# taz.de -- Klimaziel im Straßenverkehr erreichen: Hamburg hält am Auto fest
       
       > Würde Hamburg Benzin- oder Dieselautos sukzessive die Einfahrt verbieten,
       > wäre das Klimaziel im Verkehrssektor 2040 erreicht. Wer bremst da
       > eigentlich?
       
 (IMG) Bild: Bislang noch ein frommer Wunsch: Park(ing) day in Hamburg-St.Georg
       
       Die Sand- und Kieshaufen türmen sich mitten auf der Straße, die neuen
       Gehwegplatten liegen schon aufgereiht zum Verlegen daneben. Entlang der
       rot-weißen Absperrgitter müssen Fußgänger:innen und Radfahrer:innen
       vorerst etwas gedrängt am Rand die Kreuzung der Bahrenfelder Straße und der
       Ottenser Hauptstraße im Hamburger Stadtteil Ottensen überwinden. Autos
       kommen hier schon nicht mehr durch – und werden es auch künftig nicht mehr.
       Der „Freiraum Ottensen“ nimmt gerade Form an.
       
       Wenn die Bauarbeiten im kommenden Jahr abgeschlossen sind, wird ein ganzes
       Jahrzehnt [1][von der ersten Idee bis zur Fertigstellung vergangen sein.]
       Damals trat die Stadtteilinitiative „Ottensen gestalten“ an, um die
       Verkehrswende im Kleinen voranzutreiben. Anfangs schien es, dass das sogar
       zügig gelingen könnte: Ein Versuchsprojekt wurde 2020 auf den Weg gebracht,
       bei der einige kurze, zusammenhängende Straßenabschnitte für den
       Autoverkehr gesperrt wurden. Dann stoppten zwei Geschäftsleute mit ihrer
       Klage den Versuch. Es folgten ellenlange Beteiligungsformate, erst in
       diesem Frühjahr ging der kleinteilige und aufwendige Umbauprozess los.
       
       Dass das Projekt einmal ein Vorbild für die Verkehrswende werden kann,
       glaubt gerade so recht niemand. Schließlich gibt es in Hamburg kaum einen
       Ort, an dem die Voraussetzungen für so eine konkrete Verbannung des
       Autoverkehrs besser sind: Der Stadtteil ist eine der Grünen-Hochburgen; die
       betreffenden Straßen sind von Einzelgeschäften und Gastronomiebetrieben
       gesäumt, vor denen man andernorts eine Fußgängerzone erwarten würde. Wie
       soll das also erst anderswo werden, ohne Ökomilieu und Flanierpotenzial?
       
       Diese Frage stellt sich aber umso drängender, seit die Mehrheit der
       Hamburger Wahlberechtigten vor einem knappen Jahr beim „Hamburger
       Zukunftsentscheid“ dafür gestimmt hat, dass die Stadt bereits 2040
       klimaneutral sein muss. Während es in manchen Bereichen [2][zaghafte
       Anzeichen dafür gibt, dass die CO₂-Emissionen bis dahin konstant gen null
       sinken,] ist der Verkehrsbereich das große Sorgenkind: Die im
       Straßenverkehr verursachten Emissionen liegen mit knapp drei Millionen
       Tonnen CO₂ noch immer kaum merklich unter dem Stand von 2007.
       
       Ist Hamburgs rot-grüner Senat also einfach zu autofreundlich – oder sind es
       äußere Umstände, klagende Anwohner:innen oder die Bundespolitik, die
       bremsen, was der Senat immer stärker zur Verteidigung des Vorwurfs
       hervorhebt?
       
       Tatsächlich ist vieles im Straßenverkehr von Bundesgesetzen geregelt: Ein
       flächendeckendes Tempo 30 auf Hamburgs Straßen, das für einen verminderten
       CO₂-Ausstoß beim Fahren sorgen würde, kann die Stadt nicht einfach
       einführen. Gleiches gilt für die Einrichtung von Null-Emissionszonen: Von
       der Innenstadt ausgehend würde Hamburg sukzessive auf die äußeren
       Stadtgebiete erweiternd die Einfahrt für Benzin- oder Dieselautos
       verbieten. Wäre die Stadt im Jahr 2040 eine große Null-Emissionszone – das
       Klimaziel im Verkehrssektor wäre erreicht.
       
       Indes: Dafür müsste zunächst CO₂ auf Bundesebene in das
       Immissionsschutzgesetz aufgenommen werden. Die Aktivist:innen des
       Hamburger Zukunftsentscheids fordern in ihrem im Juni vorgelegten
       „Maßnahmenkatalog für ein klimaneutrales Hamburg“, dass sich der rot-grüne
       Senat auf Bundesebene dafür starkmachen soll. Angesichts der
       Verkehrspolitik der CDU-geführten Bundesregierung dürfte das aber
       gegenwärtig kaum etwas bringen.
       
       Einen weiteren Vorschlag, der vom Zukunftsentscheid kommt und einer der
       größeren Hebel wäre, um das Klimaziel im Straßenverkehr in den Griff zu
       bekommen, betrifft die Parkplätze. „Wer ohne Probleme einen Parkplatz
       findet, fährt eher mit dem Auto“, konstatiert der Maßnahmenkatalog. Würden
       diese also in der Stadt reduziert, würde der Autoverkehr in der Stadt
       sinken.
       
       Hier allerdings haben SPD und Grüne nach der vergangenen Bürgerschaftswahl
       Anfang 2025 eine klare Entscheidung getroffen: [3][Mit dem sogenannten
       „Masterplan Parken“ soll genau das verhindert werden.] Solange gegenwärtig
       noch eine Untersuchung über die genau Anzahl aller Parkplätze in Hamburg
       läuft, gilt ein „Moratorium“: Ohne ausdrückliche Erlaubnis einer
       Senatskommission unter dem Vorsitz von Bürgermeister Peter Tschentscher
       (SPD) darf derzeit kein Parkplatz im Zuge einer Baumaßnahme wegfallen.
       
       Hinzu kommt: Auch die Alternative zum Auto, das Nutzen des ÖPNV, wird zwar
       stetig ausgebaut, aber längst nicht in dem Ausmaß, wie es mal versprochen
       wurde: Den Hamburg-Takt hat der Senat beerdigt. Bis 2030 sollte von morgens
       bis abends alle fünf Minuten ein Angebot des öffentlichen Nahverkehrs
       verfügbar sein – im gesamten Stadtgebiet.
       
       Statt mit Vehemenz den Autoverkehr in der Stadt insgesamt auf ein Minimum
       zu reduzieren, hofft der Senat vielmehr darauf, dass bald ohnehin kein
       Verbrennerauto mehr durch die Stadt fährt [4][und vom E-Auto abgelöst
       wird.] Durchsetzen kann Hamburg das aber kaum, dafür ist die Bundes- und
       EU-Ebene zuständig – die allerdings das für ab 2035 geplante strikte
       Verbrenner-Aus für Neuwagen gegenwärtig aufweicht.
       
       Der Senat versucht derzeit zumindest ein bisschen gegenzusteuern, indem es
       die Lade-Infrastruktur deutlich ausbaut, um die Attraktivität von E-Auto zu
       steigern. Bis 2030 soll es 10.000 Ladepunkte in der Stadt geben. Zuletzt
       hatte der Ausbau tatsächlich deutlich an Fahrt aufgenommen und liegt bei
       mehr als 5.500.
       
       Ob das schon reicht? Der Klimabeirat der Stadt, ein wissenschaftliches
       Gremium zur Bewertung der städtischen Anstrengungen, ist skeptisch. „Mit
       dem aktuellen Tempo werden die Ziele nicht zu erreichen sein“, sagte
       kürzlich Beiratsmitglied und Verkehrsexpertin Philine Gaffron dem Hamburger
       Abendblatt. Schon im Februar konstatierte der Beirat in einer
       Stellungnahme, dass es überhaupt mal eine „eine integrierte Strategie aus
       Vermeidung, Verlagerung und Dekarbonisierung“ im Verkehrssektor benötigt.
       
       15 Sep 2026
       
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