# taz.de -- CO₂-Abscheidung in Schleswig-Holstein: Aus Gas wird Kreide
       
       > 40 Milliarden Tonnen CO₂ pustet die Menschheit jährlich in die
       > Atmosphäre. In Kiel startet jetzt ein Versuch, wie es zurückzuholen ist.
       
 (IMG) Bild: Ziemlich unspektakulär: Demonstrationsanlage in Kiel zur Abscheidung von CO₂ aus der Luft
       
       Klimaschädliches Gas wird zu einem neuen Rohstoff: Die Schweizer Carbon
       Ocean AG hat – unterstützt von Fachleuten des Kieler Geomar-Instituts – ein
       Verfahren entwickelt, um das Klimagas CO2 aus der Luft zu saugen und
       chemisch zu binden. Die so entstehende weiße, krümelige Masse lässt sich zu
       reinem Kohlenstoff aufbereiten, den verschiedene Industriebranchen dringend
       brauchen. Die Probeanlage steht in Kiel, eine Großproduktion in Marokko
       soll folgen.
       
       Der graue Container steht an der Hafenkante vor dem Gebäude des [1][Geomar
       Helmholtz‑Zentrums für Ozeanforschung.] Im Inneren des Containers brummt
       und summt es, als wäre ein großer Staubsauger in Betrieb. Draußen zeigt
       eine Digitalanzeige zwei Werte an: oben 424, unten 62 ppm (Parts per
       Million). Die Einheit misst den CO2-Gehalt der Luft – und der ist in der
       Abluft deutlich gesunken.
       
       Wo der Kohlenstoff geblieben ist, zeigt Anton Eisenhauer, Fachmann für
       maritime Bio-Geochemie und Professor am Kieler Geomar, im Inneren des
       Containers. Dort sieht es einigermaßen unspektakulär aus: graue Schränke,
       Anzeigen und ein Rohr, aus dem eine weiße Masse quillt. Im getrockneten
       Zustand sieht die Masse aus wie bröckelige Kreide. Gut einen Kubikmeter
       dieser Kreide könne die Probeanlage pro Tag erzeugen und damit die Luft
       entlasten, sagt Eisenhauer. „Einfach und genial: Aus Gas wird ein
       Feststoff.“
       
       Wird die Kreide-Masse erhitzt, trennen sich Kalk und reiner Kohlenstoff.
       Und der wird gebraucht: „Wir haben nicht zu viel Kohlenstoff, nur zu viel
       aus fossilen Quellen und an der falschen Stelle“, sagt Benedikt Brambs,
       Geschäftsführer von Carbon Ocean. Denn CO2 sei für die chemische Industrie
       oder als Bestandteil von Treibstoff auch in Zukunft wichtig: „Ich kann
       Schiffe oder Flugzeuge auf dem Atlantik nicht an die Steckdose hängen.“
       Wenn aber zunehmend weniger fossiles Öl oder Gas verbrannt werde, brauche
       es eine andere Quelle. „Der Markt wird wachsen“, ist Brambs überzeugt. „Wir
       sprechen hier vom Rohstoff des post-fossilen Zeitalters.“
       
       ## Marokko statt Schleswig-Holstein
       
       Wenn aus einer Idee mithilfe von Wissenschaft und Innovation ein
       Unternehmen werde, sei das auch eine Chance für Schleswig-Holstein, sagte
       Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen (CDU), der zur Vorstellung zum Geomar
       gekommen war. Die schwarz-grüne Landesregierung will Schleswig-Holstein zum
       klimaneutralen Industrieland machen, daher sei es „cool, wenn ein solches
       Thema hier vorangetrieben wird“.
       
       Finanziell ist das Land nur indirekt am Projekt beteiligt: „Das Geomar
       erhält Landesmittel“, betont Madsen. Aber die Entwicklung der
       Probe-Anlange, die einen hohen sechsstelligen Betrag gekostet hat, haben
       die hinter der Carbon Ocean AG stehenden Investoren bezahlt.
       
       Diese Anlage soll nur der Anfang sein, sagt Brambs: „Alles, was hier steht,
       machen wir groß, und das wird dann vervielfacht.“ Alle Bestandteile der
       Anlage seien bereits in anderen Industriezweigen erprobt, und für die
       Messtechnik und die Steuerung sei es egal, ob ein Kubikmeter oder eine
       Tonne produziert werde.
       
       Doch die Großproduktion wird nicht in Schleswig-Holstein geschehen: „Wir
       planen eine Anlage in Marokko“, sagt David Decks. Der Schweizer gehört zu
       den Investoren der Firma. Die CO2-Fabrik in Marokko soll im Jahr 2031 ihren
       Betrieb aufnehmen, der Bau werde eine dreistellige Millionensumme kosten,
       so Deck. Die Entscheidung für Marokko fiel, weil es dort dank gewaltiger
       Solaranlagen reichlich billigen Strom gibt.
       
       ## Ökostrom aus Schleswig-Holstein zu teuer
       
       Auch Schleswig-Holstein biete Strom aus erneuerbaren Energien. Aber der
       Preis für die Kilowattstunde sei zu hoch, sagt Deck: „Für den Laborbetrieb
       ist es schön und gut, wenn wir ein paar Tausend Euro für eine Tonne CO2
       zahlen. Aber wirtschaftlich funktioniert das nicht.“ Er glaubt, dass
       künftig die großen Ölkonzerne in das Geschäft mit klimaneutral erzeugtem
       Kohlenstoff einsteigen könnten [2][– auch wenn die selbst das zurzeit
       anders einschätzen.]
       
       Die Idee, CO2 aus der Atmosphäre abzuscheiden, ist nicht neu: Zahlreiche
       Firmen und Institute arbeiten weltweit an solchen Techniken. Gebraucht wird
       das Verfahren als Vorstufe einer [3][Verpressung des Klimagases unter dem
       Meer.] So will Bremen eine Abscheide-Anlage an einem Kraftwerk installieren
       und [4][das verflüssigte Abgas per Schiff an einen Speicherplatz in der
       Nordsee bringen.]
       
       David Deck sieht kein Problem in Konkurrenz, denn Bedarf gebe es mehr als
       genug. Und angesichts der über 40 Milliarden Tonnen CO2, die die Menschheit
       pro Jahr in die Atmosphäre pustet, „bedeuten auch Tausende Carbon Oceans
       nur einen Tropfen auf dem heißen Stein“.
       
       21 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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