# taz.de -- Sparpolitik in Hamburg: Ganztag bald ganz ohne Lehrer
> Hamburgs Senat will 87 Ganztagsgrundschulen die Lehrerstellen für den
> Nachmittag streichen. 54 Schulleitungen protestieren mit einem
> Brandbrief.
(IMG) Bild: „Was besprechen“ möchten Ganztagsleitungen und Eltern mit Schulsenatorin Bekeris. Im Schulalltag könnte dafür künftig Raum fehlen
Hamburg rühmt sich für sein gutes Abschneiden bei bundesweiten
Bildungsvergleichen, wozu auch ein flächendeckendes Ganztags-Schulangebot
gehört. Doch nun wird ausgerechnet bei den originären Ganztagsgrundschulen
(GTS), die Lehrkräfte auch am Nachmittag einsetzen, [1][der Rotstift
angesetzt]. Anlass für 54 GTS-Leitungen, einen Appell an Schulsenatorin
Ksenija Bekeris (SPD) zu unterschreiben. „Der Hamburger Ganztag ist ein
Erfolgsmodell. Dieser muss gestärkt und nicht auf Kosten der Kinder kaputt
gespart werden“, heißt es in dem Papier, das der taz vorliegt.
Hamburg hat für seine Grundschulkinder zwei Arten von [2][Ganztagsschulen].
Die meisten, 128 Schulen, haben Unterricht von 8 bis 13 Uhr und bieten
danach Betreuung durch einen Jugendhilfeträger an. Das Modell heißt
„Ganztägige Bildung und Betreuung an Schulen“, kurz GBS. Die übrigen 87
Grundschulen haben eben jenes Ganztagsmodell, bei dem auch Lehrkräfte im
Ganztag eingesetzt werden.
Doch künftig sollen hier nur noch Erzieher arbeiten. Schulsenatorin Ksenija
Bekeris stellte entsprechende Pläne am 19. August im Schulausschuss vor.
Demnach werden in zwei Schritten bis 2028 die 247,7 Lehrkräftestellen und
33,1 Sozialpädagogenstellen in 377 Erzieherstellen umgewandelt. „Wir reden
hier nicht über weniger Personal am Kind“, warb Bekeris für ihren Plan. „Es
ist nicht zwingend, dass eine Lehrkraft besser fördert als ein Erzieher,
das geben die Daten nicht her.“ Die GTS könnten ihren Ganztags-Rhythmus
behalten, nur eben mit anderen Professionen.
Die Umstellung soll unterm Strich 16,5 Millionen Euro im Jahr sparen. Doch
die GTS empfinden diese Kürzung als sehr ungerecht. Zum einen würde so ihr
Konzept kaputt gemacht. Zum anderen seien die GTS bereits heute günstiger
als die mit den Jugendhilfe-Trägern kooperierenden Ganztagsschulen, weil
dort „Overheadkosten“ für Leitungsaufgaben entfielen.
## Streit um Einsparpotenzial
Die GTS-Kosten seien „signifikant günstiger, als Schulen, die im
Kooperationsmodell der GBS organisiert sind“, heißt es auch in einer
Stellungnahme des [3][Verbands Hamburger Schulleitungen] (VHS) von diesem
Montag, in der dieser warnt, dass die Abschaffung des Modells gerade
[4][nach der jüngsten Pisa-Studie] unverständlich und eine „Gefahr für die
Bildung“ sei.
Hinzu kommt, dass jene Ganztagsschulen vor 20 Jahren ganz bewusst in
ärmeren Quartieren mit niedrigerem Sozialindex eingerichtet wurden, wo man
als Nachteilsausgleich mehr Unterricht ermöglichen wollte.
An der Grundschule An der Haake in Hausbruch zum Beispiel gibt es an drei
Nachmittagen der Woche eine 60-minütige „Langstunde“ Unterricht und
entsprechend am Vormittag „freie Arbeitszeiten“ in der Klasse, in denen
Lernschwache Kinder Förderung erhalten. „Auf diese Weise sind in unserem
Konzept die Förderstunden direkt mit dem Stundenplan verwoben“, berichtet
die Elternrätin Tina Wiechmann. „Förderung fühlt sich für die Kinder wie
ein Teil des Unterrichts an, nicht wie zusätzliche Extrastunden, während
die Freunde auf dem Hof Fußball spielen.“
„Diese drei Unterrichtsstunden am Nachmittag fallen künftig weg. Ich kann
die nicht zusätzlich im Morgen unterbringen“, sagt
An-der-Haake-Schulleiterin Gudrun Wolters. Hier falle wichtige Lernzeit
weg, denn diese Stunden könnten Erzieher nicht übernehmen. „Die dürfen
keinen Unterricht machen.“
Auch der Elternrat der Grundschule Sternschanze sieht das dortige Modell in
Gefahr, das Kindern die Auswahl aus einer Vielzahl von Kursen bietet. Das
bedeute weniger Möglichkeiten für Kinder und Lehrkräfte, einander in
informellen Situationen zu begegnen. „Wir fordern, Kindern weiter Zugang zu
vielfältigen fachlichen, kreativen, sportlichen und sozialen Angeboten zu
ermöglichen“, heißt es in einem Papier, das Eltern vor dem Schulausschuss
an Bekeris überreichten. Der Ganztag solle „Bildungs- und Lebensraum
bleiben, nicht lediglich beaufsichtigte Zeit“.
Insgesamt müssen 87 Schulen ihre Konzepte umstellen, für eine
vergleichsweise geringe Einsparung. Das sei nicht gerecht, finden die
Schulleitungen. „In allen anderen Schulformen finden die Einsparungen
solidarisch statt. Hier trifft es nur die GTS“, sagt Gudrun Wolters.
„Hier werden auf einen Schlag Konzepte, die in jahrelanger
Schulentwicklungsarbeit ausgetüftelt wurden, kaputt gemacht“, sagt auch
Svenja Hohnke vom [5][Hamburger Ganztagsschulverband]. Erzieher machten
gute Arbeit, sagt sie. Aber die Arbeit im Ganztag ermögliche Lehrkräften
eine wertvolle Beziehungsarbeit zu den Schülern in einem bewertungsfreien
Raum, wie zum Beispiel in einer AG zu Philosophieren mit Kindern.
„Die sollen das sofort stoppen“, sagt eine Schulleiterin, die anonym
bleiben möchte. Frühere Sparmaßnahmen hätten nie gleich eine ganze
Schulkultur zerrüttet. „So etwas habe ich in 25 Jahren Tätigkeit nicht
erlebt.“
Diese Kürzung sei keine bloße Haushalts-Anpassung, schreiben auch die 54
Rektoren. „Sie greift in das pädagogische Fundament, die Schulkonzepte und
die Schulkulturen der GTS-Schulen ein.“ Die GTS-Leitungen seien bereit zu
konstruktiven Gesprächen, sie appellieren jedoch an den Senat, „die Kürzung
in dieser Form nicht umzusetzen“.
17 Sep 2026
## LINKS
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(DIR) [4] /Neue-Pisa-Studie-veroeffentlicht/!6207598
(DIR) [5] https://ganztagsschulverband.de/laenderebene/landesverbaende/hamburg
## AUTOREN
(DIR) Kaija Kutter
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