# taz.de -- Erstwähler in Berlin: 55.000 Stimmen, die zählen
       
       > Erstmals dürfen 16- und 17-Jährige im September das Berliner
       > Abgeordnetenhaus wählen. Doch die Politik interessiert sich wenig für
       > sie.
       
 (IMG) Bild: Schüler*innen protestieren gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht
       
       Dieses Jahr können Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren erstmals das
       Abgeordnetenhaus wählen. Doch viele Jugendliche fühlen sich noch nicht
       richtig vorbereitet. So wie die 16-jährige Sofia Aleksin. „An der Schule
       gab es immer diese U16-Wahl, zur Meinungsbildung. Da hat jeder einfach das
       Gleiche gewählt wie die Freunde – oder die AfD aus Witz oder so. Aber jetzt
       ist es ja ernst, jetzt können wir richtig politisch was verändern.“
       
       Sie und ihre Freundinnen sind am Montag zum Schüler*innenkongress
       „Medien.Macht.Meinung“ in der Friedrich-Ebert-Stiftung gekommen. Dort sind
       Erstwählerinnen eingeladen, mit den bildungspolitischen Sprecher*innen
       der SPD, der Grünen, Linken und der CDU über die Themen ins Gespräch zu
       kommen, denen sie als Jugendliche kurz vor der Wahl bewegen.
       
       Die CDU erschien allerdings nicht. Sofia Aleksin ist das nicht entgangen:
       „Dass die CDU nicht erschienen ist, sagt ja auch schon ein bisschen was
       darüber aus, was da die Haltung zur Jugend ist.“
       
       „Ich bin hier, weil ich finde, dass es nicht genug politische Bildung, auch
       jetzt vor der Wahl, gibt“, so der 17-jährige Toni Förster. Das Problem
       sehen viele auch in der mangelnden Aufklärung im Politikunterricht an der
       Schule, der außerdem ab der Oberstufe nur noch ein Wahlfach sei.
       
       ## Jugendliche Mitbestimmung
       
       Jennifer Rosin ist die Vorsitzende des Landeschülerausschusses Berlin (LSA)
       und sagt: „Ich habe oft das Gefühl, dass so eine Art Scheinbeteiligung
       herrscht. Kurz vor der Wahl sind auf einmal Politiker*innen sehr offen
       für neue Vorschläge von Jugendlichen: Es wird viel angefragt, auf einmal
       scheinen sie sehr interessiert, aber die Jahre davor kam nie was – oder nur
       auf sehr starke Nachfrage der Jugendlichen.“
       
       Viele Jugendliche fühlen sich insbesondere mit Blick auf die [1][Debatte um
       die Wehrpflicht] nicht gehört: „Dass wir überhaupt nicht gefragt werden,
       sieht man ja auch bei den Wehrdienstbeschlüssen zur Zwangsmusterung: Im
       Kriegsfall müssen wir dann halt trotzdem für die alten Menschen an der
       Front sterben“, so Toni Förster.
       
       Auch Laura K. sieht sich wenig wahrgenommen: „Jugendliche sind
       grundsätzlich sehr wenig vertreten, wenns darum geht, politische
       Mitbestimmung zu haben.“ Nicht verstehen kann sie, das selbstverständliche
       Dinge wie Jugendklubs gekürzt werden. Die Auswirkungen aktueller Kürzungen
       würden sich auch an den Schulen zeigen, sagt sie: „Es scheitert gerade vor
       allem am Bildungssystem. Es gibt einen riesigen Lehrkräftemangel.“
       
       ## Wenig politische Bildung an Schulen
       
       Laut Landeswahlamt können in Berlin 55.000 Jugendliche zwischen 16 und 17
       Jahren erstmals wählen. Das sind 55.000 Stimmen, die einen Unterschied
       machen können, auch weil Jugendliche anders wählen als der
       Bevölkerungsdurchschnitt. Bei [2][den U18-Wahlen 2025 war die Linke mit
       27,3 Prozent stärkste Kraft], dahinter die SPD und die Grünen mit jeweils
       um die 18 Prozent.
       
       Dass es einen großen Bedarf an mehr politischer Aufklärung an Schulen gibt,
       sagt Oskar S., der sich in der Schülervertretung engagiert: „Die wenigsten
       an der Schule wissen, was die SV ist, die Schülervertretung.“ Sofia Aleksin
       und ihre Freundinnen tauschen sich eher außerhalb der Schule politisch aus:
       „Ich rede mit meinen Eltern sehr viel über die großen Ereignisse. Meistens
       haben wir am Frühstückstisch kleine Diskussionsrunden, wo mein Vater Thesen
       oder Fragen reinwirft und dann tauschen wir unsere Meinung aus.“
       
       Die Vorsitzende des Landeschülerausschusses Berlin (LSA) sieht die
       Mitbestimmung Jugendlicher besonders auf „kleiner Ebene“ als wichtigen
       Schritt zur Politisierung: „Jugendbeteiligung ist sehr, sehr wichtig, was
       ja auf Schulebene super leicht umgesetzt werden kann – zum Beispiel bei der
       Eintscheidung, wie der neue Schulhof ausgebaut wird, dass man die
       Jugendlichen dazuzieht. Dass sie Demokratisierung in ihrem Alltag
       miterleben. Denn, wenn sie es nicht in der Schule lernen – wo sollen sie es
       sonst lernen?“
       
       Jugendliche würden sich zunehmend über Social Media politisieren, so Toni
       Förster: „Es ist ja gut, dass sie sich überhaupt informieren, die Parteien
       bespielen ja auch diese Kanäle.“ Ein Problem seien dagegen
       Zeitbegrenzungen, weswegen Inhalte stark verkürzt oder vereinfacht
       dargestellt würden. „Das erschwert die eigene differenzierte
       Meinungsbildung“, so Förster.
       
       Die AfD ist auf ebendiesen Social-Media-Kanälen sehr präsent, sagt Förster.
       Er kritisiert, dass eine Partei, die „unsere Demokratie und Freiheit
       gefährdet“ zu Podiumsdiskussionen an Schulen eingeladen wird: „Das sieht
       man ja bei den Faktenchecks, wenn die AfD im Fernsehen auftritt“, da könne
       im Klassenraum nicht so schnell reagiert werden: „Ich finde, das ist total
       gefährlich, dass die AfD ihre Propaganda nutzt, um die jungen Leute zu
       beeinflussen.“
       
       Am Oberstufenzentrum Tiem in Spandau mobilisieren Schülerinnen just für
       diesen Dienstag zu einer Kundgebung. Unter dem Motto „Klare Kante, keine
       rechte Hetze an unserer Schule“ protestieren sie dagegen, dass mit Kristin
       Brinker die Spitzenkandidatin der AfD [3][auf ein Podium eingeladen wurde].
       Schüler*innenvertreter hatten sich in einer Fachkonferenz gegen die
       AfD positioniert. Die Schule lud die AfD trotzdem ein. „Die Lehrer*innen
       verstehen nicht, wie das Neutralitätsgebot funktioniert, wenn sie damit
       argumentieren“, sagte ein Schüler vom OSZ Tiem. Die Schule müsse dafür
       sorgen, dass die Bildung ausgewogen und die Demokratie gestärkt ist. „Mit
       der AfD eine demokratiefeindliche Partei einzuladen – das stärkt die
       Demokratie auf keinen Fall“, sagte er.
       
       22 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schulstreik-gegen-die-Wehrdienst/!6177296
 (DIR) [2] /Ueberraschung-bei-U18-Wahl/!6070503
 (DIR) [3] /AfD-an-Berliner-Schulen/!6012185
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luzie Fuhrmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
 (DIR) Schule
 (DIR) Politische Bildung
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schulstreik
 (DIR) Schwerpunkt Bundestagswahl 2025
 (DIR) Schwerpunkt AfD
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Schulstreik gegen den Wehrdienst: „Die Reichen wollen Krieg, die Jungen eine Zukunft“
       
       Vor 81 Jahren wurde am 8. Mai der Zweite Weltkrieg beendet. Jetzt
       demonstrieren Schüler*innen am gleichen Tag und fordern eine
       Entmilitarisierung.
       
 (DIR) Überraschung bei U18-Wahl: Die Linke ist stärkste Kraft
       
       Bei der U18-Wahl stimmten 20,8 Prozent der Jugendlichen für die Linke. Die
       AfD landet bei nur 15,5 Prozent – hinter SPD und Union.
       
 (DIR) AfD an Berliner Schulen: Lektion in Menschenfeindlichkeit
       
       Zwei Wochen vor der Europawahl häufen sich die Auftritte der AfD an
       Berliner Schulen. Die müssen jedoch keine Rechtsextremen einladen.