Explizite Hüftschwünge, große Showgesten,
kurze Breakdancemoves inklusive, aber nie übertrieben.
Sagen wir es so: Garth Jennings’ Liebesbrief ist an Jarvis adressiert, aber
er vergisst nicht, den Rest der Band herzlich zu grüßen, denn ohne sie wäre
Jarvis nicht Pulp. Letztendlich ist das so unterhaltsam, dass wir gern noch
eine weitere Zugabe hätten.
Bis es so weit ist, erfreuen wir uns am jüngst veröffentlichten Album
„Pulp: Live!“, das an den beiden erinnerungswürdigen Abenden in London
aufgenommen wurde und der Konzertdramaturgie folgt, wenngleich es mit drei
Songs weniger auskommt. Korrekterweise müsste es „Pulp & the 20.000: Live!“
heißen, denn hier wird mitgesungen und das zumeist nicht nur bei den
Refrains, sondern durchgehend. Die familiäre Atmosphäre wurde bei den
Konzerten angetriggert durch Cockers herzliche Ansprachen, von denen es
leider nur sehr wenige auf das Livealbum geschafft haben.
Deshalb hier in Erinnerung eine, mit der er im Berliner Konzert im Juni
2026 vor „Help the aged“ das Publikum bat, ihm die Falsettzeile „Funny how
it all falls away“ abzunehmen. Cocker erklärte nicht ohne Stolz, dass er
alle Songs trotz seines Alters noch in der Originaltonlage singen würde.
Aber eben diese eine Zeile könne er nicht mehr packen – als er den Song
erstmals eingesungen hatte, war er gerade 31 gewesen. Also half das
Publikum dem Alten. „Pulp: Live!“ macht hörbar: Nicht nur Jarvis und Pulp
sind Pulp, auch die Fans sind Pulp.
23 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bbc.co.uk/programmes/b00ptsjd/episodes/guide
(DIR) [2] /Jarvis-Cocker-in-Berlin/!5319122
(DIR) [3] /Wie-New-Wave-in-Sheffield-begann/!6136912
(DIR) [4] /Jarvis-Cockers-Lyrics-in-Buchform/!5057197
## AUTOREN
(DIR) Sylvia Prahl
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