# taz.de -- Konzertempfehlungen für Berlin: Nur Mut!
> Wer musikalische Herausforderungen sucht, bitte sehr: das Musikfest, John
> Coltrane und Horizontaler Gentransfer sind dafür prima
> Versuchsanordnungen.
(IMG) Bild: Singen auch von Butterbrezeln: Horizontaler Gentransfer
Dass die Kunst irgendwas bewirkt. Unmittelbar. Das kann man so direkt nicht
unbedingt oft erleben. Vergangenen Sonntag aber hatte man das, nun ja,
Vergnügen. Im Kammermusiksaal der Philharmonie, beim Musikfest mit einem
bunt gemischten Programm mit dem Ensemble Resonanz. Lieder von Benjamin
Britten, was Barockes von Jean-Philippe Rameau und dann eben noch das neue
Stück des Berliner Komponisten Enno Poppe.
„Kreis“, ein herrlich eierndes Irgendwas. Stochernd. Zwischendurch schon
auch einigermaßen schlechtgelaunt. Oder, besser: nicht unbedingt uplifting,
was dann gar nicht paradoxerweise viele aus ihren Sesseln holte. Sie
wollten es wohl nicht mehr aushalten, dieses Bohren, vielleicht hatten sie
wichtige Termine anderswo – jedenfalls huschten sie in einer beachtlichen
Vielzahl aus dem Saal, still und leise. Türenschlagen macht man wohl nicht
mehr im Klassikbetrieb.
Beim Musikfest ist also schon was zu erleben.
Man muss sich nur den Herausforderungen stellen. Bis 23. September dauert
noch das [1][Berliner Festival für Orchestermusik], Stockhausen,
Strawinsky, Schnittke kommen noch und, ich sage mal, Clara Iannotta, die in
Berlin lebende italienische Komponistin, deren Musik der Kollege Boehme mal
so beschrieb: „[2][Man fühlt sich bei ihr weniger im Konzertsaal als
vielmehr wie im dunklen Wald, wo es raschelt, oder fast raschelt, knackt,
oder fast knackt, und heult, oder fast heult: Selten sind die Signale, die
man empfängt, so ganz Geräusch oder ganz Ton, sie halten sich dazwischen in
der Schwebe, bauen Spannung auf] …“
Das ist doch herrlich! Auf der Bühne steht das Ensemble Modern, dazu gibt
es vom ungarischen Komponisten Márton Illès noch eine sprachforschende
Arbeit zu hören, „von mund zu mund“. Eine Uraufführung ([3][18. 9., 19 Uhr,
Philharmonie]).
Der Leuchtturm des Jazz: John Coltrane. Zu dessen Hundertjährigem diese
Woche sollte man mindestens dessen Album „A Love Supreme“ mal wieder hören
und auch in der Galiläakirche vorbeischauen, wo es [4][eine Festwoche zu
Ehren des mehrfach stilbildenden Saxophonisten] gibt mit verschiedenen
jazzgewieften Berliner Ensembles, und dem musikalischen Visionär Sun Ra
wird da gleich auch noch gehuldigt (22.–27. 9., Galiläakirche).
Und Pop. Wobei der hier manchmal ganz arglos tut und sich dann wieder als
bunt blinkende Art-Pop-Disco verkleidet, auf Minimal-Punk ausweicht und
überhaupt eine mit allen Schlagworten herumjonglierende Musik sein will,
mit einem grell herausgestellten Migrationshintergrund. Das alles ist
[5][Horizontaler Gentransfer], ein an der Stuttgarter Kunstakademie
gestartetes Projekt, dessen Lieder vom Koreanischsein in Stuttgart handeln,
vom Rassismus, Butterbrezeln oder dem Schriftsteller Thomas Bernhard.
Seltsam. Schön. [6][Bei einem Eintritt-frei-Konzert in der Galerie Wedding]
(24. 9., 19 Uhr).
Das verbliebene Publikum bei dem Konzert im Kammermusiksaal der
Philharmonie übrigens, das jubelte dann am Ende dem Ensemble und
Komponisten zu.
18 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Thomas Mauch
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