# taz.de -- An einem Abend der wie Honig fließt: Im Alten Schweden wird Dagmar böse
       
       > Dunkel dräuende Rockmusik und Literatur und Jazz sind Gründe genug, um
       > einmal pro Woche in den Wedding zu fahren.
       
 (IMG) Bild: Schräger Kopf voll schräger Musik: Musikerin Jens aus der Wäsche stammt aus Chemnitz
       
       Der Hitzesommer hängt noch im Schankraum des Alten Schweden. Seit den
       Zehnerjahren gibt es unter seiner Adresse im Wedding eine Kneipe. [1][Bevor
       2009 der Elch einzog,] der über die Gäste und seit einiger Zeit über
       Musiker und Autoren wacht, hieß die Schankwirtschaft „Zur fleißigen Biene“.
       An einem Augustfreitag, der zerfließt wie Honig, singt die Chemnitzer
       Musikerin Jens Ausderwäsche ein Lied, das aus der Spur will: „Wollen wir
       heut ausgehʼn/ Oder wollʼn wir fahren?“
       
       Jens, in ihrem Ausweis steht Jenny Kretzschmar, spielt eine elegische
       Gitarre, der sie in überraschenden Momenten merkliche Geräuschattacken
       entlockt, die Schlagzeuger Micha noch unterfüttert. An den Vorderrahmen der
       Basstrommel ist in Form einer Holzsägearbeit ein Peace-Zeichen montiert.
       Jens und Micha sind mit Kuscheltieren angereist. Er trägt ein T-Shirt der
       Hardrock-Hexer Black Sabbath. Der Friede kommt nicht auf leisen Pfoten
       daher.
       
       Die stolpernden Hits von Jens Ausderwäsche stecken voller Kurzgeschichten
       und Vignetten. „Wie geht man baden“ heißt so ein Song, bei dem es einen
       plötzlich überfährt, dass es da nicht unbedingt nur um einen Ausflug gehen
       muss, gerade wenn sie hinzusetzt: „Du wirst es mir verraten.“
       
       Ein Lied, das in seiner Schunkelhaftigkeit fast wie geschaffen für die
       Kneipe mit dem dunkelbraun gestrichenen Stuck und der hellbraunen Decke
       scheint, heißt „Dagmar wird böse“. Sie hat allen Grund dazu. Ralf, Peter
       und Sandy aus demselben Lied machen mit.
       
       ## Clowns und dressierte Hündchen
       
       Wer weiß, was noch passiert, wenn die Menschen aus Jensʼ Liedern auf die
       Platte stoßen, die im Alten Schweden an der Wand hängt. Es ist „Locus
       Abortion Technician“ [2][von den Butthole Surfers], und sie ist so wenig
       harmlos wie die beiden Zirkusclowns und das dressierte Hündchen auf dem
       Covergemälde. Im Alten Schweden finden regelmäßig wöchentlich Abende mit
       Doom statt, dunkel dräuender Rockmusik zur Unzeit. Und der Alte Schwede ist
       Gastgeber für Literatur und Jazz, beides mit Ohr zur Straße.
       
       Am Sonnabend läuft im Sowieso in Neukölln [3][John Coltranes Ballade für
       seine erste Frau Juanita] „Naima“ Coltrane, née Grubbs, und zwar nicht in
       der knapp fünfminütigen Version auf „Giant Steps“, sondern [4][in der
       epischen Länge von 15 Minuten] auf „Live At The Village Vanguard Again!“.
       Der Barkeeper blendet nicht ab.
       
       Das Sowieso ist ein Jazzclub von der Größe eines Ladengeschäfts. So etwas
       wie eine Sommerpause scheinen sich die Betreiber nicht zu gönnen. Ähnlich
       dem Alten Schweden sind mehrere Veranstaltungen pro Woche keine Seltenheit.
       Coltrane vom Band, das dieser Tage ein digitales ist, ist mittlerweile bei
       „My Favorite Things“ angekommen, seiner Version des Lieds aus dem
       Broadway-Klassiker „The Sound of Music“. Ein Snob, wer über Standards die
       Nase rümpft.
       
       Ulrich Gumpert, Matthias Bauer und Sunk Pöschl tun das auf gar keinen Fall.
       Das Trio aus Piano, Bass und Schlagzeug spielt an diesem Abend sein zweites
       Konzert überhaupt. Im Frühsommer haben Gumpert, Bauer und Pöschl der Jam
       Session im Kühlspot Social Club die Startbahn bereitet (der Abend hob
       tatsächlich ab), im Sowieso geben sie ihr erstes längeres Konzert.
       
       ## Swing mit wilden Momenten
       
       Ganz ruhig und konzentriert fängt Gumpert an. Keine Schwere, kein Verdruss
       ist in der Musik, stattdessen filigrane Echos und Verbindungen. Bauer
       spielt tatsächlich mit Swing, und selbst wo Pöschl loslegt, tut er das mit
       Bedacht. In ihren wilderen Momenten hat die Musik etwas von „Money Jungle“,
       Duke Ellington, Charles Mingus und Max Roach, einer Platte, die ihren Sog
       aus den Spannungen zwischen den Musikern bezieht. Gumpert, Bauer und Pöschl
       ziehen auch in ihren Bann, aber sie verstehen sich merklich besser.
       
       Pöschl probiert kurz vor Ende, wie eine Wasserflasche und eine Plastetüte
       auf dem Schlagzeug klingen. Die zerdrückte Flasche knarzt, die wehende Tüte
       hat etwas von einem hauchenden Wind. Zur Zugabe ein Klassiker, und zwar
       „The Black and Crazy Blues“ von Rahsaan Roland Kirk. Vor der Tür auf der
       Weisestraße ist es kühler geworden. Man könnte meinen, das Wetter habe
       Platz gemacht.
       
       24 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gedenkabend-in-Berlin/!6178119
 (DIR) [2] /Kunst-und-Indierock-auf-dem-Donaufestival/!5163897
 (DIR) [3] /Man-reicht-nie-an-John-Coltrane-ran/!264192&s=John+Coltrane/
 (DIR) [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Naima_(Jazz-Titel)
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Robert Mießner
       
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