# taz.de -- Katstrophe in Nepal: Nach der Sintflut
> Nach dem Gletscherabbruch in Nepal beginnt der Alltag. Schulleiter Madhav
> Lamichhane unterrichtet zwischen Hilfsgütern und Notübernachtung.
(IMG) Bild: Madhav Lamichhane ist Schulleiter einer Schule in Betrawati Nepal die durch die Katastrophe 200 Schueler verlor
Der Schulhof gehört den Kindern nicht mehr allein. Durch das halb geöffnete
Tor der Neelakantha-Sekundarschule im nordnepalesischen Betrawati poltern
Gelände- und Lastwagen, Menschen tragen Reissäcke und Gaszylinder auf den
Schultern hindurch. Unter Planen lagern hier auf dem Schulhof Kisten mit
Hilfsgütern. Auch Lebensmittel stapeln sich auf der Veranda des Gebäudes.
Am 26. August löste ein klimawandelbedingter Abbruch am Gletscher Langtang
Lirung im Norden Nepals eine gewaltige Sturzflut aus, die sich durch die
Täler wälzte. Über 1.450 Tote sind bestätigt, über 5.000 Menschen werden
noch vermisst. Und rund 32.000 Kinder sind [1][laut UNICEF] von den Folgen
der Katastrophe an der Grenze zu Tibet betroffen – selbst jene, die
äußerlich unverletzt blieben.
Madhav Lamichhane, ein schmaler Mann mit kurzem Haar, arbeitet daran, den
Kindern hier in Betrawati wieder mehr Alltag zu geben. Der 41-Jährige
leitet die Neelakantha-Sekundarschule. Er hat zwei Kugelschreiber in die
Knopfleiste seines Poloshirts geklemmt, immer wieder klingelt sein Handy.
Mal ist er im Schulgebäude, mal läuft er hinüber zum Internat.
Helfer:innen, Eltern und Lehrkräfte – alle wollen etwas von ihm. Seit der
Flut schläft er wenig, manchmal übernachtet er gleich in der Schule.
Mitten auf dem Schulhof steht ein gelber Bus. Dahinter, abgeschirmt vom
ständigen Kommen und Gehen, spielen Kinder Volleyball. Sie rufen einander
zu, lachen, schlagen den Ball übers Netz. Einige sitzen auf den Bänken und
schauen zu, andere ruhen sich in der Mittagshitze auf Schaumstoffunterlagen
aus.
## Weitermachen
Hier ist im Kleinen zu beobachten, wie Nepal nach der Flutkatastrophe
weitermacht. Noch müssen Hilfsgüter verteilt und viele Menschen versorgt
werden. Bald wird es kalt in der Region, und noch suchen Menschen nach
Angehörigen und einem neuen Zuhause. Zugleich öffnen die Schulen wieder,
und der Alltag kehrt langsam zurück. Nicht weil der Verlust überwunden
wäre. Sondern weil das Leben weitergehen muss.
Auch für Madhav Lamichhane. Er wollte die Klassenzimmer so bald wie möglich
wieder öffnen. Die Sorge um die Kinder trieb ihn an. „Die Schule liegt an
einem sicheren Ort“, sagt er. Warum also warten? Gut zwei Wochen nach der
Flut nahm er den Unterricht wieder auf. Von vier Schulen in der Umgebung
hat Neelakantha als einzige die Flut überstanden.
Zunächst musste Lamichhane zwischen den Hilfsgütern Platz schaffen: In drei
Klassenzimmern fand der improvisierte Unterricht wieder statt – 20 bis 25
Minuten pro Stunde. Lamichhane hofft jeden Tag, dass sich die Nachricht
weiterverbreitet, dass man in Neelakantha auf die Kinder aus den zerstörten
Schulen wartet.
Am ersten Schultag nach der Flut waren es 110 Kinder. Manche kamen barfuß,
andere hatten weder Schulranzen noch Bücher, noch Hefte. „Sie kamen so, wie
sie waren“, sagt Lamichhane. Von den rund 500 Schüler:innen ist etwa die
Hälfte zurückgekehrt. Andere leben jetzt bei Verwandten oder in
Auffangzentren, teils in der Hauptstadt Kathmandu. Zu etwa 100 seiner
Schüler:innen hatte Lamichhane noch nicht wieder Kontakt. Drei
Lehrkräfte und eine Schulkrankenschwester werden ebenfalls vermisst. Etwa
50 seiner Schüler:innen haben beide Eltern verloren und noch mal so
viele ein Elternteil.
Am [2][Morgen der tödlichen Flut] war Madhav Lamichhane bereits bei der
Arbeit, als ihn der Schulbusfahrer anrief. Die ersten Kinder hatte der
schon zur Schule gebracht. Nun war er für eine weitere Runde unterwegs. Er
rief Lamichhane in Panik an und warnte vor den Wassermassen. Der
Schulleiter begann, Eltern und Lehrkräfte abzutelefonieren, sie
aufzufordern, sich in höher gelegene Gebiete zu retten. Nicht alle
erreichte er mit dieser Warnung rechtzeitig.
Auch nach der Katastrophe telefonierte Lamichhane weiter. Nun, um
herauszufinden, wo seine Schüler:innen geblieben waren. Er rief Eltern
an, kontaktierte Auffangzentren. Irgendwann reichten die Anrufe nicht mehr.
Also machte er sich selbst auf den Weg. In Notunterkünften in Nuwakot, etwa
40 Kilometer südlich, fand er rund 160 seiner Schüler:innen. Manche wollten
zurückkommen. Doch so einfach war das nicht.
Familien waren an weit entfernten Orten untergekommen, gewohnte Wege
abgeschnitten. Selbst wenn die Schulen im Flutgebiet wieder öffnen, können
sie nicht alle wieder erreichen. Lamichhanes Schule selbst wurde zu einem
Hilfszentrum.
Zur Mittagszeit läuft Madhav Lamichhane zum neuen Internatsgebäude, ein
paar Hundert Meter von der Schule entfernt. Der Duft von Dalreis liegt in
der Luft. In einigen Zimmern der umzäunten Gebäude stehen die ersten neuen
Betten. Noch ist nicht alles eingerichtet. Derzeit leben hier Familien, die
ihr Zuhause verloren haben. Lamichhane will künftig auch Schüler:innen
aufnehmen, die nicht mehr bei ihren Familien leben können oder wegen
zerstörter Wege nicht zur Schule gelangen. 100 bis 200 Kinder sollen hier
in Zukunft Platz finden.
Im Obergeschoss sitzt Chippumendo Tamang mit ihrem siebenjährigen Sohn
Syrush beim Mittagessen. Zu Reis und Linsen gibt es Huhn und scharf
eingelegtes Gemüse. Syrushs alte Schule in der Nachbarschaft gibt es nicht
mehr, hier in der Notunterkunft laufen Kinder herum, draußen fliegen
Federbälle.
Die 25-jährige Chippumendo Tamang spricht leise und lächelt ihren Sohn an.
Normalerweise sind die beiden Tausende Kilometer voneinander entfernt.
Tamang arbeitet als Hausangestellte in Kuwait, Syrush lebte bei seiner
Großmutter in Nepal.
Nach der Flut rief Tamangs Schwager sie an. Ihr Sohn sei nach Kathmandu
gebracht worden. Tamang ging an ihre Ersparnisse und flog schnell nach
Nepal. Wie Syrush nach Kathmandu gelangte, weiß die Mutter bis heute nicht
genau. Am Morgen der Flut hatte ihn seine Großmutter für die Schule fertig
gemacht. Doch der Bus blieb unterwegs stecken. „Deshalb ist er noch da“,
sagt sie. Sie glaubt, dieser Zufall habe ihm das Leben gerettet. Das Haus
der Familie ist zerstört.
In der Hauptstadt fand Tamang ihren Sohn, nun leben beide hier im Internat.
Sie hatte gehört, dass in der Nähe ihres früheren Zuhauses wieder eine
Schule geöffnet hatte, und fand hier Platz. Syrush hat Fieber. Sobald es
ihm besser geht, soll er auch zum Unterricht. „Ich fühle mich hier sicher,
und mir geht es jetzt besser“, sagt seine Mutter.
Wie es danach weitergeht, weiß Tamang nicht. Einen großen Teil ihres
Verdienstes hatte sie ihrem Vater geschickt, von dem sie seit der Flut
nichts mehr gehört hat. Jetzt weiß sie nicht, wie sie an das Ersparte
kommen soll. Vielleicht muss sie wieder im Ausland arbeiten. Doch vorerst
bleibt sie bei ihrem Sohn: „Ich werde mein Bestes tun, um ihm eine gute
Bildung zu ermöglichen.“
Drei Stockbetten stehen in einem anderen Zimmer, daneben ein Schreibtisch
mit Drucker. Hier hat sich Raunak Raj Sarraf von der Organisation Sano
Paila eingerichtet. Gelegentlich rauscht sein Funkgerät. Von hier aus
organisiert Sano Paila Essen, Notunterkünfte und Betreuung, unterstützt
unter anderem von der deutschen Andheri-Hilfe.
„Eine warme Mahlzeit ist das eine. Aber ebenso wichtig ist, dass die Schule
darauf achtet, dass niemand abbricht“, sagt Sarraf. Nach einer Katastrophe
steige gerade für Jugendliche aus ärmeren Familien der Druck, zum Einkommen
beizutragen. Wer nicht mehr zur Schule gehe und von seiner Familie getrennt
lebe, sei besonders verletzlich. Damit wachse die Gefahr von Kinderarbeit,
früher Heirat und Menschenhandel. Familien würden mit Versprechen einer
besseren Schule oder eines besseren Lebens gelockt.
Auch in den Notunterkünften bleibt die Situation schwierig. „Menschen sind
auf engem Raum zusammen und haben nicht einmal die Privatsphäre,
miteinander zu sprechen“, sagt Biju Dangol von der Welthungerhilfe. Selbst
zum Trauern fehle ein Rückzugsort. Shaurabha Subedi von Rural
Reconstruction Nepal begleitet Menschen in den Auffangzentren und sagt:
„Kinder brauchen einen geschützten Raum, um ihre Gefühle auszudrücken und
mit dem Erlebten umzugehen.“ Vertraute, Freund:innen, Lehrkräfte seien
dabei besonders wichtig. „Wir müssen langfristig planen und nicht nur in
der Phase der Nothilfe aktiv sein.“
Noch fehlen viele Gesichter an der Neelakantha-Schule. Doch auf dem Hof
wird wieder gespielt und vor allem gelernt. Hilfsgüter stehen noch herum,
einige Familien sind noch hier einquartiert und wissen nicht, wo sie
hinsollen. „Wir hoffen, dass die Kinder zurückkommen“, sagt Schulleiter
Madhav Lamichhanes. Er wartet auf jedes einzelne.
Mitarbeit: Mamita Bhandari
Um Nepal geht es diese Woche auch im Auslands-Podcast der taz, zu hören auf
[3][taz.de/fernverbindung]
26 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Natalie Mayroth
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