# taz.de -- Flutkatastrophe im Himalaya: „Es fehlte ganz einfach ein Warnsystem“
       
       > Hätten die Menschen im Himalaja vor der Sturzflut gewarnt werden können?
       > Ja, sagt der Physiker Jens Turowski. Er erklärt, wie ein solches System
       > funktionieren könnte.
       
 (IMG) Bild: Devighat im Distrikt Nuwakot wurde durch gewaltige Flutwellen und Erdrutschen verwüstet. 11.09.2026
       
       taz: Vor Kurzem erschien zum Thema Frühwarnsysteme ein Heft des
       Helmholtz-Zentrums für Geoforschung. Ein [1][Text sticht rückblickend
       heraus]. Bebildert mit einem Foto eines nepalesischen Bergs, geht es um
       Sturzfluten und seismische Netzwerke. Kurz darauf kam es zur großen
       Sturzflut in Nepal. Hätten die Menschen vorgewarnt werden können?
       
       Jens Turowski: Grundsätzlich ja. Es gibt Möglichkeiten, zu erkennen, wann
       und wo im Gebirge Gesteinsmassen ins Rutschen kommen. Durch den Klimawandel
       passiert das leider immer häufiger. Zum Beispiel tauen Permafrostböden,
       also permanent gefrorene Böden, in großen Höhenlagen auf und bewegen sich.
       
       Im konkreten Fall aber gab es keine Chance, die Menschen systematisch zu
       warnen, obwohl wir die Energie des Bergsturzes noch hier in Deutschland
       messen konnten: Es fehlte ganz einfach ein Warnsystem. Was es wohl gab –
       das kennen wir aber nur aus Medien – sind Textnachrichten, die von
       Überlebenden weiter oben nach unten ins Tal geschickt wurden.
       
       taz: Gibt es denn [2][Beispiele für erfolgreiche Frühwarnungen]? 
       
       Turowski: Im Schweizer Dorf Brienz zeigten 2023 die Messsysteme an, dass
       sich die Geschwindigkeit der Geröllbewegungen am Piz Linard sehr stark
       beschleunigte, weshalb die Gemeinde Anfang Mai evakuiert wurde. Sieben
       Wochen später rutschte das Geröll ab und erreichte den Dorfrand.
       
       taz: So viel Zeit gab es [3][jetzt in Nepal] nicht. 
       
       Turowski: Das stimmt. Nach einem Bergsturz entstand eine gewaltige
       Flutwelle, die nach acht bis zehn Minuten den chinesisch-nepalesischen
       Grenzübergang mit sich riss.
       
       taz: Gibt es trotzdem Möglichkeiten zur Vorwarnung? 
       
       Turowski: Die Flutwelle pflanzte sich im Tal des Trisuli 170 Kilometer
       flussabwärts fort, mit tödlichen Schäden mehr als 80 Kilometer unter ihrem
       Ausgangspunkt. Dort wären teilweise mehrere Stunden Zeit gewesen, die
       Menschen zu warnen.
       
       taz: Was ist für Warnsysteme bei solchen Ereignissen nötig? 
       
       Turowski: Wir müssen zunächst verschiedene Methoden auseinanderhalten: In
       Brienz oder auch zwei Jahre später beim Bergsturz in Blatten in den
       Walliser Alpen gab es teilweise jahrzehntelange Beobachtungen der
       instabilen Gebiete mit lokalen Messsystemen. Der Himalaja ist aber so groß,
       dass dort solche Messsysteme wie ein Tropfen auf dem heißen Stein sind. Wir
       arbeiten in unserem Ansatz deshalb mit seismischen Wellen im Boden.
       
       taz: Wie bei [4][Erdbebenwarnungen]? 
       
       Turowski: Im Prinzip ja. Solche Wellen sind mehr als 1.500 Kilometer pro
       Stunde schnell und zeigen uns an, dass etwas passiert. Die Kunst dabei ist,
       herauszufinden, was da wo passiert.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Turowski: Solche Wellen entstehen auch, wenn ein Haus gesprengt oder eine
       Talsperre abgelassen wird. Selbst wenn ein Traktor sehr nah an einer
       seismischen Messstelle vorbeifährt, entstehen sie. Wir nennen das
       „Nebengeräusche“. Sie müssen herausgefiltert werden.
       
       taz: Wie kann das gelingen? 
       
       Turowski: Seismische Wellen haben unterschiedliche Charaktere. Erdbeben zum
       Beispiel lassen sich ganz eindeutig erkennen, was für die Frühwarnung bei
       solchen Ereignissen hilfreich ist – ein scharfer Anstieg der Amplitude, die
       danach in einer typischen dreieckigen Form abfällt. Eine Sturzflut an der
       Oberfläche verursacht dagegen eine lange, flache Amplitude, eher
       zigarrenförmig.
       
       taz: So eindeutig sind die Muster? 
       
       Turowski: Kommt darauf an. Erdbeben sind ziemlich einfach zu erkennen. Auch
       große Explosionen haben eine eindeutige Signatur. Deshalb kann die
       Internationale Atomenergie-Organisation die Einhaltung des
       Atomwaffensperrvertrages auch mit der Auswertung von seismischen Daten
       überwachen. Es ist jedoch deutlich schwieriger, ein Hochwasser zum Beispiel
       von menschengemachten Geräuschen zu unterscheiden. Wir benutzen Daten von
       gut dokumentierten Ereignissen, um einen Erkennungsalgorithmus mit
       maschinellem Lernen zu trainieren. In einem zweiten Schritt müsste ein
       Ereignis dann lokalisiert werden.
       
       taz: Wie viel Zeit braucht Ihre Forschung noch, bis die Antwort zuverlässig
       ist? 
       
       Turowski: Wissenschaftlich verstehen wir, was zu tun ist. Es müsste aber in
       die Forschung investiert werden, damit wir vorankommen. Mein Kollege Niels
       Hovius schätzt, dass man für etwa 10 Millionen Euro binnen zwei bis drei
       Jahren ein einsatzfähiges System in Nepal aufbauen könnte. Bisher wurde
       dieses Geld noch nicht investiert.
       
       taz: Wenn Sie die notwendigen Ergebnisse haben, wären Warnungen gegen
       solche Ereignisse möglich? 
       
       Turowski: Vom wissenschaftlichen Standpunkt her könnte das gehen. Neben der
       Optimierung der Systeme gibt es aber noch weitere offene Fragen. Zum
       Beispiel, ab welchem Grenzwert ein Alarm ausgelöst wird. Das ist ein
       politischer Aushandlungsprozess: Setzen wir einen niedrigen Grenzwert an,
       wird sehr oft Fehlalarm ausgelöst, was Misstrauen in das System mit sich
       bringt.
       
       Ist der Schwellenwert zu hoch, kann sich ein Warnsystem als ineffizient
       erweisen, weil die Gefahr nicht erkannt wurde. Ab diesem Punkt beginnt auch
       das „Problem der letzten Meile“: Wie alarmiert man die Menschen? Durch
       Sirenen? Per App? Zudem muss es ein klares Ablaufprinzip für den Fall einer
       Warnung geben. Fehlt es, helfen auch die Warnungen nicht, wie die Flut im
       Ahrtal 2021 gezeigt hat.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Turowski: Damals gab es sowohl vom Wetterdienst als auch vom Europäischen
       Flutwarnsystem Efas Vorwarnungen über die Regenmassen. Was im Ahrtal
       fehlte, waren klare Verantwortungen und Einsatzpläne, etwa Antworten auf
       die Frage, ab welchen Regenmengen das Tal oder einzelne Siedlungen hätten
       evakuiert werden müssen. Die Warnung war da, aber sie kam entweder gar
       nicht oder zu spät bei den Menschen an oder es war häufig unklar, was zu
       tun war.
       
       taz: Zurück zu Nepal: Ist die Regierung denn an den Forschungen des
       Potsdamer Helmholtz-Zentrums interessiert? 
       
       Turowski: Sehr sogar. Sturzfluten sind am Südhang des Himalajas ja keine
       Seltenheit, werden von den hiesigen Medien aber kaum beachtet. Im Juli
       vorigen Jahres gab es im selben Tal beispielsweise eine ähnlich
       katastrophale Flut mit mindestens neun Toten. Einiges von dem, was damals
       zerstört wurde, war gerade wieder aufgebaut worden – etwa die Straße zum
       Grenzposten. Wie schwerwiegend solche Ereignisse für das Land sind, zeigt
       der Grenzübergang nach China, zu dem es jetzt im Tal des Trisuli nicht mal
       mehr eine Straße gibt: Fast ein Drittel des Handels mit China lief über
       diese Strecke.
       
       taz: Was wäre Voraussetzung für ein flächendeckendes Frühwarnsystem? 
       
       Turowski: Neben einem Durchbruch in der seismischen Forschung ein Ausbau
       des Messsystems: Wegen der großen Erdbebengefahr gibt es zwar schon etliche
       seismische Stationen in Nepal, um aber auch vor kleinteiligen Ereignissen
       wie Bergstürzen warnen zu können, sind 80 bis 100 weitere notwendig.
       
       taz: Was kostet das und wer sollte das bezahlen? 
       
       Turowski: Eine Station ist schon ab 15.000 Euro zu haben, nicht sehr viel,
       wenn man bedenkt, dass allein die Schäden dieser Flutwelle auf 4 Milliarden
       Euro taxiert werden. 100 Stationen kosten dann etwa 1,5 Millionen Euro.
       Dazu kommen Kosten für den Aufbau des Netzwerkes, ein Rechen- und
       Warnzentrum, Ausbildung von Experten, die notwendige weitere Forschung und
       Entwicklung und langfristig Wartung und Personalkosten.
       
       taz: Und so wäre Nepal dann sicher? 
       
       Turowski: Auf jeden Fall sicherer. Unser System muss noch unter
       operationellen Bedingungen erprobt werden und ein Restrisiko bleibt immer.
       Das Problem der letzten Meile muss auch noch gelöst werden.
       
       17 Sep 2026
       
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